Es gibt Epochen in der Kunstgeschichte, die nicht mit einem lauten Paukenschlag beginnen, sondern mit einem leisen Schritt ins Freie. Als Mitte des 19. Jahrhunderts eine Gruppe junger Maler ihre Staffeleien vor die Tür trug und begann, die Natur so zu malen, wie sie sie tatsächlich sahen, war das eine stille Revolution – und doch eine, die alles verändern sollte. Naturalismus und Realismus in der Kunst brachen mit den idealisierten Darstellungen der Akademien und stellten stattdessen die Wirklichkeit in den Mittelpunkt: die Landschaft, den arbeitenden Menschen, das soziale Elend. Was als Freilichtmalerei in den Wäldern vor Paris begann, wurde bald zu einer Bewegung, die Gesellschaft und Politik ebenso berührte wie die Leinwand. Doch was genau verbirgt sich hinter den Begriffen Naturalismus Kunst und Realismus Kunst? Und worin liegt ihr Unterschied?
Auf einen Blick
Epoche: ca. 1840–1880
Zentren: Frankreich (Barbizon, Paris), Deutschland
Wichtige Künstler: Camille Corot, Jean-François Millet, Gustave Courbet, Honoré Daumier, Adolph Menzel
Schlüsselwerke: Die Ährenleserinnen (Millet), Die Steinklopfer (Courbet), Das Eisenwalzwerk (Menzel)
Kerngedanke: Die unmittelbare, ungeschönte Darstellung der sichtbaren Wirklichkeit und der sozialen Verhältnisse
Die Geburt der Freilichtmalerei
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein galt in den europäischen Kunstakademien eine klare Hierarchie: Die Historienmalerei stand an der Spitze, gefolgt von Porträt, Genre und Stillleben. Die Landschaftsmalerei rangierte ganz unten. Wer Landschaften malte, tat dies üblicherweise im Atelier, nach Skizzen und aus der Erinnerung – eine idealisierte, häufig italianisierende Natur, die mehr dem ästhetischen Ideal als der Beobachtung diente. Doch in den 1830er-Jahren begann sich etwas zu ändern. Eine technische Neuerung spielte dabei eine entscheidende Rolle: die Erfindung der Zinkfarbtube. Erstmals konnten Künstler ihre Ölfarben bequem und haltbar transportieren – die Voraussetzung dafür, tatsächlich unter freiem Himmel, en plein air, zu arbeiten.
Die Bilder des Naturalismus, die in dieser Frühphase entstanden, zeigen eine ganz neue Haltung gegenüber der Natur. Es ging nicht mehr darum, eine ideale Landschaft zu komponieren, sondern das Gesehene möglichst getreu wiederzugeben: das wechselnde Licht, die atmosphärischen Stimmungen, die Farben eines bestimmten Tages und einer bestimmten Stunde. Die Naturalismus Malerei verstand sich als ehrliche, demutütige Hinwendung zur sichtbaren Welt. Naturalismus Kunst Merkmale wie die Betonung des Lichts, die Treue zum Motiv und der Verzicht auf dramatische Inszenierung prägten eine neue Generation von Malern.
Die Schule von Barbizon
Der Wald von Fontainebleau, rund 60 Kilometer südöstlich von Paris, wurde zum Schauplatz dieser Revolution. Ab den frühen 1830er-Jahren zog es immer mehr Künstler in das Dorf Barbizon am Rand des Waldes. Dort entstand, was die Kunstgeschichte später als die Schule von Barbizon bezeichnen sollte – keine Schule im formalen Sinne, sondern ein loses Netzwerk von Gleichgesinnten, die eine gemeinsame Überzeugung teilten: dass die Natur es verdiente, um ihrer selbst willen gemalt zu werden.
Camille Corot (1796–1875) gilt als einer der bedeutendsten Wegbereiter dieser Bewegung. Bereits in den 1820er-Jahren reiste er nach Italien und malte dort Landschaften von einer Frische und Unmittelbarkeit, die ihre Zeitgenossen verblüfften. Corots spätere Arbeiten, seine silbrig-grünen Baumlandschaften und Teichszenen, verbinden naturalistische Beobachtung mit einer zarten, beinahe lyrischen Stimmung. Er wurde zu einem Vorbild für die nachfolgende Generation, insbesondere für die Impressionisten.
Théodore Rousseau (1812–1867) war der eigentliche Anführer der Barbizon-Gruppe. Seine mächtigen Eichenbilder und Waldszenen strahlen eine fast andachtsvolle Stille aus. Rousseau malte dieselben Motive immer wieder, zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten, und entwickelte so ein frühes Verständnis für die Veränderlichkeit des Lichts, das später bei Claude Monet zum zentralen Thema werden sollte.
Charles-François Daubigny (1817–1878) trieb die Freilichtmalerei noch einen Schritt weiter. Er ließ sich ein Atelierboot bauen – den legendären Botin –, mit dem er die Oise und die Seine befuhr und Flusslandschaften direkt vom Wasser aus malte. Daubignys offene, skizzenhafte Pinselführung brachte ihm den Vorwurf ein, bloße „Impressionen“ zu liefern – ein Wort, das wenige Jahrzehnte später einer ganzen Kunstbewegung ihren Namen geben sollte.
Millet und die Ährenleserinnen
Unter den Künstlern von Barbizon nimmt Jean-François Millet (1814–1875) eine Sonderstellung ein. Während seine Kollegen sich vornehmlich der Landschaft widmeten, rückte Millet den arbeitenden Menschen in den Mittelpunkt. Sein berühmtestes Gemälde, Die Ährenleserinnen (Des glaneuses, 1857), zeigt drei Bäuerinnen, die sich auf einem abgeernteten Feld nach den letzten Ähren bücken. Es ist eine Szene von monumentaler Einfachheit: drei gebückte Gestalten vor einem weiten Horizont, kein Pathos, keine Verherrlichung – nur die stille, mühsame Arbeit der Armut.
Die Ährenleserinnen lösten bei ihrer Ausstellung im Pariser Salon einen Skandal aus. Die konservative Kritik warf Millet vor, „Dreck auf die Leinwand“ zu bringen und sozialistische Propaganda zu betreiben. Denn das Bild stellte eine unbequeme Wahrheit dar: Während im Hintergrund die wohlhabenden Pächter ihre reiche Ernte einfahren, sammeln die drei Frauen im Vordergrund die kärglichen Reste – ein Recht, das den Ärmsten der Armen per Gesetz zustand. Die Ährenleserinnen wurden so zum Sinnbild für die soziale Kluft im ländlichen Frankreich und zu einem frühen Beispiel für eine Kunst, die sich nicht vor der Wirklichkeit verschloss.
Millets Werk steht an der Schwelle zwischen Naturalismus und Realismus. Sein Blick auf die ländliche Armut ist naturalistisch in der genauen Beobachtung, doch realistisch in der sozialen Aussage. Mit Gemälden wie Der Sämann und Das Angelusläuten schuf Millet Ikonen der bäuerlichen Arbeitswelt, die noch Generationen später Maler wie Vincent van Gogh zutiefst beeindruckten. Die Ährenleserinnen Millets bleiben bis heute eines der meistzitierten Werke der europäischen Kunstgeschichte.
Was ist Realismus in der Kunst?
Während der Naturalismus die treue Wiedergabe der äußeren Erscheinungswelt anstrebte, ging der Realismus in der Kunst einen entscheidenden Schritt weiter. Er wollte nicht nur zeigen, wie die Dinge aussahen, sondern wie die Gesellschaft tatsächlich beschaffen war – mit all ihren Widersprüchen, Ungerechtigkeiten und Verwerfungen. Realismus Malerei war von Anfang an eine politische Kunst. Sie reagierte auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen der Mitte des 19. Jahrhunderts: die Industrialisierung, die Landflucht, das Elend des städtischen Proletariats und die gescheiterte Revolution von 1848.
Die europäische Revolution von 1848 markierte einen Wendepunkt. In Frankreich, in den deutschen Staaten, in Österreich und Italien erhoben sich Bürger und Arbeiter gegen die bestehende Ordnung. Obwohl die Revolutionen nahezu überall scheiterten, hinterließen sie tiefe Spuren im kulturellen Bewusstsein. Künstler und Schriftsteller begannen, ihre Aufgabe neu zu definieren: Nicht mehr die Verherrlichung von Idealen, sondern die nüchterne Darstellung der sozialen Wirklichkeit sollte im Zentrum ihres Schaffens stehen. Der Realismus in der Kunst wurde so zu einer Haltung – einer bewussten Entscheidung, den Blick nicht abzuwenden.
Gustave Courbet und die Steinklopfer
Gustave Courbet (1819–1877) gilt als der Begründer des Realismus in der Malerei. Der aus Ornans in der Franche-Comté stammende Künstler formulierte das Programm der neuen Bewegung mit programmatischer Schärfe: „Ich kann keinen Engel malen, weil ich nie einen gesehen habe“, lautete sein berühmtes Credo. Für Courbet durfte die Kunst nur zeigen, was der Künstler mit eigenen Augen wahrgenommen hatte – nicht Mythen, nicht Ideale, nicht himmlische Visionen, sondern die Wirklichkeit.
Sein Gemälde Die Steinklopfer (Les Casseurs de pierres, 1849) wurde zum Schlüsselwerk der Bewegung. Es zeigt zwei Arbeiter am Straßenrand, die Steine zerklopfen – eine der härtesten und niedrigsten Tätigkeiten der damaligen Zeit. Der ältere Mann kniet gebückt, seine Kleidung ist verschlissen und geflickt; der jüngere hebt einen schweren Korb. Ihre Gesichter sind abgewandt oder verdeckt – sie sind keine Individuen, sondern Repräsentanten eines Zustands. Die Steinklopfer von Courbet zeigen keine Hoffnung auf Erlösung, keinen Trost, keine moralische Erhöhung: nur die stumme, erschöpfende Arbeit.
Die zeitgenössische Kritik reagierte empört. Man warf Courbet vor, das Hässliche zu verherrlichen und die Kunst zu entwürdigen. Doch genau darin lag seine Absicht: Die Steinklopfer sollten den Betrachter zwingen, eine Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen, die er lieber übersehen hätte. Das Gemälde wurde 1945 bei der Bombardierung Dresdens zerstört – es ist uns nur durch Reproduktionen überliefert, doch seine Wirkungsgeschichte ist ungebrochen.
Courbets künstlerischer Ehrgeiz beschränkte sich nicht auf Sozialkritik. Sein monumentales Werk Ein Begräbnis in Ornans (Un enterrement à Ornans, 1849–50) brachte eine ländliche Beerdigung auf eine Leinwand von über sechs Metern Breite – ein Format, das bis dahin der Historienmalerei vorbehalten war. Indem er gewöhnliche Dorfbewohner in Lebensgröße darstellte, erhob er das Alltägliche in den Rang des Monumentalen und provozierte damit das Pariser Kunstestablishment zutiefst.
Sein ebenfalls überdimensioniertes Gemälde Das Atelier des Malers (L’Atelier du peintre, 1855), von Courbet selbst als „réelle Allégorie“ bezeichnet, zeigt den Künstler inmitten eines Querschnitts der Gesellschaft. Links sitzen die Vertreter des Elends und der Macht, rechts die Freunde, Sammler und Intellektuellen – in der Mitte aber steht Courbet selbst, malend, als Herr über seine eigene Wirklichkeit. Es ist ein Manifest der künstlerischen Unabhängigkeit, das die Realismus Kunst als eine Frage der Haltung begreift, nicht nur der Technik.
Neben Courbet verdient Honoré Daumier (1808–1879) besondere Erwähnung. Als Lithograph und Karikaturist schärfte er seinen Blick für die sozialen Verhältnisse des Pariser Alltags. Seine über 4.000 Lithographien, veröffentlicht in Zeitschriften wie La Caricature und Le Charivari, zeigen Richter, Politiker, Bourgeois und Arbeiter mit beißendem Witz und erschütternder Treffsicherheit. Daumier wurde mehrfach wegen seiner politischen Karikaturen inhaftiert, doch sein Einfluss auf die Realismus Malerei war enorm. Seine Gemälde – etwa Der Waggon dritter Klasse – gehören zu den eindringlichsten Dokumenten des städtischen Lebens im 19. Jahrhundert.
Adolph Menzel: Realismus in Deutschland
Während Courbet und Daumier in Frankreich die Fahne des Realismus trugen, entwickelte sich in Deutschland eine eigene Spielart der Bewegung. Ihr wichtigster Vertreter war Adolph Menzel (1815–1905), ein Künstler von ungewöhnlicher Vielseitigkeit und Beobachtungsschärfe. Menzel begann als Illustrator und Grafiker, bevor er sich der Ölmalerei zuwandte. Sein Werk umspannt nahezu das gesamte 19. Jahrhundert – von der Spätromantik bis an die Schwelle der Moderne.
Menzels Hauptwerk im Kontext des Realismus ist Das Eisenwalzwerk (Moderne Cyklopen, 1872–1875). Das Gemälde zeigt das Innere einer schlesischen Eisengießerei: glühende Metallblöcke, schwitzende Arbeiter, das Flirren der Hitze, das dumpfe Dröhnen der Maschinen – alles eingefangen in einer dichten, fast bedrängenden Komposition. Das Eisenwalzwerk gilt als das erste bedeutende Gemälde der europäischen Kunst, das die industrielle Arbeitswelt zum zentralen Thema macht. Menzel verbrachte Monate in der Fabrik, fertigte Hunderte von Studien an und schuf ein Werk, das in seiner Detailgenauigkeit und sozialen Schärfe einzigartig ist.
Im Unterschied zu Courbet verband Menzel seine realistische Darstellung nicht mit einer ausdrücklich politischen Botschaft. Das Eisenwalzwerk ist weder Anklage noch Verherrlichung – es ist eine nüchterne, staunende Bestandsaufnahme einer Welt im Umbruch. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Gemälde seine anhaltende Kraft. Es zeigt den deutschen Realismus als eine Kunst, die nicht agitieren, sondern sehen will – genau hinsehen, ohne wegzuschauen.
Naturalismus und Realismus – der Unterschied
Die Frage nach dem Unterschied zwischen Naturalismus und Realismus beschäftigt Kunsthistoriker bis heute. Die Begriffe werden häufig synonym verwendet, doch bei genauerer Betrachtung bezeichnen sie unterschiedliche Haltungen gegenüber der Wirklichkeit.
Der Naturalismus in der Kunst strebt nach einer möglichst genauen, naturgetreuen Wiedergabe der sichtbaren Welt. Er fragt: Wie sieht die Wirklichkeit aus? Die naturalistische Kunst richtet ihren Blick auf die Natur, auf Licht und Atmosphäre, auf die äußere Erscheinung der Dinge. Die Bilder des Naturalismus zeigen Landschaften, ländliche Szenen und Menschen in ihrer natürlichen Umgebung – stets mit dem Anspruch größtmöglicher Naturtreue. Naturalistisch in der Kunst zu arbeiten hieß, die Natur als Lehrmeisterin anzuerkennen und sich ihrer Autorität zu unterwerfen.
Der Realismus hingegen geht über die bloße Naturtreue hinaus. Er fragt nicht nur, wie die Welt aussieht, sondern: Wie ist die Gesellschaft beschaffen? Realismus Kunst hat stets eine soziale, oft eine politische Dimension. Sie will nicht nur darstellen, sondern aufdecken – die Lebensverhältnisse der Armen, die Mechanismen der Macht, die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft. Während der Naturalismus die Natur feiert, konfrontiert der Realismus den Betrachter mit der Gesellschaft.
In der Praxis allerdings überlappen sich die beiden Strömungen vielfach. Ein Maler wie Millet ist zugleich Naturalist und Realist: naturalistisch in seiner genauen Beobachtung des ländlichen Lebens, realistisch in der sozialen Dimension seiner Darstellungen. Und ein Künstler wie Courbet, der programmatische Realist, bediente sich durchaus naturalistischer Mittel, um seine Botschaft glaubwürdig zu vermitteln. Der Unterschied Naturalismus Realismus liegt letztlich weniger in der Technik als in der Intention: Der Naturalist will die Welt zeigen, der Realist will sie verändern.
Auch in der Literatur fand diese Unterscheidung ihren Niederschlag. Der französische Schriftsteller Émile Zola, einer der bedeutendsten Vertreter des literarischen Naturalismus, formulierte ein Programm, das erstaunliche Parallelen zur bildenden Kunst aufweist. Zola forderte, der Roman solle wie ein wissenschaftliches Experiment funktionieren: Der Autor beobachte seine Figuren in einer bestimmten sozialen Umgebung und protokolliere die Ergebnisse. Sein Romanzyklus Les Rougon-Macquart ist ein monumentales Panorama der französischen Gesellschaft unter Napoleon III. – ein literarisches Äquivalent zu Courbets Gemälden. Zola war zudem ein leidenschaftlicher Verfechter der neuen Malerei und verteidigte die Impressionisten öffentlich gegen ihre Kritiker.
Vom Naturalismus zum Impressionismus
Naturalismus und Realismus bereiteten den Boden für die vielleicht berühmteste Kunstrevolution des 19. Jahrhunderts: den Impressionismus. Die Verbindungslinien sind zahlreich und eng. Die Freilichtmalerei der Barbizon-Schule – das Arbeiten vor dem Motiv, die Beobachtung des wechselnden Lichts, die Befreiung von akademischen Konventionen – lieferte den Impressionisten das künstlerische Handwerkszeug. Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir und Camille Pissarro kannten und verehrten die Werke von Corot, Daubigny und Millet; Daubignys lockere Pinselführung nahm die impressionistische Technik geradezu vorweg.
Der Realismus wiederum befreite die Kunst von der Pflicht, „schöne“ Motive zu wählen. Courbets radikale Hinwendung zum Alltäglichen öffnete die Tür für Motive, die bis dahin als kunstunwürdig galten: Bahnhöfe, Cafés, Straßenszenen, tanzende Paare in Gartenrestaurants. Ohne die Vorarbeit von Naturalismus und Realismus wäre der Impressionismus nicht denkbar gewesen.
Doch der Impressionismus ging auch über seine Vorläufer hinaus. Während die Naturalisten die Wirklichkeit möglichst genau abbilden wollten, interessierten sich die Impressionisten für den flüchtigen Eindruck – für das, was das Auge in einem bestimmten Augenblick wahrnimmt, bevor der Verstand das Gesehene ordnet. Die Auflösung der festen Form, die Zerlegung des Lichts in einzelne Farbflecke, die Betonung des Momenthaften – all das war eine konsequente Weiterentwicklung dessen, was die Naturalisten begonnen hatten, und zugleich ein radikaler Bruch.
Die Naturalismus Kunst und die Realismus Kunst des 19. Jahrhunderts stehen somit an einer entscheidenden Wegkreuzung der europäischen Kunstgeschichte. Sie beendeten die Herrschaft der akademischen Tradition und öffneten die Kunst für die gesamte sichtbare Wirklichkeit – für die Natur ebenso wie für die Gesellschaft, für das Schöne ebenso wie für das Hässliche, für das Erhabene ebenso wie für das Alltägliche. Ihre Errungenschaften – die Freilichtmalerei, die soziale Thematik, die Kühnheit des ungeschönten Blicks – wirken bis in die Kunst der Gegenwart fort.
Weiterführende Literatur
- Linda Nochlin: Realism. Penguin Books, London 1971.
- T. J. Clark: Image of the People. Gustave Courbet and the 1848 Revolution. Thames & Hudson, London 1973.
- Robert L. Herbert: Barbizon Revisited. Museum of Fine Arts, Boston 1962.
- Klaus Herding: Realismus als Widerspruch. Die Wirklichkeit in Courbets Malerei. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978.
- Werner Busch / Peter Schmoock (Hrsg.): Kunst. Die Geschichte ihrer Funktionen. Beltz, Weinheim 1987.
- Françoise Cachin: Manet. „J’ai fait ce que j’ai vu“. Gallimard, Paris 1994.
