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StartseiteKunstDas Floß der Medusa – Géricaults Meisterwerk zwischen Romantik und Reportage
Kunst

Das Floß der Medusa – Théodore Géricaults monumentales Historienbild

Historienbilder erzählen

Ein provisorisches Floß treibt auf stürmischer See. Leichen liegen über die Planken verstreut, ausgezehrte Gestalten klammern sich aneinander. In einem letzten verzweifelten Aufbäumen haben sich die Überlebenden zu einer Pyramide aufgetürmt; einer von ihnen schwingt ein Tuch in Richtung eines winzigen Segels am Horizont. Was Théodore Géricault hier auf einer Leinwand von fast fünf mal sieben Metern festhielt, ist nicht bloß eine Schiffbruchszene – es ist die Darstellung eines realen Verbrechens, das Frankreich in seinen Grundfesten erschütterte. Das Floß der Medusa zählt zu den wirkungsmächtigsten Gemälden der europäischen Kunstgeschichte und markiert den Übergang vom Klassizismus zur Romantik.

Das Floß der Medusa – Théodore Géricaults monumentales Historienbild

Werkdaten

Künstler: Théodore Géricault (1791–1824)
Titel: Le Radeau de la Méduse (Das Floß der Medusa)
Entstehung: 1818/1819
Technik: Öl auf Leinwand, 491 × 716 cm
Standort: Musée du Louvre, Paris

Das Floß der Medusa – Ein Bild erschüttert den Salon

Als Géricaults Gemälde im August 1819 im Pariser Salon erschien, trug es den bewusst neutral gewählten Titel Scène de naufrage – Schiffbruchszene. Doch niemand ließ sich täuschen. Jeder Besucher wusste sofort, worum es ging: um den Untergang der Fregatte Medusa drei Jahre zuvor, um einen der größten Skandale der französischen Marinegeschichte, um Inkompetenz, Feigheit und Kannibalismus auf offener See. Der Salon sollte die Stabilität der wiederhergestellten Bourbonenherrschaft demonstrieren – Géricaults Floß der Medusa war eine offene Provokation. Das Gemälde zwang die Betrachter, sich mit einem Ereignis auseinanderzusetzen, das die Regierung am liebsten vergessen gemacht hätte.

Die Wucht des Bildes lag nicht allein in seinem Sujet, sondern in seiner schieren Größe und emotionalen Intensität. Mit fast fünf Metern Höhe und über sieben Metern Breite war es eines der größten Gemälde, die je auf einem Pariser Salon gezeigt worden waren. Géricault hatte sich bewusst für das monumentale Format der Historienmalerei entschieden – jener Gattung, die traditionell den Darstellungen antiker Mythen und biblischer Szenen vorbehalten war. Indem er ein zeitgenössisches Unglück in diesem Format präsentierte, erhob er es in den Rang eines historischen Ereignisses und forderte die gesamte akademische Tradition heraus.

Die Fregatte Medusa – Hintergrund einer Katastrophe

Im Juni 1816 stach ein französisches Geschwader von der Insel Aix aus in See, um die Kolonie Senegal wieder in Besitz zu nehmen, die Frankreich nach den Napoleonischen Kriegen zurückerhalten hatte. An der Spitze der Flotte segelte die Fregatte Medusa unter dem Kommando von Kapitän Hugues Du Roy de Chaumareys. Chaumareys war ein royalistischer Edelmann, der während der Revolution und des Kaiserreichs nicht zur See gefahren war – seit über zwanzig Jahren hatte er kein Schiff mehr kommandiert. Sein Posten war eine Belohnung für politische Loyalität, nicht für seemännisches Können.

Die Folgen waren vorhersehbar. Am 2. Juli 1816 lief das Medusa-Schiff bei ruhiger See und guter Sicht auf die Arguin-Bank vor der westafrikanischen Küste auf. Es war ein Navigationsfehler, der jedem erfahrenen Seemann unbegreiflich erscheinen musste: Die Bank war auf jeder Seekarte verzeichnet, das Wetter war klar, die Position hätte sich mühelos bestimmen lassen. An Bord befanden sich rund 400 Menschen – Soldaten, Beamte, Siedler, Matrosen. Als die Fregatte nicht mehr frei kam, mussten die Rettungsboote zu Wasser gelassen werden. Es gab bei weitem nicht genug Plätze für alle.

Was nun geschah, wurde zum eigentlichen Kern des Skandals. Der Gouverneur, der Kapitän und die höheren Offiziere sicherten sich die vorhandenen Boote. Für die übrigen 150 Personen – überwiegend einfache Soldaten und Matrosen – ließ man hastig ein Floß aus Masten und Planken zusammenzimmern, etwa zwanzig Meter lang und sieben Meter breit. Der Plan sah vor, das Floß an die Rettungsboote zu binden und gemeinsam an die Küste zu schleppen. Doch kaum zwei Stunden nach dem Ablegen wurden die Seile gekappt. Das Floß wurde seinem Schicksal überlassen.

Dreizehn Tage auf dem Floß

Die folgenden dreizehn Tage auf dem Floß der Medusa gehören zu den grauenvollsten Episoden der Seefahrtsgeschichte. Der mitgeführte Schiffszwieback war bereits am ersten Tag aufgebraucht, die Wasserfässer gingen in der ersten Nacht verloren. Nur einige Fässer Wein blieben übrig. Hundertfünfzig Menschen drängten sich auf einer Plattform, deren Ränder bei jedem Wellengang unter Wasser standen. Der Kampf um die Plätze in der Mitte begann sofort.

In der ersten Nacht verschwanden zwanzig Menschen – von den Wellen weggespült oder bei Auseinandersetzungen getötet. In der zweiten Nacht starben weitere fünfundsechzig. Die Offiziere auf dem Floß, so vermuteten spätere Berichterstatter, nutzten die nächtlichen Kämpfe, um die Konkurrenz um den verbliebenen Wein und den knappen Platz zu reduzieren. Ab dem vierten Tag mischten die Überlebenden Urin und Meerwasser unter den Wein, um die Vorräte zu strecken. Am dritten Tag begann, was der Schiffsarzt Jean-Baptiste Savigny später in seinem Bericht mit klinischer Nüchternheit dokumentierte: Die Schiffbrüchigen begannen, die Leichen ihrer Gefährten zu essen.

Nach einer Woche lebten noch achtundzwanzig Menschen. Savigny kam zu dem Schluss, dass nur fünfzehn von ihnen überleben könnten – die übrigen dreizehn litten an schweren Verletzungen und Wahnsinn. Wie Savigny später mit bemerkenswerter Offenheit schrieb: „Wir beschlossen, sie ins Meer zu werfen.“ Der Chirurg selbst wählte die Opfer aus. Er verfasste später seine Doktorarbeit über die „Auswirkungen von Hunger und Durst bei Schiffbrüchigen“ – ein Dokument, das bis heute zu den verstörendsten Texten der Medizingeschichte zählt.

Am dreizehnten Tag entdeckte die Brigg Argus das Floß. Fünfzehn Menschen wurden gerettet, von denen fünf kurz darauf an Bord starben – ihre ausgezehrten Körper vertrugen die plötzliche Nahrungsaufnahme nicht mehr. Von den hundertfünfzig Personen, die dreizehn Tage zuvor das Floß bestiegen hatten, überlebten gerade einmal zehn.

Der Skandal und seine Folgen

Die französische Regierung versuchte zunächst, den Vorfall zu vertuschen. Erst 1817, als die Überlebenden Savigny und der Ingenieur Alexandre Corréard ihren Augenzeugenbericht veröffentlichten, brach der Skandal offen aus. Die Reaktion der Behörden war bezeichnend: Savigny und Corréard wurden aus dem Staatsdienst entlassen, mit Geldstrafen belegt und zeitweise inhaftiert. Doch die Presse hatte das Thema bereits aufgegriffen. Monatelang beherrschte der Untergang der Fregatte Medusa die Schlagzeilen. Die Affäre wurde zum Symbol für alles, was an der restaurierten Bourbonenmonarchie faul war: die Begünstigung inkompetenter Royalisten, die Verachtung für die einfachen Leute, die Vertuschung von Missständen.

Die politischen Folgen waren erheblich. Kapitän Chaumareys wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und zu drei Jahren Haft verurteilt – ein mildes Urteil, das die Opposition als weiteren Beweis für die Vetternwirtschaft der Bourbonen wertete. Der zuständige Marineminister musste schließlich zurücktreten; über zweihundert Marineoffiziere wurden aus dem Dienst entlassen. Die Katastrophe der Medusa hatte sich von einem Schiffsunglück zu einer Staatskrise ausgeweitet.

Théodore Géricault – Ein kurzes, intensives Künstlerleben

Théodore Géricault wurde 1791 in Rouen in eine wohlhabende Familie geboren und wuchs in Paris auf. Bereits als junger Mann zeigte er eine doppelte Leidenschaft: für die Malerei und für Pferde. Beides sollte sein kurzes Leben bestimmen. Er studierte bei dem Klassizisten Pierre-Narcisse Guérin und im Atelier von Carle Vernet, wandte sich aber früh von der akademischen Tradition ab. Sein erstes bedeutendes Werk, der Offizier der Gardejäger beim Angriff (1812), überraschte den Pariser Salon mit einer Dynamik und einer Farbintensität, die sich deutlich vom kühlen Klassizismus eines Jacques-Louis David abhoben. Zwei Jahre später folgte der Verwundete Kürassier (1814) – ein Soldat, der sich vom Schlachtfeld zurückzieht, ein Bild der Desillusion nach Napoleons Niederlagen.

Nach einer Italienreise, auf der er die Werke Michelangelos und Caravaggios studierte, kehrte Géricault 1817 nach Paris zurück und erfuhr von dem Bericht Savignys und Corréards. Das Thema ergriff ihn sofort. Er stürzte sich mit einer Besessenheit in die Arbeit, die alles überstieg, was er zuvor unternommen hatte. Achtzehn Monate lang recherchierte und malte er. Er befragte die Überlebenden Savigny und Corréard persönlich, ließ sich in einer Zimmermannswerkstatt ein maßstabsgetreues Modell des Floßes bauen, besuchte Leichenschauhäuser und Krankenhäuser, um verwesende Körperteile und die Gesichter Sterbender zu studieren. Sein Atelier glich, wie Besucher berichteten, zeitweise einer Leichenhalle.

Géricaults Leben nach dem Floß der Medusa war kurz. Nach der Ausstellung des Gemäldes in London, wo es 1820 mit großem Erfolg gezeigt wurde und über fünfzigtausend Besucher anzog, kehrte er nach Paris zurück und begann eine Serie von Porträts psychisch Kranker – Werke von einer Intensität, die erst im zwanzigsten Jahrhundert volle Anerkennung fanden. Im Herbst 1823 stürzte er vom Pferd. Die Verletzungen heilten schlecht, Komplikationen folgten. Am 26. Januar 1824 starb Théodore Géricault im Alter von nur zweiunddreißig Jahren. Er hinterließ ein Werk, das in seiner Radikalität der gesamten französischen Malerei neue Wege wies.

Das Floß der Medusa – Bildanalyse und Komposition

Betrachten Sie das Gemälde aufmerksam. Géricaults Floß der Medusa zeigt nicht den Moment der größten Verzweiflung, sondern den Augenblick, in dem zum zweiten Mal Hoffnung aufkeimt. Die Brigg Argus ist am Horizont aufgetaucht, nachdem sie zuvor bereits in Sichtweite gewesen und wieder verschwunden war. Die Überlebenden schichten sich zu einer Pyramide auf, deren Spitze ein Mann bildet, der verzweifelt ein Tuch gegen den Himmel schwenkt. Die Komposition folgt zwei gegenläufigen Diagonalen: Die eine führt vom toten Körper links unten aufwärts zum winkenden Mann; die andere vom geblähten Segel nach rechts unten zu den Leichen, die ins Meer gleiten. In diesem Spannungsfeld zwischen Tod und Hoffnung liegt die dramatische Kraft des Bildes.

Die Gesichter der Überlebenden zeigen ein ganzes Spektrum menschlicher Empfindungen. Am Fuß des Mastes sitzt ein alter Mann, der einen toten Jüngling im Arm hält – eine Vater-Sohn-Gruppe, die an eine Pietà erinnert. Er hat den Blick abgewandt, in völliger Resignation versunken. Andere Gestalten recken sich nach vorn, zeigen Angst, Freude, Unglauben. Die Pyramidenkomposition ist eine bewusst klassische Form – Géricault organisiert das Chaos nach den Regeln der akademischen Historienmalerei, um es gerade dadurch monumentaler wirken zu lassen.

Zugleich nimmt sich Géricault bemerkenswerte Freiheiten gegenüber der historischen Wirklichkeit. Die Überlebenden auf dem Gemälde sind zu kräftig, ihre Körper zu muskulös für Menschen, die dreizehn Tage gehungert haben. Die Leichen wirken idealisiert, nicht authentisch verwest. Die Kleidung der Figuren ist zeitlos gewählt, ohne eindeutigen Bezug zur Epoche. Und der dramatische Sturm, der über die Szene hinwegfegt, stimmt nicht mit den historischen Berichten überein – am Tag der Rettung herrschte Sonnenschein. Géricault suchte nicht den Realismus, sondern die künstlerische Wahrheit. Sein Ziel war nicht die getreue Reportage, sondern eine Monumentalität, die das konkrete Ereignis ins Allgemeingültige hebt.

Wirkungsgeschichte – Von Delacroix bis Manet

Die unmittelbare Wirkung des Floßes der Medusa auf die französische Kunst war enorm. Unter den jungen Malern, die das Werk im Salon von 1819 bewunderten, befand sich der einundzwanzigjährige Eugène Delacroix – er hatte Géricault sogar Modell gestanden und liegt als eine der Figuren auf dem Floß, bäuchlings mit dem Gesicht nach unten. Delacroix wurde zum bedeutendsten Fortsetzer von Géricaults Programm. Sein Die Freiheit führt das Volk (1830) führte die Verbindung von politischem Engagement und malerischer Leidenschaft weiter, die Géricault begründet hatte. Wo Géricault noch einen Kompromiss zwischen klassischer Form und romantischem Inhalt suchte, löste sich Delacroix vollständig von den klassizistischen Regeln und setzte ganz auf Farbe, Bewegung und emotionale Überwältigung.

Die Ausstellung des Gemäldes in London im Jahr 1820, organisiert in einem eigens angemieteten Saal in der Egyptian Hall am Piccadilly, wurde zu einem kulturellen Ereignis ersten Ranges. Mehr als fünfzigtausend Besucher sahen das Werk; die englische Presse feierte es als Meisterwerk. Für Géricault, der in Paris nur eine geteilte Aufnahme erfahren hatte – die Jury verlieh ihm lediglich eine Goldmedaille, während die Royalisten das Bild als Provokation verurteilten –, war der Londoner Erfolg eine späte Genugtuung.

Kunsthistorisch markiert das Floß der Medusa eine Scheidelinie. Es gilt als eines der Schlüsselwerke des Übergangs vom Klassizismus zur Romantik. Einerseits bedient sich Géricault noch der klassischen Mittel – der pyramidalen Komposition, der idealisierten Körper, des monumentalen Formats. Andererseits bricht er mit dem klassizistischen Grundsatz, dass die Kunst das Schöne und Erhabene darstellen solle: Sein Sujet ist hässlich, brutal, zeitgenössisch. Es ist diese Spannung zwischen klassischer Form und romantischem Gehalt, die das Gemälde so faszinierend macht.

Ein halbes Jahrhundert später griff Édouard Manet in seiner Erschießung Kaiser Maximilians Géricaults Grundgedanken auf: die Darstellung eines politischen Skandals in der monumentalen Form des Historienbildes. Doch wo Géricault Pathos und Emotion suchte, bevorzugte Manet eine kühle, beinahe unbeteiligte Distanz – ein Unterschied, der den Weg vom romantischen zum modernen Historienbild markiert. Auch die Impressionisten, die Manets Impulse weiterführten, blieben Géricault indirekt verpflichtet: Seine radikal subjektive Herangehensweise an das Bildsujet, seine Weigerung, die Wirklichkeit zu beschönigen, und seine intensive Auseinandersetzung mit dem Licht – das Floß der Medusa lebt von dem dramatischen Kontrast zwischen dunklem Vordergrund und hellem Horizont – wiesen der französischen Malerei den Weg in die Moderne.

Das Floß der Medusa hängt heute im Saal 700 des Musée du Louvre, gegenüber von Paolo Veroneses Hochzeit zu Kana. Beide Gemälde sind von gewaltigen Ausmaßen; beide zeigen eine Menschenmenge in einem dramatischen Moment. Doch während Veronese eine prunkvolle Festszene inszeniert, zeigt Géricault die äußerste menschliche Erniedrigung. Dass diese beiden Bilder einander gegenüberhängen, ist vielleicht der treffendste Kommentar, den ein Museum je zu einem seiner Werke abgegeben hat. Géricaults Floß der Medusa fragt nicht nach dem Glanz der Zivilisation, sondern danach, was von ihr übrig bleibt, wenn alle Regeln zerbrechen. Die Antwort, die das Gemälde gibt, ist bis heute unerträglich – und gerade deshalb unverzichtbar.

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