Warum Tiere in jeder Sprache anders klingen
Ein Hund bellt in Berlin genauso wie in Tokio. Die Schallwellen, die sein Maul verlassen, unterscheiden sich nicht je nach Ländergrenze. Und doch hört ein deutsches Kind „wau-wau“, ein englisches „bow-wow“, ein französisches „ouah-ouah“ und ein japanisches „wan-wan“. Wie ist das möglich? Die Antwort liegt in einer faszinierenden Eigenschaft menschlicher Sprache: Tierlaute sind keine objektiven Abbildungen von Geräuschen, sondern kulturell geprägte Interpretationen. Jede Sprache verfügt über ein eigenes Lautsystem – ein bestimmtes Inventar an Vokalen und Konsonanten –, und dieses System bestimmt, welche Laute überhaupt zur Verfügung stehen, um ein Tiegeräusch nachzuahmen.
Der Linguist Daniel Andreasson hat in seinem Korpus Animal sounds and their respective verbs Dutzende von Sprachen verglichen und dabei gezeigt, wie unterschiedlich das Ergebnis ausfällt, wenn verschiedene Sprachgemeinschaften denselben Tierlaut hören. Was auf den ersten Blick wie eine amüsante Kuriosität erscheint, führt bei näherer Betrachtung zu grundlegenden Fragen der Sprachwissenschaft: Bildet Sprache die Wirklichkeit ab – oder formt sie unsere Wahrnehmung?
Onomatopoesie
Als Onomatopoesie (von griechisch onoma = Name und poiein = machen) bezeichnet man die sprachliche Nachahmung von Naturlauten und Geräuschen. Obwohl solche Wörter das Bezeichnete lautlich nachahmen sollen, variieren sie erheblich zwischen den Sprachen – ein Hinweis darauf, dass auch Lautmalerei kulturell geformt ist.
Der Hund bellt weltweit – aber wie?
Beginnen wir mit dem treuesten Begleiter des Menschen. Wie macht ein Hund in verschiedenen Ländern? In Deutschland lernen Kinder früh, dass der Hund „wau-wau“ macht. Im Englischen heißt es „bow-wow“ oder „woof“, und im Französischen bellt der Hund „ouah-ouah“. Italiener hören „bau-bau“, Spanier „guau-guau“, und im Russischen klingt es wie „gaw-gaw“. Besonders auffällig ist das türkische „hav-hav“ und das japanische „wan-wan“, das dem deutschen „wau-wau“ erstaunlich nahe kommt. Das englische Verb für bellen – to bark – hat wiederum keinerlei lautmalerische Ähnlichkeit mit dem tatsächlichen Geräusch, was zeigt, dass Sprache auch bei Tierlauten häufig den Weg der Abstraktion wählt.
| Sprache | Tierlaut | Verb |
|---|---|---|
| Deutsch | wau-wau | bellen |
| Englisch | bow-wow / woof | to bark |
| Französisch | ouah-ouah | aboyer |
| Italienisch | bau-bau | abbaiare |
| Spanisch | guau-guau | ladrar |
| Russisch | gaw-gaw | lajat |
| Türkisch | hav-hav | havlamak |
| Japanisch | wan-wan | hoeru |
Vom Kikeriki zum Cock-a-doodle-doo: Hahn und Henne
Kein Tierlaut illustriert die Vielfalt sprachlicher Lautmalerei eindrucksvoller als der Ruf des Hahns. Das deutsche „kikeriki“ steht dem französischen „cocorico“ gegenüber, während der Hahn auf Englisch „cock-a-doodle-doo“ kräht – ein Ausdruck, der in seiner Länge und Verspieltheit kaum seinesgleichen kennt. Italiener hören „chicchirichí“, Spanier „quiquiriquí“, Russen „ku-ka-re-ku“ und Japaner „ko-ke-kok-ko“. Das Kikeriki auf Englisch klingt also völlig anders, obwohl der Hahn überall auf der Welt denselben markanten Morgenruf von sich gibt.
Die Henne wiederum macht im Deutschen „gack-gack“, auf Englisch „cluck-cluck“ und auf Französisch das wunderbar lautmalerische „cot-cot-codec“. Auf Türkisch gackert sie „git-git-gidak“, auf Japanisch „ko-ko-ko“. Bemerkenswert ist, dass die Laute für Hahn und Henne in den meisten Sprachen klar voneinander unterschieden werden – ein Zeichen dafür, wie differenziert das menschliche Ohr Tierlaute wahrnimmt und sprachlich einordnet.
| Sprache | Tierlaut |
|---|---|
| Deutsch | kikeriki |
| Englisch | cock-a-doodle-doo |
| Französisch | cocorico |
| Italienisch | chicchirichí |
| Spanisch | quiquiriquí |
| Russisch | ku-ka-re-ku |
| Türkisch | ü-ürü-üüü |
| Japanisch | ko-ke-kok-ko |
Quak, Coin-coin, Oink: Ente und Schwein
Wie macht eine Ente? Im Deutschen ist die Sache klar: Sie quakt. „Quak-quak“ gehört zu den ersten Tierlauten, die deutsche Kinder lernen. Auf Englisch quakt die Ente ebenfalls recht ähnlich: „quack-quack“. Doch im Französischen klingt es völlig anders – dort macht die Ente „coin-coin“, ein Laut, der für deutsche Ohren eher nach einer Münze als nach einem Wasservogel klingt. Im Spanischen hört man „cuac-cuac“, im Japanischen „ga-ga“.
Auch das Schwein gibt international höchst unterschiedliche Laute von sich. Das deutsche „oink“ oder „grunz“ findet im Englischen seine Entsprechung in „oink-oink“. Im Französischen macht das Schwein „groin-groin“ – ein Wort, das dem deutschen „grunzen“ lautlich nahesteht. Wie macht ein Schwein auf Japanisch? Die Antwort lautet „buu-buu“, auf Russisch „chru-chru“ und auf Türkisch einfach „of-of“. Das Schwein auf Französisch mit seinem „groin-groin“ zeigt, wie eng verwandt die germanischen und romanischen Lautmalereien manchmal sein können.
Tierlaute im Überblick: Die große Tabelle
Die folgende Tabelle fasst die Tierlaute der wichtigsten Tiere in acht Sprachen zusammen. Sie zeigt eindrucksvoll, wie verschieden Menschen auf der ganzen Welt dieselben Geräusche wahrnehmen und sprachlich umsetzen.
| Tier | Deutsch | Englisch | Französisch | Italienisch | Spanisch | Russisch | Türkisch | Japanisch |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Hund | wau-wau | bow-wow | ouah-ouah | bau-bau | guau-guau | gaw-gaw | hav-hav | wan-wan |
| Katze | miau | meow | miaou | miao | miau | mjau | miyav | nyaa |
| Hahn | kikeriki | cock-a-doodle-doo | cocorico | chicchirichí | quiquiriquí | ku-ka-re-ku | ü-ürü-üüü | ko-ke-kok-ko |
| Henne | gack-gack | cluck-cluck | cot-cot-codec | coccode | cloc-cloc | ko-ko-ko | git-gidak | ko-ko-ko |
| Ente | quak-quak | quack-quack | coin-coin | qua-qua | cuac-cuac | krja-krja | vak-vak | ga-ga |
| Schwein | oink / grunz | oink-oink | groin-groin | oink | oinc-oinc | chru-chru | of-of | buu-buu |
| Kuh | muh | moo | meuh | muu | muu | muu | möö | moo-moo |
| Frosch | quak | ribbit | coâ-coâ | cra-cra | croac | kwa-kwa | vrak-vrak | kero-kero |
| Vogel | piep-piep | tweet-tweet | cui-cui | cip-cip | pío-pío | tschik-tschirik | cik-cik | chun-chun |
| Biene | summ-summ | buzz | bzzz | zzz | bzzz | zh-zh-zh | vizz | bun-bun |
Auffällig ist, dass manche Tierlaute über Sprachgrenzen hinweg relativ ähnlich klingen – etwa das „miau“ der Katze oder das „muh“ der Kuh. Andere dagegen weichen stark voneinander ab. Der Frosch ist ein besonders markantes Beispiel: Während er im Deutschen „quak“ macht (und damit dem Entenlaut zum Verwechseln ähnelt), ruft er auf Englisch „ribbit“ und auf Japanisch das unverwechselbare „kero-kero“. Tiere, deren Laute eher tief und vokalisch sind – wie die Kuh –, werden sprachlich ähnlicher wiedergegeben als solche mit komplexen, konsonantenreichen Geräuschen.
Onomatopoesie und das willkürliche Zeichen
Die Unterschiede zwischen den Tierlauten verschiedener Sprachen führen direkt zu einer der grundlegenden Fragen der modernen Linguistik. Ferdinand de Saussure, der Begründer der strukturalistischen Sprachwissenschaft, formulierte Anfang des 20. Jahrhunderts das Prinzip der Arbitrarität des Zeichens: Zwischen einem Wort und dem, was es bezeichnet, besteht keine natürliche Verbindung. Das Wort „Baum“ ähnelt einem Baum in keiner Weise – es ist eine reine Konvention.
Lautmalerische Wörter – sogenannte Onomatopoetika – scheinen diesem Prinzip zu widersprechen, denn sie ahmen ja tatsächlich Geräusche nach. Doch gerade der internationale Vergleich von Tierlauten zeigt, dass auch die Onomatopoesie keineswegs „natürlich“ ist. Wenn ein deutscher Hahn „kikeriki“ kräht und ein englischer „cock-a-doodle-doo“, dann ist offensichtlich: Selbst bei der scheinbar direkten Nachahmung eines Geräusches arbeitet die Sprache mit ihren eigenen Mitteln und Konventionen. Die Onomatopoesie ist, wie Saussure es formuliert haben könnte, weniger Abbild als Interpretation.
Le Coq Gaulois: Der Hahn als Nationalsymbol
Kein Tier ist so eng mit einer nationalen Identität verbunden wie der Hahn mit Frankreich. Le coq gaulois – der gallische Hahn – ist seit dem Mittelalter ein Symbol der französischen Nation. Sein Ruf „cocorico“ dient in der Umgangssprache als Ausdruck nationalen Stolzes: Wenn ein Franzose „cocorico!“ ruft, feiert er einen Erfolg seines Landes. Der Ursprung dieser Symbolik liegt in einem lateinischen Wortspiel: Gallus bedeutet sowohl „Gallier“ als auch „Hahn“. Was als Spott der Römer begann, wurde im Laufe der Jahrhunderte zum stolzen Nationalsymbol – der Hahn ziert Rathausgitter, Briefmarken und die Trikots französischer Sportmannschaften.
Im Gegensatz dazu spielt der Hahn in der englischsprachigen Welt eine ganz andere Rolle. Das englische Wort rooster (amerikanisch) oder cock (britisch) trägt keine vergleichbare nationale Symbolik. Umso bemerkenswerter ist es, dass ausgerechnet der englische Hahnenlaut „cock-a-doodle-doo“ zu den längsten und einprägsamsten Lautmalereien der Welt gehört. Er geht auf das 16. Jahrhundert zurück und wurde durch Kinderreime und Nursery Rhymes populär.
„Wie macht der Hund?“ – Tierlaute und Spracherwerb
Eltern auf der ganzen Welt stellen ihren Kleinkindern dieselbe Frage: Wie macht ein Hund? Diese Frage ist weit mehr als ein Spiel. Tierlaute gehören zu den ersten Wörtern, die Kinder lernen, und sie spielen eine wichtige Rolle im Spracherwerb. Entwicklungspsychologen haben gezeigt, dass lautmalerische Wörter für Kinder leichter zu erlernen sind als abstrakte Bezeichnungen, weil sie eine unmittelbare Verbindung zwischen Klang und Bedeutung herstellen.
Das „wau-wau“ für den Hund, das „miau“ für die Katze und das „muh“ für die Kuh sind in der deutschen Kindersprache fest verankert. Sie dienen als Brücke zwischen der Lautwelt des Kindes und der Begriffssprache der Erwachsenen. Bevor ein Kind das Wort „Hund“ zuverlässig verwendet, sagt es „wau-wau“ – und wird verstanden. Tierlaute sind damit nicht nur sprachliche Kuriositäten, sondern ein universelles Werkzeug des frühen Spracherwerbs. In Japan existiert mit dem Konzept der giongo (Lautwörter) und gitaigo (Zustandswörter) sogar ein eigenes grammatisches System für onomatopoetische Ausdrücke, das weit über Tierlaute hinausgeht.
Wumm, Zack, Doki-doki: Lautmalerei in Comics und Manga
Nicht nur in der gesprochenen Sprache, auch in der visuellen Erzählkunst spielen lautmalerische Wörter eine zentrale Rolle. In westlichen Comics sind Soundwörter wie „WHAM!“, „POW!“ und „BANG!“ seit den 1940er Jahren ein festes Gestaltungselement. Deutsche Comics verwenden eigene Varianten: „Wumm“, „Krach“, „Zack“. Diese Wörter stehen großflächig und farbenfroh im Bild und verleihen der Handlung Dynamik.
Japanische Manga gehen noch einen Schritt weiter. Dort durchziehen Lautwörter nahezu jede Seite – und sie beschreiben nicht nur Geräusche, sondern auch Gefühle und Zustände. „Doki-doki“ steht für ein klopfendes Herz, „shiin“ für Stille, „niko-niko“ für ein Lächeln. Dieses System der gitaigo und giongo ist so differenziert, dass es beim Übersetzen japanischer Manga ins Deutsche oder Englische regelmäßig zu Problemen führt. Viele dieser Ausdrücke haben schlicht keine Entsprechung in europäischen Sprachen. Während ein deutscher Comic-Hund „WUFF!“ bellt und ein amerikanischer „WOOF!“, gibt der japanische Manga-Hund ein „WAN!“ von sich – der Tierlaut folgt auch im Comic der sprachlichen Konvention.
Kulturelle Vielfalt im Tierstall
Die Welt der Tierlaute ist ein faszinierendes Fenster in die Vielfalt menschlicher Sprache. Sie zeigt, dass selbst dort, wo wir glauben, die Natur einfach nur „abzubilden“, kulturelle Konventionen am Werk sind. Ein deutscher Hahn ruft „kikeriki“, ein französischer „cocorico“ und ein englischer „cock-a-doodle-doo“ – und jede dieser Formen klingt für die jeweiligen Muttersprachler völlig selbstverständlich und „richtig“.
Wenn Sie das nächste Mal einem Hund begegnen, der freudig bellt, halten Sie einen Moment inne und fragen Sie sich: Was höre ich eigentlich? „Wau-wau“, „bow-wow“ oder „wan-wan“? Die Antwort sagt weniger über den Hund als über Ihre Sprache – und damit über Ihre Kultur.
