Botanische Herkunft: Citrus aurantium aus Asien
Was ist eine Pomeranze? Zunächst einmal schlicht eine Frucht – genauer gesagt die Bitterorange, botanisch Citrus aurantium. Ihre Heimat liegt in den tropischen Regionen Südostasiens, vermutlich im Grenzgebiet zwischen dem heutigen Indien und China. Im Gegensatz zur süßen Orange, die erst im 15. Jahrhundert nach Europa gelangte, war die Bitterorange bereits seit dem 11. Jahrhundert im Mittelmeerraum bekannt. Arabische Händler brachten sie über Persien nach Nordafrika und auf die Iberische Halbinsel.
Die Frucht selbst ist kleiner als eine gewöhnliche Apfelsine, ihre Schale rauer und dicker, ihr Geschmack ausgesprochen herb. Roh ist sie kaum genießbar. Doch gerade diese Bitterkeit machte die Pomeranze in der europäischen Küche und Medizin überaus beliebt: Aus ihrer Schale gewann man Orangeat, aus ihrem Saft entstand die englische Bitterorangen-Marmelade, und die Destillation ihrer Blüten lieferte das kostbare Neroliwasser. Auch der berühmte Likör Cointreau verdankt sein Aroma den Schalen der Bitterorange.
Pomeranze, Orange, Apfelsine – drei Namen, drei Früchte?
Im Deutschen bezeichnen Pomeranze und Apfelsine ursprünglich zwei verschiedene Zitrusfrüchte: Die Pomeranze ist die Bitterorange (Citrus aurantium), die Apfelsine – wörtlich „Apfel aus China“ – die süße Orange (Citrus sinensis). Das Wort „Orange“ wiederum gelangte über das Portugiesische ins Französische und bezeichnete zunächst beide Sorten. Heute meint man mit „Orange“ fast immer die süße Variante.
Etymologie: Vom pomo d’arancia zur Pomeranze
Das Wort Pomeranze selbst hat eine bemerkenswerte Reise hinter sich. Es stammt aus dem Italienischen, wo pomo d’arancia so viel wie „Orangenapfel“ bedeutet – zusammengesetzt aus pomo (Apfel, Frucht) und arancia (Orange). Über das Mittellateinische pomum aurantium gelangte das Wort ins Deutsche, wo es sich im Laufe der Jahrhunderte zu „Pomeranze“ verformte. Im Süddeutschen und Österreichischen hielt sich die Bezeichnung besonders lange – dort kennt man Pomeranzen noch heute als geläufigen Ausdruck für Bitterorangen.
Verwandt ist auch der französische Begriff orange amère sowie das spanische naranja agria. Die gemeinsame Wurzel reicht bis ins Sanskrit zurück: nāranga bezeichnete dort den Orangenbaum. Auf verschlungenen Pfaden – über das Persische, Arabische und Italienische – wurde aus dieser Silbe ein ganzes Bündel europäischer Wörter.
Handelswege und Orangerien – die Pomeranze in Europa
Als die Pomeranze im Hochmittelalter Europa erreichte, galt sie als Kostbarkeit. Fürsten und Kleriker ließen sich die bitteren Früchte aus Sizilien und Andalusien kommen. Später, im Barock, entwickelte sich ein regelrechter Kult um die Zitruspflanze: Adlige ließen prachtvolle Orangerien errichten – beheizte Gewächshäuser, in denen Pomeranzenbäume und andere Zitrusgewächse die kalten mitteleuropäischen Winter überstehen konnten. Die Orangerie von Versailles ist das berühmteste Beispiel, doch auch in Hannover, Wien und Potsdam entstanden solche Bauten.
Die Portugiesen spielten bei der Verbreitung der süßen Orange eine Schlüsselrolle. In vielen Sprachen – etwa im Griechischen (portokáli) oder im Arabischen (burtuqāl) – trägt die Orange bis heute den Namen Portugals. Im norddeutschen Sprachraum setzte sich der Ausdruck „Apfelsine“ durch, ein Lehnwort aus dem Niederländischen, das letztlich „Apfel aus China“ bedeutet. Die ältere Pomeranze hingegen blieb als Bezeichnung für die bittere Schwester erhalten – und wanderte bald aus der Küche in die Sprache der Spottlust.
Das Tiroler Märchen von den drei Pomeranzen
Eine der schönsten literarischen Spuren hat die Pomeranze in einem Tiroler Volksmärchen hinterlassen, das in ähnlicher Form bereits bei Giambattista Basile in seinem Pentamerone (1634) erzählt wird. Die Geschichte geht so: Ein Grafensohn sucht eine Braut, die nicht von einer Mutter geboren wurde. Bei seiner Wanderung findet er auf einem Tisch drei Pomeranzen liegen. Neugierig schneidet er eine davon auf – und aus der Frucht steigt ein wunderschönes Mädchen hervor.
Der Grafensohn ist überwältigt und will die Jungfrau sogleich heiraten. Doch während er Vorbereitungen trifft, erzählt das Mädchen den Nachbarinnen von seinem wundersamen Ursprung. Diese Nachbarinnen entpuppen sich als Hexen, die das Mädchen in eine Taube verwandeln und eine der ihren an seine Stelle setzen. Als der Grafensohn zurückkehrt, findet er statt seiner Braut eine fremde Frau vor. Doch die Taube folgt ihm überallhin, und schließlich entdeckt er in ihrem Gefieder eine Nadel. Als er die Nadel herauszieht, verwandelt sich die Taube zurück in das Mädchen aus der Pomeranze, und die beiden heiraten.
Das Motiv der Jungfrau, die aus einer Frucht geboren wird, findet sich in zahlreichen europäischen Märchenvarianten. Was sind Pomeranzen in diesem Zusammenhang? Sie stehen für das Fremde und Wunderbare, für die exotische Frucht, die etwas Unerwartetes in sich birgt. Basiles italienische Fassung „Die drei Zitronen“ ersetzte die Pomeranzen durch Zitrusfrüchte anderer Art – das Grundmotiv blieb.
Goethe und die Pomeranze: „An seine Spröde“
Auch Johann Wolfgang von Goethe griff zur Pomeranze, als er ein scherzhaftes Liebesgedicht verfasste. In „An seine Spröde“ verglich er die abweisende Geliebte mit der bitteren Frucht:
Ich bin die große Pomeranze,
Gar lieblich anzusehn;
Doch wer mich bricht, dem wird im Munde
Gar grimmig weh geschehn.
Ich bin die kleine Pomeranze,
Die noch am Baume hängt;
Und wer mich bricht, der hat ein Stückchen,
Das ihn nicht lang ergötzt.
Goethe spielte hier mit der Doppeldeutigkeit der Pomeranze: äußerlich verlockend, innerlich bitter. Die Frucht wurde ihm zum Sinnbild der spröden Frau, die schön anzusehen ist, deren Nähe aber Enttäuschung bringt. Dieses Bild – die Pomeranze als Metapher für eine abweisende Frau – sollte sich in der deutschen Sprache noch lange halten.
Landpomeranze, alte Pomeranze – vom Obst zum Schimpfwort
Hier beginnt die eigentliche Wortgeschichte, die die meisten Suchenden im Netz umtreibt. Eine Landpomeranze – was ist das? Der Ausdruck bezeichnete ursprünglich ein unbeholfenes Mädchen vom Lande, eine naive junge Frau, die von der Welt nichts gesehen hat und sich in der Stadt ungeschickt benimmt. Der erste Bestandteil „Land“ verwies auf die ländliche, bäuerliche Herkunft, während „Pomeranze“ das Bild der dicken, runzligen, bitter schmeckenden Frucht heraufbeschwor – im Gegensatz zur glatten, süßen Orange der feinen Gesellschaft.
Die Verbindung zwischen Frucht und weiblichem Spott erklärt sich auch über die Farbe: Ein ländliches Mädchen, das bei der Feldarbeit von der Sonne gebräunt wurde, hatte eine „pomeranzenfarbene“ Haut – weit entfernt vom vornehmen Blass aristokratischer Damen. So wurde die Pomeranze Frau zum Inbegriff der Unkultiviertheit.
Im Laufe der Jahrhunderte löste sich der Begriff von seiner ursprünglichen Bedeutung. Als alte Pomeranze bezeichnet man heute umgangssprachlich eine als langweilig, spießig oder humorlos empfundene Frau – unabhängig von deren Herkunft. Der Ausdruck ist abwertend, und er zielt weniger auf Naivität als auf vermeintliche Unattraktivität und Bitterkeit. Dass ausgerechnet eine Frucht, die in der barocken Gartenkunst als Statussymbol galt, zum Schimpfwort verkam, gehört zu den Ironien der Sprachgeschichte.
Pomeranze heute: Zwischen Küche und Umgangssprache
In der modernen Küche erlebt die Pomeranze eine stille Renaissance. Sterneköche schätzen die Bitterorange als Zutat für Saucen, Chutneys und Desserts. In der Marmeladenherstellung ist sie ohnehin unverzichtbar – die klassische englische marmalade wird ausschließlich aus Bitterorangen gekocht. Auch Pomeranzenöl findet in der Naturheilkunde und Aromatherapie Verwendung.
Sprachlich hingegen verblasst das Wort zusehends. Junge Sprecher kennen Pomeranzen oft nur noch als vage Beleidigung, ohne den botanischen Hintergrund zu ahnen. Die Landpomeranze begegnet allenfalls noch in Romanen des 19. Jahrhunderts oder als scherzhafter Anachronismus. Und doch: Wer einmal weiß, welch langer Weg vom indischen Orangenbaum über arabische Karawanen, italienische Märkte, barocke Orangerien und Tiroler Märchen bis zu Goethes Versen und schließlich zum abfälligen Spitznamen führt, wird die Pomeranze mit anderen Augen betrachten – oder zumindest mit einem Schmunzeln.
