Ein Wort zwischen Stall und Bühne
Wer etwas aus dem Stegreif tut, handelt spontan, ohne Vorbereitung, gleichsam im Moment selbst. Eine Rede aus dem Stegreif gehalten, ein Lied aus dem Stegreif gesungen – stets schwingt darin eine gewisse Bewunderung mit, denn wer ohne Netz und doppelten Boden agiert, zeigt Mut und Geschick. Doch was hat es mit dem Stegreif eigentlich auf sich? Das Wort klingt fremd, fast rätselhaft, und tatsächlich führt seine Spur weit zurück – in eine Zeit, als Pferde das schnellste Fortbewegungsmittel waren und der Sattel über Krieg und Frieden entschied.
Die Redewendung gehört zu jenen sprachlichen Fossilien, die ihren Ursprung längst überlebt haben. Kaum jemand, der sie heute benutzt, denkt dabei an Pferde oder mittelalterliche Boten. Und doch verdanken wir diesen Ausdruck einer ganz konkreten Erfahrung: dem Sitzen im Sattel, ohne abzusteigen.
Steg, Reif, Steigbügel: Die Wortgeschichte
Das Wort Stegreif setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen: „Steg“ und „Reif“. Der erste Teil leitet sich von „steigen“ ab und verweist auf das Aufsteigen auf ein Pferd. Der zweite Teil, „Reif“, bedeutete im Mittelhochdeutschen so viel wie „Strick“ oder „Seil“. Zusammengenommen bezeichnete der Stegreif also eine Seilschlinge, die unter dem Sattel befestigt war und dem Reiter als Fußstütze diente – nichts anderes als das, was wir heute Steigbügel nennen.
Bis ins 18. Jahrhundert hinein war „Stegreif“ die geläufige Bezeichnung für den Steigbügel. Erst danach setzte sich das jüngere Wort durch, und der Stegreif verschwand aus dem alltäglichen Wortschatz – allerdings nicht vollständig. In der Redewendung „aus dem Stegreif“ lebt er bis heute fort, wenn auch in übertragener Bedeutung.
Stegreif – Kurz erklärt
Stegreif (mhd. stegereif) bezeichnete bis ins 18. Jahrhundert den Steigbügel. Die Wendung „aus dem Stegreif“ meinte ursprünglich: vom Pferd herab, ohne abzusteigen. Heute bedeutet sie: spontan, ohne Vorbereitung. Zusammensetzungen wie Stegreifspiel (improvisiertes Theaterstück) und Stegreifübersetzung (vom-Blatt-Übersetzung) sind bis heute gebräuchlich.
Der Steigbügel und sein Siegeszug
Um zu verstehen, warum der Stegreif eine so zentrale Rolle im Alltag des Mittelalters spielte, lohnt ein Blick auf die Geschichte des Steigbügels selbst. Die frühesten Nachweise stammen aus Zentralasien: Reitervolkölker der eurasischen Steppe benutzten bereits im 4. Jahrhundert einfache Schlaufen aus Leder oder Seil, um das Aufsteigen zu erleichtern. In China entwickelten sich im 5. Jahrhundert die ersten Metallbügel. Von dort verbreitete sich die Erfindung über die Seidenstraße nach Westen und erreichte Europa etwa im 7. Jahrhundert – vermutlich über die Awaren, ein Reitervolk der pannonischen Tiefebene.
Die Wirkung war revolutionär. Der Steigbügel gab dem Reiter festen Halt und ermöglichte es, im vollen Galopp mit der Lanze zu stoßen, ohne vom Pferd zu stürzen. Der Historiker Lynn White Jr. sah im Steigbügel den technischen Grundstein für das Rittertum und die schwere Kavallerie des Mittelalters. Ob diese These in ihrer Zuspitzung haltbar ist, wird diskutiert. Unbestritten bleibt, dass der Steigbügel die Kriegsführung grundlegend veränderte.
Eilboten und Stegreifrichter: Vom wörtlichen Gebrauch
Im mittelalterlichen Alltag hatte die Wendung „aus dem Stegreif“ einen ganz handfesten Sinn. Wenn ein Kurier eine dringende Nachricht überbrachte und die Botschaft aus dem Stegreif verkündete, bedeutete dies: Er stieg nicht einmal vom Pferd ab. Die Eile war so groß, dass er seine Mitteilung vom Sattel herab ausrief und sogleich weiterritt. Der Stegreif – also der Bügel, in dem sein Fuß ruhte – wurde zum Sinnbild des Unaufgehaltenen, des Schnellen, des Unvorbereiteten.
Ein verwandtes Phänomen waren die sogenannten Stegreifrichter: mobile Richter, die im Mittelalter von Ort zu Ort reisten und Urteile sprachen, ohne aufwendige Prozesse zu führen. Auch sie entschieden gleichsam „aus dem Stegreif“ – rasch, vor Ort und ohne langwierige Vorbereitung. Der Begriff trug damals noch keine negative Konnotation. Er stand für Entschlossenheit und Pragmatismus.
Commedia dell’arte und das Stegreifspiel
Einen ganz anderen Lebensbereich eroberte der Stegreif im 16. und 17. Jahrhundert: das Theater. Das Stegreifspiel – also eine Aufführung ohne feststehendes Textbuch, bei der die Darsteller ihre Dialoge spontan erfanden – wurde zum Markenzeichen der italienischen Commedia dell’arte. Die Schauspieler kannten lediglich den groben Handlungsverlauf, die canovacci, und füllten die Szenen mit Improvisation, Wortwitz und akrobatischem Spiel.
Im deutschen Sprachraum wurde diese Theaterform als „Stegreifkomödie“ bekannt. Der Begriff war treffend gewählt: So wie der Eilbote aus dem Stegreif handelte – schnell, ohne innezuhalten –, so agierten auch die Schauspieler: aus dem Moment heraus, ohne den Schutz eines auswendig gelernten Textes. Noch heute kennen wir diese Tradition im Improvisationstheater, das in den vergangenen Jahrzehnten eine bemerkenswerte Renaissance erlebt hat.
Stegreifrede, Jazz und die Kunst des Spontanen
In der modernen Sprache begegnet uns der Stegreif vor allem in Zusammensetzungen. Die Stegreifrede bezeichnet eine Ansprache ohne vorbereitetes Manuskript – im Englischen spricht man von einer Rede off the cuff, was sich auf die Gewohnheit bezieht, sich Stichworte auf die Ärmelmanschette zu notieren. Eine weitere englische Entsprechung ist ad-lib, abgeleitet vom lateinischen ad libitum („nach Belieben“). Die Stegreifübersetzung wiederum meint das Übersetzen eines Textes vom Blatt, ohne ihn zuvor gelesen zu haben.
Auch die Musik kennt das Prinzip des Stegreifs. Im Jazz ist die Improvisation das tragende Element: Musiker spielen über harmonische Grundgerüste hinweg, erfinden Melodien im Augenblick und reagieren aufeinander, ohne dass ein Notenblatt ihnen den Weg weist. Charlie Parker und John Coltrane wurden berühmt für ihre Fähigkeit, aus dem Stegreif musikalische Welten zu erschaffen. Die Parallele zum mittelalterlichen Eilboten mag fern liegen – doch beide verbindet dasselbe Grundprinzip: Handeln ohne Aufschub, Gestalten ohne Absicherung.
Verwandte Wörter und Parallelen in anderen Sprachen
Der Stegreif hat in der deutschen Sprache Verwandte hinterlassen. Das Wort Steigbügel selbst lebt in der Redewendung vom Steigbügelhalter fort – im politischen Sprachgebrauch jemand, der einem anderen zur Macht verhilft. Auch der Steigbügeltrunk, ein letzter Abschiedsschluck vor dem Aufbruch des Reiters, hat sich als feste Wendung erhalten.
Andere Sprachen greifen auf eigene Bilder zurück. Im Englischen begegnet neben off the cuff auch on the spur of the moment – wobei spur den Sporn meint, also ebenfalls ein Reiterutensil. Das französische improviser geht auf das lateinische improvisus („unvorhergesehen“) zurück. Die sprachliche Nähe zur Welt des Reitens ist kein Zufall: In vielen europäischen Kulturen war das Pferd das Maß für Geschwindigkeit.
Vom Sattel in den Sprachgebrauch
Die Reise des Wortes Stegreif von der Seilschlinge unter dem Sattel zur Metapher für Spontaneität zeigt anschaulich, wie Sprache sich wandelt. Der gegenständliche Kern – das Reitzubehör – ist längst vergessen. Was bleibt, ist die übertragene Bedeutung: das Ungeplante, das Momenthafte, das Unabgesicherte. Wer aus dem Stegreif spricht, sitzt nicht mehr im Sattel. Aber er teilt mit dem mittelalterlichen Eilboten die Bereitschaft, ohne Vorbereitung zu handeln.
Vielleicht liegt gerade darin der Grund, warum die Wendung sich so hartnäckig hält. Sie verbindet das Risiko des Scheiterns mit der Eleganz des Gelingens. Ob auf der Bühne, am Rednerpult oder im Jazzclub – aus dem Stegreif zu handeln ist immer auch eine kleine Mutprobe.
