Bedeutung und Gebrauch der Redensart
Jeder kennt die Situation: Eine Tür steht offen, ein Fenster ist gekippt, und ein kalter Luftzug streicht durch den Raum. Jemand ruft: „Mach die Tür zu, es zieht wie Hechtsuppe!“ Die Redensart beschreibt einen besonders kräftigen, unangenehmen Durchzug – eine Zugluft, die man nicht übersehen (oder besser: nicht überfühlen) kann. Dabei meint „ziehen“ hier ganz wörtlich das Strömen kalter Luft durch einen Raum, jenen Zug, vor dem sich insbesondere ältere Menschen seit jeher fürchten.
Doch was hat eine Suppe aus Hecht mit Zugluft zu schaffen? Auf den ersten Blick erscheint die Verbindung rätselhaft. Tatsächlich gehört „zieht wie Hechtsuppe“ zu jenen deutschen Redewendungen, deren Herkunft sich nicht auf den ersten Blick erschließt – und über deren Ursprung sich Sprachwissenschaftler seit Jahrzehnten den Kopf zerbrechen. Zwei Theorien haben sich in der Forschung durchgesetzt, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Auf einen Blick: „Zieht wie Hechtsuppe“
Bedeutung: Es herrscht starke Zugluft, es zieht kräftig.
Herkunft: Umstritten – entweder vom langen Ziehen (Simmern) der Fischsuppe oder vom jiddischen hech supha („wie ein Sturm“).
Erste Belege: 18./19. Jahrhundert im norddeutschen Sprachraum.
Suchvolumen: Die Wendung wird monatlich hundertfach im Internet gesucht – ein Zeichen, dass sie viele Menschen neugierig macht.
Theorie 1: Die Fischsuppe, die lange ziehen muss
Die erste und für viele naheliegendste Erklärung setzt bei der wörtlichen Bedeutung an. Eine Hechtsuppe – also eine Suppe oder Brühe aus dem Raubfisch Hecht – muss nach alter Küchentradition besonders lange ziehen, das heißt: bei niedriger Hitze langsam simmern, damit sich der volle Geschmack entfaltet. Das Wort „ziehen“ wurde in der Küchensprache seit dem Mittelalter für diesen Vorgang des langsamen Garens verwendet, ähnlich wie beim Tee, der ebenfalls „zieht“.
Der Witz der Redensart läge demnach in einem Wortspiel: So wie die Hechtsuppe besonders lang und intensiv zieht, so zieht auch die Zugluft besonders stark. Die Doppelbedeutung von „ziehen“ – einerseits als kulinarischer Fachbegriff, andererseits als Beschreibung für Luftbewegung – hätte den Vergleich hervorgebracht. Man stelle sich einen Sprecher des 18. Jahrhunderts vor, der in einem zugigen Wirtshaus sitzt und mit einem Augenzwinkern feststellt: „Hier zieht es ja wie eine Hechtsuppe!“
Allerdings hat diese Erklärung eine Schwäche: Es gibt keinen Beleg dafür, dass ausgerechnet die Hechtsuppe unter allen Fischsuppen für besonders langes Ziehen bekannt gewesen wäre. Eine Karpfenbrühe oder eine Aalsuppe erfordert ähnliche Zubereitungszeiten. Warum also gerade der Hecht? Kritiker dieser Theorie sehen darin einen Hinweis, dass die wahre Herkunft anderswo liegt.
Theorie 2: Jiddisch „hech supha“ – wie ein Sturm
Die zweite und unter Linguisten verbreitetere Theorie führt die Redensart auf das Jiddische zurück. Im Jiddischen gibt es den Ausdruck hech supha (auch hech ki-supha geschrieben), der so viel bedeutet wie „wie ein Sturm“ oder „wie eine Windsbraut“. Das hebräische Wort supha bezeichnet einen heftigen Sturm oder Orkan, und hech (beziehungsweise he’ach) ist eine Vergleichspartikel mit der Bedeutung „wie“.
Nach dieser Deutung hätten deutschsprachige Hörer den jiddischen Ausdruck missverstanden und lautlich an das ihnen vertraute Wort „Hechtsuppe“ angeglichen. Ein solcher Vorgang – die Umdeutung eines fremden Wortes in ein klanglich ähnliches, aber inhaltlich anderes Wort der eigenen Sprache – wird in der Sprachwissenschaft als Volksetymologie bezeichnet. Aus dem unverstandenen hech supha wurde so die vermeintlich verständliche „Hechtsuppe“, obwohl weder Hecht noch Suppe etwas mit der eigentlichen Bedeutung zu tun haben.
Für diese Theorie spricht einiges: Die Redensart ist vor allem im norddeutschen Raum verbreitet, wo der Kontakt zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerungsgruppen besonders intensiv war. Auch die inhaltliche Passung ist bestechend – „es zieht wie ein Sturm“ ergibt als Beschreibung für heftigen Durchzug unmittelbar Sinn, während die Verbindung zur Fischsuppe konstruiert wirkt.
Weitere Deutungsansätze
Neben den beiden Haupttheorien gibt es weitere Erklärungsversuche. Eine Deutung verknüpft die Redensart mit dem Räuchern von Fisch: Beim Räuchervorgang war ein kräftiger Luftzug notwendig, um den Rauch gleichmäßig um die Fische strömen zu lassen. „Es zieht wie bei der Hechtsuppe“ könnte demnach auf die zugige Räucherkammer anspielen. Andere Autoren betrachten die Redensart schlicht als lautmalerisch: Das Wort „Hechtsuppe“ klinge durch seine harten Konsonanten und den zischenden „cht“-Laut bereits nach etwas, das kräftig durch einen Raum fegt.
Jiddische Spuren und der Hecht in der deutschen Sprache
Sollte die jiddische Herkunft zutreffen, steht „zieht wie Hechtsuppe“ in einer langen Tradition. Das Jiddische hat die deutsche Alltagssprache stärker beeinflusst, als den meisten Sprechern bewusst ist. Wörter wie „Schlamassel“ (von schlimm und masal, Glück), „Mischpoke“ (von mischpacha, Familie), „meschugge“ (von m’schugga, verrückt) oder „Ganove“ (von ganav, Dieb) sind fester Bestandteil des deutschen Wortschatzes. Dieser sprachliche Austausch fand insbesondere in den Städten Norddeutschlands und des Rheinlands statt, wo jüdische Gemeinden seit dem Mittelalter ansässig waren. Dass bei der Übernahme fremder Ausdrücke Missverständnisse auftraten und fremde Laute an vertraute deutsche Wörter angeglichen wurden – eine sogenannte Volksetymologie –, ist ein völlig natürlicher Vorgang.
Unabhängig von der Herkunft der Redensart lohnt auch ein Blick auf den Hecht selbst. Der Raubfisch (Esox lucius) spielt in der deutschen Sprache eine bemerkenswerte Rolle: Der „Hecht im Karpfenteich“ bezeichnet eine Person, die in eine ruhige Gemeinschaft kommt und dort für Aufregung sorgt. In der mittelalterlichen Fastenzeit galt der Hecht zudem als edler Speisefisch auf den Tafeln der Wohlhabenden – eine Hechtsuppe war kein alltägliches Gericht, sondern ein Zeichen gehobener Tafelkultur.
Essen in der Sprache: Verwandte Redensarten
Die deutsche Sprache ist reich an Redewendungen aus der Welt des Essens. Wer etwas für unerheblich hält, sagt „das ist mir Wurst“ – vermutlich, weil es bei der Wurst egal ist, an welchem Ende man sie anschneidet. Wer unerwünscht seine Meinung äußert, „gibt seinen Senf dazu“. Auch die „Milchmädchenrechnung“, „in den sauren Apfel beißen“ und „die Suppe ausessen müssen“ gehören in diese Kategorie kulinarisch gefärbter Sprachbilder. Die Küche war über Jahrhunderte der Mittelpunkt des häuslichen Lebens – kein Wunder, dass ihre Bilder in die Alltagssprache eingingen.
Regionale Varianten, heutiger Gebrauch und Zugluft international
Interessanterweise ist „es zieht wie Hechtsuppe“ nicht überall im deutschen Sprachraum gleich verbreitet. Die Redensart hat ihren Schwerpunkt im norddeutschen Raum. In Süddeutschland, Österreich und der Schweiz kennt man sie zwar, verwendet aber eher eigene Ausdrücke: In Bayern spricht man davon, dass es „zieht wie in einem Taubenschlag“, in Österreich kann es „ziehen wie in einem Stadl“ (einer Scheune). Im heutigen Sprachgebrauch hat sich die Wendung in allen Altersgruppen fest etabliert – gerade weil sie so bildhaft und zugleich humorvoll klingt.
Auch international kennen Sprachen bildhafte Wendungen für Zugluft. Im Englischen spricht man schlicht von a terrible draught, während die französische Wendung il y a un courant d’air à décorner les bœufs („ein Luftzug, der Ochsen enthornen könnte“) der deutschen Hechtsuppe an Bildhaftigkeit kaum nachsteht. In Mitteleuropa ist die Angst vor Zugluft kulturell tief verankert, während sie in Skandinavien weniger ausgeprägt erscheint. Medizinisch ist die Vorstellung, dass Zugluft krank macht, übrigens umstritten – doch das hat die Deutschen nie davon abgehalten, beim kleinsten Durchzug besorgt nach offenen Fenstern zu fahnden.
So bleibt „zieht wie Hechtsuppe“ ein Beispiel dafür, wie sich in einer einzigen Redensart Sprachgeschichte, Kulturkontakt und Alltagserfahrung verdichten. Ob die Erklärung nun bei der Fischsuppe oder beim jiddischen Sturm liegt – die Wendung wird uns wohl noch viele Generationen begleiten.
