Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Raum, umgeben von zwölf monumentalen Leinwänden. Die Farben schreien, tropfen, verlaufen ineinander. Es riecht förmlich nach Pulverdampf und Salzwasser. Was Sie vor sich haben, ist kein gewöhnliches Gemälde – es ist ein Schlachtfeld, festgehalten in Acryl, Wachskreide und Graphit. Cy Twomblys „Lepanto“-Zyklus gehört zu den außergewöhnlichsten Werken der zeitgenössischen Kunst, und wenn Sie ihn einmal gesehen haben, werden Sie ihn nicht mehr vergessen.
Werkdaten
Künstler: Cy Twombly (1928–2011)
Titel: Lepanto
Entstehung: 2001
Technik: Acryl, Wachskreide und Graphit auf Leinwand, 12 Teile
Anlass: 49. Biennale di Venezia
Standort: Museum Brandhorst, München
Eine Seeschlacht, die die Welt veränderte
Am 7. Oktober 1571 trafen im Golf von Korinth zwei gigantische Flotten aufeinander. Die Schlacht von Lepanto war eine der blutigsten Seeschlachten der Geschichte – und zugleich ein Wendepunkt. Eine Allianz aus spanischen, venezianischen und päpstlichen Truppen stellte sich der osmanischen Flotte entgegen. 260 türkische Schiffe standen 211 christlichen gegenüber. Als die Sonne an jenem Abend unterging, hatten 37.646 Menschen ihr Leben verloren. Die Niederlage der Osmanen brach deren Vormachtstellung im Mittelmeer und veränderte das europäische Machtgefüge nachhaltig.
Bereits Fernando Bertelli verewigte die Schlacht in einem berühmten Kupferstich. Doch kein Künstler hat das rohe Grauen dieses Tages so unmittelbar in Farbe übersetzt wie Cy Twombly – über vierhundert Jahre später.
Der scheue Meister: Cy Twombly und sein Weg
Edwin Parker Twombly Jr., den alle Welt nur als Cy Twombly kannte, war zeitlebens ein Sonderling der Kunstwelt. 1928 in Lexington, Virginia, geboren, studierte er an der legendären Black Mountain College, wo er auf Robert Rauschenberg traf. In den 1950er Jahren zog es ihn nach Europa, und schließlich ließ er sich in Rom nieder – weit weg vom Trubel der New Yorker Kunstszene, die seine Zeitgenossen so magnetisch anzog.
Seine Cy Twombly Bilder sind unverwechselbar: krakelige Linien, die an Graffiti erinnern, verlaufende Farbmassen, mythologische Anspielungen und eine rohe Emotionalität, die vielen Betrachtern zunächst als „kindlich-naiv“ erscheint. Doch hinter dieser scheinbaren Einfachheit verbirgt sich eine tiefe Auseinandersetzung mit Geschichte, Literatur und dem Mittelmeerraum. Twombly war ein Gelehrter mit dem Pinsel – oder besser gesagt: mit der Wachskreide.
Bezeichnend für den Menschen Twombly ist eine Anekdote von der Eröffnung seiner „Lepanto“-Ausstellung 2002 in der Alten Pinakothek in München: Während drinnen die Presse auf ihn wartete, mischte er sich draußen unerkannt unter die Zuschauer – und verschwand bald wieder. Bei der Eröffnung der gleichen Ausstellung im Museum of Fine Arts in Houston 2005 wiederholte sich das Spiel: Der Künstler saß inkognito auf einer Couch in der Ecke des Saales, während die geladenen Gäste ihn suchten.
Venedig 2001: Geburt eines Monumentalwerks
Als die Organisatoren der 49. Biennale di Venezia Twombly im Jahr 2001 einen eigenen Raum anboten, hätte er einfach bestehende Arbeiten auswählen können. Doch das war nicht Twomblys Art. Er ließ es sich nicht nehmen, ein vollkommen neues Werk zu schaffen – eines, das in seiner Dimension und erzählerischen Kraft alles Bisherige übertreffen sollte.
Die Wahl des Sujets war kein Zufall. Venedig, die Stadt der Biennale, war 1571 eine der treibenden Kräfte hinter der Heiligen Liga gewesen. Die Schlacht von Lepanto ist untrennbar mit der Serenissima verbunden. Twombly, der Liebhaber des Antik-Mystischen, griff zurück auf den berühmten „Tapestry from the Battle of Lepanto“ im Palazzo Doria Pamphili – und schuf daraus etwas radikal Neues.
In zwölf Akten durch die Hölle: Die Farbdramaturgie
Der „Lepanto“-Zyklus besteht aus zwölf Teilen, die Sie sich wie einen Bildstreifen vorstellen können – beinahe wie einen monumentalen Comicstrip, der eine Geschichte erzählt. Die Perspektive wechselt dabei ständig: Mal blicken Sie aus der Vogelperspektive auf das Geschehen herab, mal werden Sie in eine Nahaufnahme hineingezogen, direkt ins Getümmel.
Was diesen Cy Twombly Lepanto-Zyklus so außergewöhnlich macht, ist seine Farbdramaturgie. Die Bilder 1, 4, 8 und 12 bilden einen Rahmen aus Farbakkorden, der die erzählerischen Teile dazwischen einfasst. Das erste Bild empfängt Sie mit gelben und roten Flecken, die sanft ineinander verlaufen. Sie könnten meinen, einen Sonnenaufgang zu sehen, der sich auf dem Wasser des Golfs von Korinth spiegelt – warm, beinahe fröhlich. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.
Doch schon das zweite Bild reißt Sie aus dieser Idylle. Erste Schiffe erstürmen die Leinwand, hingeworfen in kühnen schwarzen Linien. Rotgelbe Flecken auf ihren Planken deuten ihr Schicksal voraus. Das Wasser wird kräftiger, dunkler. Weitere Schiffe erscheinen. Das Rot beginnt, das sanfte Gelb zu verdrängen – unaufhaltsam, wie das Blut, das bald fließen wird.
Das Inferno auf Leinwand
Im vierten Teil ist der Sonnenaufgang endgültig verschwunden. Blutrot frisst sich durch die Leinwand, drängt das Gelb zurück. Die Farbtupfer ordnen sich beinahe in Schlachtaufstellung – als hätte Twombly die taktische Formation der Flotten in pure Farbe übersetzt. Selbst die rechte untere Ecke, die im ersten Bild noch unberührt weiß geblieben war, verliert ihre Unschuld durch lilarote Streifen.
Die Schlachtschiffe werden zunehmend dunkler. Schwere schwarze Linien deuten ihre Formen nur noch an, manche sind verblasst, regelrecht „ausradiert“ – die ersten Verluste. Das Bild scheint rauchiger zu werden, als zöge der Pulverdampf über die Leinwand. Das Rot wandelt sich zu tiefem Blutrot, das Wasser wirkt bedrohlich kalt.
Im sechsten Teil erreicht die Dramatik einen neuen Höhepunkt. Die Farben verschwimmen und zerlaufen stark. Ein Schiff erscheint ganz in Schwarz, umrandet von roten Linien – das Feuer, das auf der Seite des Feindes mitkämpft, fordert seinen Tribut. Versinkende Schiffe, zerfließende Farbmassen färben das Wasser auf der rechten Seite. Selbst das Grün, das Sie im ersten Abschnitt vielleicht noch als hoffnungsvolles Zeichen gedeutet haben, verschwindet hinter rauchenden Schiffsbalken.
Das siebte Bild offenbart Ihnen schließlich das ganze Ausmaß der Schlacht: kräftige, verlaufende Farben, die sich am unteren Rand vereinigen. Die Schiffe haben ihr schweres Schwarz verloren – ein leuchtendes Rot hat es ersetzt. Im oberen Teil noch bunte, kräftige Farben, die jedoch im Verlaufen sich zu einer flehenden Masse zusammenfinden und förmlich aus dem Bild zu flüchten scheinen.
Blut, Rauch und Stille: Das Finale
Der achte Teil bringt einen Bruch. Er greift das Thema der Farbakkorde aus Bild 1 und 4 wieder auf, adaptiert es aber an das Schicksal, das Gemetzel auf den Schiffen. Lilarote Kleckse stemmen sich vor das schillernde Gelb und verschwimmen mit dunkler Farbe. Was folgt, ist ein langsames Verlöschen: Dunkelheit, Rauch, alle Schiffe gehen ihrem Schicksal entgegen – bald zur Unkenntlichkeit verlaufen, bald weggewischt, mit Wasser übertüncht, untergegangen.
In den letzten Bildern dominiert Dunkelrot, das aus dem Himmelsblau des Wassers hervorsticht. Selbst das Gelb, einst so strahlend, passt sich verlaufend dem Schicksal der anderen Farben an. Die Schiffe sind nun ganz mit Lilarot ausgefüllt, endgültig ihrem Fatum überlassen. Das letzte Bild erinnert unweigerlich an die Werke Hermann Nitschs und sein Orgien-Mysterien-Theater: Blut dominiert die Leinwand. Das letzte Grün, das in Bild elf noch einmal kurz aufblitzte, ist verschwunden. Pink, Rot und Lila erzählen vom Ausgang der Schlacht – ohne ein einziges Wort.
Historienmalerei neu gedacht
Was Twombly mit dem „Lepanto“-Zyklus geschaffen hat, ist nichts Geringeres als eine Neuerfindung der Historienmalerei. Seit den großen Schlachtengemälden eines Carl Theodor von Piloty oder Albrecht Altdorfers berühmter „Alexanderschlacht“ galt die Gattung vielen als erschöpft. Doch Twombly – gemeinsam mit Anselm Kiefer, der die Gattung ebenfalls aufgriff – bewies, dass historische Malerei auch im 21. Jahrhundert noch etwas zu sagen hat.
Was diese neuen Historienbilder mit den alten Meisterwerken gemeinsam haben, ist allein die Größe, die nötig ist, um die Bedeutsamkeit der Ereignisse widerzuspiegeln. Die Bildsprache jedoch ist eine vollkommen andere. Twombly greift die Errungenschaften der Moderne und vor allem der Postmoderne auf und übersetzt sie in etwas Neues. Er entkleidet die Schlacht auf das bloße Gewesen-Sein – und verleiht ihr damit paradoxerweise Universalcharakter.
Barry Walker, Kurator für die Kunst des 20. Jahrhunderts am Museum of Fine Arts in Houston, formulierte es treffend: In Cy Twomblys Lepanto sehe man die auf ihre Essenz reduzierte historische Wirklichkeit, dargestellt in einer Art, die ein „Redefining“ des eigentlichen Malens sei. Walker widersprach damit entschieden jenen Stimmen, die das Werk als kindlich-naiv abzustempeln versuchten. Für ihn war „Lepanto“ eines der bedeutendsten zeitgenössischen Werke überhaupt.
Jenseits der Politik: Universelle Gültigkeit
Ein wichtiger Aspekt verdient Ihre besondere Aufmerksamkeit: Obwohl die Schlacht von Lepanto einen Konflikt zwischen christlicher und osmanischer Welt darstellt, ist Twomblys Werk kein politisches Statement. Der Zyklus entstand vor dem 11. September 2001, der aufgegriffene Topos hat nichts mit einer vermeintlichen Auseinandersetzung von Orient und Okzident zu tun.
Vielmehr ist es Twomblys lebenslange Vorliebe für das Gewesene, für das Historische und Antik-Mystische, die sich hier in der radikalsten Elementarisierung offenbart. Fast 500 Jahre nach der Schlacht ist das Thema zwar so aktuell wie selten zuvor – doch Twombly ging es nicht um politische Botschaften, sondern um die universelle Erfahrung von Gewalt, Schicksal und dem Strom der Geschichte.
Cy Twombly im Museum Brandhorst
Wenn Sie den „Lepanto“-Zyklus heute selbst erleben möchten, finden Sie ihn in der Sammlung des Museum Brandhorst in München. Die Sammlung Brandhorst erwarb das Werk, und es bildet dort eines der Herzstücke der Ausstellung. Dass ausgerechnet München – wo der Zyklus 2002 erstmals in der Alten Pinakothek gezeigt wurde – zur dauerhaften Heimat dieses Meisterwerks wurde, hat eine schöne Logik.
Stehen Sie vor den zwölf Leinwänden, lassen Sie sich Zeit. Gehen Sie langsam von links nach rechts, folgen Sie der Farbdramaturgie wie einer Partitur. Beobachten Sie, wie das warme Gelb des Sonnenaufgangs allmählich im Blutrot versinkt. Achten Sie auf das Grün – jene zarte Hoffnung, die immer wieder aufflackert und schließlich erlischt. Und wenn Sie am letzten Bild angekommen sind, werden Sie verstehen, warum Cy Twombly Bilder schaffen konnte, die eine 430 Jahre alte Schlacht so lebendig und erschütternd erzählen, als wäre sie gestern geschehen.
Der „Lepanto“-Zyklus ist mehr als ein Kunstwerk. Er ist ein Beweis dafür, dass große Malerei nicht an die figurative Darstellung gebunden ist – und dass Geschichte in Farbe manchmal lauter spricht als in Worten.
