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Kunst

Plakatkunst als Kunstform: Wie Toulouse-Lautrec das Plakat zur Kunst erhob

Wer heute durch eine Großstadt geht, begegnet Hunderten von Plakaten – an Litfaßsäulen, in U-Bahn-Schächten, auf Bauzäunen. Wir nehmen sie kaum noch wahr. Doch es gab eine Zeit, in der das Plakat eine revolutionäre Erfindung war: ein Medium, das Kunst und Werbung erstmals zusammenbrachte und die Straßen der Großstädte in Freiluftgalerien verwandelte. Kein Künstler hat diesen Wandel so entscheidend geprägt wie Henri de Toulouse-Lautrec. Seine Plakate für das Moulin Rouge und die Pariser Cabaret-Szene gelten bis heute als Meisterwerke der Plakatkunst – und als Geburtsstunde des modernen Grafikdesigns.

Plakatkunst als Kunstform: Wie Toulouse-Lautrec das Plakat zur Kunst erhob

Von der Lithographie zur Plakatkunst

Die technische Revolution

Ohne eine technische Neuerung wäre die Plakatkunst des 19. Jahrhunderts nicht denkbar gewesen: die Lithographie. Alois Senefelder hatte das Flachdruckverfahren bereits 1798 in München erfunden, doch erst die Weiterentwicklung zur Farblithographie – auch Chromolithographie genannt – machte das Verfahren für die Massenproduktion interessant. Dabei wird eine Zeichnung mit fetthaltiger Kreide oder Tusche auf einen Kalkstein aufgetragen. Durch chemische Behandlung nehmen die gezeichneten Stellen Druckfarbe an, während die unbezeichneten Flächen sie abstoßen. Für jede Farbe wird ein eigener Stein benötigt – bei aufwendigen Plakaten konnten das fünf, sechs oder mehr Druckdurchgänge sein.

Der entscheidende Vorteil: Hohe Auflagen zu vergleichsweise geringen Kosten. Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die industrielle Produktion einen enormen Aufschwung. Neue Waren mussten beworben, Veranstaltungen angekündigt werden. Das Plakat erwies sich als ideales Medium – großformatig, farbig, weithin sichtbar. Zunächst wurden die Entwürfe von Gebrauchsgrafikern gefertigt, doch bald entdeckten „echte“ Maler das neue Format für sich.

Jules Chéret – der Vater des modernen Plakats

Als Pionier der künstlerischen Plakatgestaltung gilt der französische Maler und Grafiker Jules Chéret (1836–1932). Chéret hatte das Lithographiehandwerk in London erlernt und brachte 1866 eine eigene Druckerpresse nach Paris. In den folgenden Jahrzehnten schuf er über tausend Plakate, die das Pariser Straßenbild prägten. Sein revolutionärer Schritt kam 1877, als er in einem Plakatentwurf bewusst auf Perspektive und Schattierung verzichtete. Stattdessen setzte er auf kräftige, flächige Farbfelder und reduzierte Formen – eine Bildsprache, die den Plakat-Hintergrund von der illustrativen Tradition löste und dem Medium eine eigene Ästhetik gab. Chéret ebnete den Weg, doch es war ein jüngerer Künstler, der die Plakat Kunst auf ein völlig neues Niveau heben sollte.

Henri de Toulouse-Lautrec: Ein Leben zwischen Adel und Montmartre

Aristokratische Herkunft, gebrochene Kindheit

Henri de Toulouse-Lautrec wurde am 24. November 1864 in Albi im Südwesten Frankreichs geboren – als Spross einer der ältesten Adelsfamilien des Landes. Die Grafen von Toulouse-Lautrec führten ihre Linie bis ins Mittelalter zurück. Seine Eltern, Alphonse und Adèle, waren Cousin und Cousine ersten Grades – eine in Adelskreisen damals nicht ungewöhnliche Verbindung, die jedoch vermutlich zu der erblichen Knochenerkrankung beitrug, die Henris Leben prägen sollte.

Als Junge brach sich Toulouse-Lautrec innerhalb weniger Monate beide Oberschenkel – 1878 den linken, 1879 den rechten. Die Brüche heilten, doch die Beine wuchsen nicht mehr. Während der Oberkörper sich normal entwickelte, behielt der junge Mann die Beine eines Kindes. Erwachsen maß er kaum 1,52 Meter. Die körperliche Behinderung schloss ihn von der Welt des Adels aus – vom Reiten, von der Jagd, vom gesellschaftlichen Leben seiner Klasse. Doch sie öffnete ihm eine andere Welt: die Kunst.

Montmartre und die Nacht

1882 ging Toulouse-Lautrec nach Paris und studierte Malerei, zunächst bei Léon Bonnat, dann bei Fernand Cormon. Doch das akademische Atelier konnte ihn nicht halten. Sein wahres Atelier wurde das Pariser Viertel Montmartre – eine Welt aus Cabarets, Tanzlokalen, Bordellen und Café-Concerts. Hier, am Rand der bürgerlichen Gesellschaft, fand de Toulouse-Lautrec seine Motive: Tänzerinnen, Sänger, Prostituierte, das Publikum der Nacht. Er trank exzessiv, lebte zeitweise in Bordellen und zeichnete unermüdlich. Sein Blick war scharf, seine Hand schnell, sein Strich von einer Präzision, die an japanische Holzschnitte erinnerte – eine Kunstform, die ihn stark beeinflusste.

Das Moulin-Rouge-Plakat von 1891

Ein Plakat verändert die Kunstgeschichte

Im Jahr 1891 erhielt der sechsundzwanzigjährige Toulouse-Lautrec einen Auftrag, der sein Leben verändern sollte: ein Werbeplakat für das Moulin Rouge, jenes legendäre Tanzlokal am Fuß des Montmartre, das erst zwei Jahre zuvor eröffnet worden war. Das Ergebnis übertraf alles, was die Pariser Plakatkunst bis dahin hervorgebracht hatte – selbst die Arbeiten Chérets.

Das Moulin Rouge Plakat ist in drei Ebenen komponiert, die staffelförmig in die Tiefe führen. Im Mittelgrund tanzt die Hauptfigur: La Goulue – „die Gefräßige“ –, bürgerlich Louise Weber, der Star des Hauses. Ihren Spitznamen verdankte sie der Angewohnheit, im Vorbeigehen die Gläser der Gäste leer zu trinken. Toulouse-Lautrec zeigt sie in voller Bewegung, die Röcke fliegend, eine Figur aus Energie und Rhythmus. Im Vordergrund erscheint die graue Silhouette von Valentin le Désossé – „der Knochenlose“ –, einem legendären Kontorsionisten und Tänzer, der als König der Pariser Tanzsäle galt. Im Hintergrund verschmilzt das Publikum zu einer schwarzen Silhouettenlinie – eine anonyme Masse, die den Raum erst erkennbar macht.

Ein radikaler Bildaufbau

Was dieses Toulouse-Lautrec-Plakat so revolutionär machte, war die Schichtung dreier stilisierter Silhouetten, die den Blick in die Tiefe führen. Die zurückweichenden Dielenbretter des Tanzbodens verstärken den Raumeindruck zusätzlich. Die eigentliche Handlung findet auf der mittleren Ebene statt – eine kompositorisch anspruchsvolle Aufgabe, die Toulouse-Lautrec mit scheinbarer Leichtigkeit löste. Die Farbpalette ist auf wenige kräftige Töne reduziert: Schwarz, Weiß, Gelb und ein leuchtendes Rot. Die Formen sind flächig und kantig, die Konturen entschieden – ein Plakat-Hintergrund, der nicht illustriert, sondern gestaltet.

Das Plakat wurde über Nacht zum Stadtgespräch. Passanten rissen die Drucke von den Wänden, um sie zu sammeln. Toulouse-Lautrec war mit einem Schlag berühmt – nicht als Maler, sondern als Plakatkünstler. La Goulue übrigens nahm ein weniger glückliches Ende: Sie wurde so korpulent, dass sie ihre Nummern nicht mehr zu Ende tanzen konnte, und wurde entlassen. Später verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Jahrmarktringerin.

Aristide Bruant und die Kunst der Provokation

Der Sänger der Gosse

Neben dem Moulin-Rouge-Plakat schuf Toulouse-Lautrec vier weitere legendäre Plakate für den Chansonnier Aristide Bruant. Bruant hatte 1885 in Montmartre das Cabaret „Le Mirliton“ eröffnet und sich einen einzigartigen Ruf erarbeitet: Er sang in rauem Argot über Prostituierte, Bettler und Kleinkriminelle – und hatte damit ausgerechnet beim Pariser Großbürgertum enormen Erfolg. Die feine Gesellschaft strömte nach Montmartre, um sich von Bruant beschimpfen zu lassen, und zahlte dafür gutes Geld.

Das Ambassadeurs-Plakat von 1892

Das erste und berühmteste der vier Toulouse-Lautrec-Poster entstand 1892 und warb für Bruants Gastspiel im noblen Café-Concert Les Ambassadeurs auf den Champs-Élysées. Das Bild zeigt den Sänger in seinem unverwechselbaren Bühnenkostüm: dunkler Mantel, breitkrempiger schwarzer Hut, leuchtend roter Schal und ein schwerer Gehstock. Bruant betritt die Bühne – sein mächtiger Körper wird vom Bildrand angeschnitten, als dränge er bedrohlich nahe an den Betrachter heran. Der Gesichtsausdruck ist herrisch und herausfordernd. Im Hintergrund erscheint eine Schattenfigur, die dem Ganzen etwas Unheimliches verleiht.

Nur die große Textzeile am unteren Bildrand schafft die rettende Distanz: Sie erinnert den Betrachter daran, dass es sich um ein Plakat handelt, um eine Ankündigung – nicht um eine Konfrontation. Der Direktor der Ambassadeurs war entsetzt über den Entwurf und weigerte sich zunächst, ihn aufhängen zu lassen. Doch Bruant, der Toulouse-Lautrecs Arbeit außerordentlich schätzte, setzte sich durch. Das Plakat wurde zum sofortigen öffentlichen Erfolg – ganz im Sinne von Bruants provokantem Stil.

Plakatanalyse: Stil und Technik

Der Einfluss japanischer Holzschnitte

Wer eine Plakatanalyse der Werke Toulouse-Lautrecs versucht, stößt unweigerlich auf den japanischen Einfluss. In den 1880er und 1890er Jahren schwappte eine Welle der Japan-Begeisterung über Europa – der sogenannte Japonismus. Künstler wie Edgar Degas und Vincent van Gogh sammelten japanische Farbholzschnitte von Meistern wie Hiroshige und Utamaro. Toulouse-Lautrec übernahm von ihnen die klare Konturlinie, die flächige Farbgebung, den hohen Blickwinkel und die asymmetrische Komposition. Diese Elemente eigneten sich hervorragend für die Plakatgestaltung, da sie auch aus der Entfernung wirkten und die Botschaft sofort vermittelten.

Technik der Farblithographie

Bei der Plakatanalyse fällt auf, wie virtuos Toulouse-Lautrec die Möglichkeiten der Farblithographie nutzte. Er arbeitete direkt auf dem Lithographiestein und behandelte ihn wie eine Leinwand – mit Kreide, Pinsel und Spritztechnik. Das sogenannte Crachis-Verfahren, bei dem Farbe durch ein Sieb auf den Stein gesprüht wird, erzeugt die charakteristischen gesprenkelt-körnigen Flächen seiner Plakate. Toulouse-Lautrec beschränkte sich dabei oft auf vier bis fünf Farben – eine Reduktion, die nicht nur den Druckkosten geschuldet war, sondern auch zur visuellen Wucht der Arbeiten beiträgt. Die Verbindung von Plakat Kunst und technischer Meisterschaft macht seine Werke zu idealen Gegenständen für die Plakatanalyse im Kunstunterricht.

Zeitgenossen der Plakatkunst: Mucha, Chéret, Steinlen

Alphonse Mucha und der Jugendstil

Toulouse-Lautrec war nicht der einzige Künstler, der das Plakat zur Kunstform erhob. In den 1890er Jahren erlebte Paris eine wahre Blütezeit der Plakatkunst, die eng mit der Bewegung des Art Nouveau – des Jugendstils – verbunden war. Der tschechische Künstler Alphonse Mucha (1860–1939) wurde über Nacht berühmt, als er 1894 ein Plakat für Sarah Bernhardt entwarf. Sein Stil – fließende Linien, ornamentale Rahmungen, idealisierte Frauenfiguren mit wallendem Haar – wurde zum Inbegriff des Jugendstilplakats. Während Toulouse-Lautrec die Wirklichkeit des Nachtlebens einfing, schuf Mucha dekorative Traumbilder von zeitloser Eleganz.

Théophile Steinlen und die soziale Grafik

Einen anderen Weg ging der Schweizer Künstler Théophile-Alexandre Steinlen (1859–1923), der ebenfalls in Montmartre lebte und arbeitete. Sein berühmtestes Plakat – Tournée du Chat Noir (1896) – zeigt die ikonische schwarze Katze des gleichnamigen Kabaretts. Steinlen nutzte das Plakat nicht nur für Werbezwecke, sondern auch als Mittel der sozialen Kritik: Er illustrierte Zeitschriften und entwarf Plakate für Arbeiterorganisationen. Zusammen mit Chéret, Toulouse-Lautrec und Mucha bildete er das Quartett, das die Plakatkunst der Belle Époque definierte.

Nachwirkung: Vom Plakat zur modernen Werbegrafik

Toulouse-Lautrecs Einfluss auf das Grafikdesign

Das Vermächtnis der Toulouse-Lautrec Plakate reicht weit über die 1890er Jahre hinaus. Seine Prinzipien – klare Konturen, reduzierte Farbflächen, die Verschmelzung von Bild und Text, die psychologische Verdichtung einer Figur auf wenige prägnante Merkmale – wurden zu Grundregeln der modernen Werbegrafik. Die Bauhaus-Künstler der 1920er Jahre, die Psychedelik-Plakate der 1960er und selbst die digitale Werbung des 21. Jahrhunderts stehen in der Tradition, die Toulouse-Lautrec mitbegründete.

Sammlerstücke von Weltrang

Toulouse-Lautrec starb am 9. September 1901 auf dem Familiensitz Château Malromé in der Nähe von Bordeaux, erst sechsunddreißig Jahre alt. Alkoholismus und Syphilis hatten seinen Körper zerstört. In den knapp fünfzehn Jahren seines Schaffens hinterließ er rund 737 Gemälde, 275 Aquarelle, 363 Druckgrafiken und über 5.000 Zeichnungen – darunter einunddreißig Plakate, die heute zu den begehrtesten Sammlerstücken der Kunstgeschichte zählen. Ein gut erhaltenes Henri de Toulouse-Lautrec Plakat für das Moulin Rouge kann bei Auktionen sechsstellige Summen erzielen. Große Bestände befinden sich im Musée Toulouse-Lautrec in Albi, im Museum of Modern Art in New York und in der Bibliothèque nationale de France in Paris.

Fazit: Mehr Kunst als Werbung

Toulouse-Lautrecs Plakate sind mehr Kunst als Werbung – so hat man sie schon zu seinen Lebzeiten beschrieben, und so gilt es bis heute. Was als kommerzieller Auftrag begann, wurde unter seinen Händen zum eigenständigen Kunstwerk. Er erhob die Werbung von der rein kommerziellen Gebrauchsgrafik zu einem Medium mit eigener Ästhetik – und bewies, dass sich künstlerischer Anspruch und öffentliche Wirksamkeit nicht ausschließen müssen.

Wenn Sie das nächste Mal vor einem gelungenen Werbeplakat stehen und innehalten – nicht wegen des beworbenen Produkts, sondern wegen der Gestaltung, der Farben, der Komposition –, dann denken Sie an jenen kleinwüchsigen Aristokraten, der in den Tanzlokalen von Montmartre saß und die Nacht auf Papier bannte. Henri de Toulouse-Lautrec hat nicht nur die Plakatkunst erfunden. Er hat gezeigt, dass Kunst dort entstehen kann, wo man sie am wenigsten erwartet: an der Straßenecke, an der Litfaßsäule, im Vorbeigehen.

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