Es gibt Dichter, die man mit ehrfurchtsvollem Schweigen liest, und solche, bei denen man laut loslacht – manchmal mitten in der Straßenbahn, zum Entsetzen der Mitreisenden. Robert Gernhardt gehörte zur zweiten Sorte. Und doch wäre es ein schwerer Fehler, ihn nur als Spaßmacher abzutun. Er war Lyriker, Erzähler, Maler, Zeichner, Satiriker und Theoretiker der Komik – ein Künstler, der das Lachen ebenso ernst nahm wie das Weinen. In seiner besten Dichtung verschmelzen beide zu etwas, das man nur als weise bezeichnen kann.
Von Reval nach Göttingen: Frühe Jahre
Robert Gernhardt wurde am 13. Dezember 1937 in Reval geboren, dem heutigen Tallinn in Estland. Die Familie gehörte zur deutschbaltischen Minderheit, die seit Jahrhunderten in den baltischen Ländern verwurzelt war. Doch die Wirren des Zweiten Weltkriegs rissen die Gernhardts aus ihrer Heimat: Wie Zehntausende Baltendeutsche mussten sie fliehen und fanden schließlich in Göttingen eine neue Bleibe.
In der niedersächsischen Universitätsstadt wuchs der junge Gernhardt auf. Früh zeigte sich eine doppelte Begabung: Er zeichnete und malte mit ebenso großer Leidenschaft, wie er las und schrieb. Nach dem Abitur studierte er zunächst Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und anschließend Germanistik in Berlin. Es war eine Kombination, die sein gesamtes späteres Schaffen prägen sollte: der Blick des bildenden Künstlers, verbunden mit dem Sprachgefühl des Philologen.
Schon in diesen frühen Jahren machte sich jener Zug bemerkbar, der Gernhardts Werk von Anfang an kennzeichnete – ein unstillbarer Drang, die Dinge beim Namen zu nennen, und zwar möglichst so, dass sie komisch klingen. Nicht die Komik des billigen Witzes, sondern jene tiefere Spielart, die aus der genauen Beobachtung erwächst und die bereits Wilhelm Busch und Karl Valentin pflegten. In dieser Tradition sollte sich der junge Mann aus Göttingen als würdiger Nachfolger erweisen.
Frankfurt und die Neue Frankfurter Schule
1964 zog Gernhardt nach Frankfurt am Main und trat in die Redaktion des Satiremagazins pardon ein. Es war der Beginn einer der fruchtbarsten Perioden der deutschen Satire. Bei pardon traf er auf Gleichgesinnte: F. W. Bernstein (eigentlich Fritz Weigle), F. K. Waechter, Chlodwig Poth und Hans Traxler – Künstler und Autoren, die das Satirische nicht als Nebensache betrieben, sondern als Lebensform.
Gemeinsam bildeten sie den Kern dessen, was später als Neue Frankfurter Schule in die Kulturgeschichte eingehen sollte – in bewusst ironischer Anlehnung an die berühmte philosophische Denkrichtung um Adorno und Horkheimer. Während die „alte“ Frankfurter Schule die Kulturindustrie kritisch analysierte, zerlegte die neue sie mit den Mitteln des Humors. Gernhardt und seine Mitstreiter verbanden zeichnerisches Können mit intellektueller Schärfe und einer anarchischen Lust am Nonsens.
Als pardon Ende der siebziger Jahre an Zugkraft verlor, gründeten mehrere Mitglieder der Gruppe 1979 das Satiremagazin Titanic, das bald zum Flaggschiff der deutschen Satire wurde. Er war einer der geistigen Väter des Magazins. In Titanic konnte er seinen Humor noch freier entfalten: absurde Bildgeschichten, lästerliche Parodien, gnadenlose Verrisse – und immer wieder Gedichte, die das literarische Establishment gleichzeitig auslachten und übertrafen.
Doch der Frankfurter war nicht nur Redakteur und Zeichner. In diesen Jahren entstand mit Wörtersee (1981) eine Gedichtsammlung, die vieles von dem vorwegnahm, was Gernhardts spätere Lyrik auszeichnen sollte: die Verbindung von Witz und Form, die spielerische Beherrschung klassischer Versmaße und der stets mitschwingende Unterton des Ernstes hinter dem Spaß.
Sonette, Mondgedichte und die Kunst des Komischen
Wenn es ein einzelnes Gedicht gibt, das den Namen Gernhardt auch bei Menschen bekannt machte, die sonst wenig mit Lyrik anfangen können, dann ist es jenes mit dem schönen Titel „Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs“. Schon die Überschrift – so umständlich, dass sie kaum auf eine Buchseite passt – ist eine Parodie auf den akademischen Jargon. Und dann der berühmte erste Vers:
„Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, so förmlich, so was von beknackt [...]“
Was folgt, ist ein Meisterstück der literarischen Selbstreflexion: Der Sprecher schimpft über das Sonett – und merkt im Verlauf des Gedichts, dass er selbst eines schreibt. Am Ende steht die resignierte Einsicht, dass die verhasste Form ihn längst in ihren Klauen hat. Dieses legendäre Robert Gernhardt Sonett zeigt, dass er die Regeln der Dichtkunst bis ins Kleinste beherrschte – so gut, dass er sie lustvoll brechen konnte. Das Gedicht „Sonette find ich sowas von beschissen“ wurde zu einem der meistzitierten deutschen Gedichte des späten 20. Jahrhunderts.
Nicht weniger berühmt ist Gernhardts Mondgedicht – eine heitere Hommage an die lange Tradition der Mond-Lyrik von Matthias Claudius bis Goethe, die zugleich eine Parodie dieser Tradition ist. Er zeigte darin, dass man über den Mond auch im späten 20. Jahrhundert noch dichten kann, wenn man es mit der nötigen Selbstironie tut.
Ein weiterer Klassiker ist das kurze, prägnante „Ach“-Gedicht (Robert Gernhardt Ach), das in seiner Knappheit an die Tradition der Epigrammatik anknüpft. In wenigen Zeilen verdichtet der Dichter hier ein ganzes Gefühlsspektrum – ein Kunststück, das an die besten Aphorismen Georg Christoph Lichtenbergs erinnert.
Hinter all diesen komischen Gedichten stand eine ausgereifte Theorie. In seinem Essay „Was gibt’s denn da zu lachen?“ legte Gernhardt seine Poetik des Komischen dar. Er analysierte die Mechanismen des Witzes mit einer Präzision, die manchen Literaturwissenschaftler beschämte: die Überraschung, die Inkongruenz, die Fallhöhe zwischen Erhabenem und Banalem. Für ihn war Komik kein Gegensatz zur „ernsten“ Literatur, sondern deren notwendige Ergänzung – eine Kunst, die ebenso viel handwerkliches Können erfordert wie das Trauerspiel.
Dabei war er immer auch bildender Künstler. Seine Cartoons und Zeichnungen erschienen nicht nur in Titanic und pardon, sondern auch in eigenen Bildbänden. Er malte in Öl, illustrierte Bücher, entwarf Plakate. Die Doppelbegabung als Wort- und Bildmensch gab seinem Werk eine besondere Dimension: Gernhardt dachte in Bildern, wenn er schrieb, und in Worten, wenn er malte.
Der späte Gernhardt: Ernst hinter dem Lachen
In den neunziger Jahren veränderte sich sein Ton. Nicht dass der Humor verschwunden wäre – aber neben die Komik trat zunehmend ein ernsterer Grundton. Mit dem Gedichtband Lichte Gedichte (1997) überraschte er Leser und Kritiker gleichermaßen. Hier sprach ein Lyriker, der die Mittel des komischen Gedichts meisterhaft beherrschte und sie nun für Themen einsetzte, die alles andere als lustig waren: Vergänglichkeit, Einsamkeit, die Schönheit der Natur und ihre Rührung.
Die größte Zäsur in seinem späten Leben und Schaffen war die Krebserkrankung. 1996 wurde bei ihm erstmals ein bösartiger Tumor diagnostiziert. Es folgten Operationen, Behandlungen, kurze Phasen der Hoffnung und Rückschläge. Er reagierte auf die Krankheit, wie er auf alles reagierte: Er schrieb darüber. Die Gedichte, die in dieser Zeit entstanden, gehören zum Ergreifendsten, was die deutsche Lyrik der Gegenwart hervorgebracht hat.
Im Band K Gedichte (2004) – das „K“ steht für Krebs – versammelte er Texte, die seinen Kampf mit der Krankheit dokumentieren. Es sind Gedichte von schneidender Offenheit: über die Angst vor dem Tod, über den Körper, der zum Feind wird, über die absurde Komik des Krankenhausalltags. Der Dichter verlor auch angesichts des Todes nicht seinen Humor, aber der Humor wurde dunkler, schärfer, verletzlicher. Wer diese Gedichte liest, versteht, warum Gernhardt weit mehr war als ein Unterhaltungskünstler.
Bemerkenswert ist, dass die späten Gedichte formal keine Abkehr vom früheren Werk darstellen. Er blieb seinen Prinzipien treu: klare Form, präzise Sprache, kein überflüssiges Wort. Doch die Scherze wurden seltener, und wenn sie kamen, hatten sie einen bitteren Beigeschmack. In manchen Gedichten wechseln Lachen und Weinen so rasch, dass der Leser nicht mehr weiß, wo das eine aufhört und das andere beginnt – und genau das macht ihre Größe aus.
Vermächtnis: Komik als Kunstform
Am 30. Juni 2006 starb Robert Gernhardt in Frankfurt am Main. Er wurde 68 Jahre alt. Sein Tod hinterließ eine Lücke in der deutschen Literaturlandschaft, die bis heute nicht geschlossen wurde.
Was bleibt? Zunächst einmal ein umfangreiches Werk: über fünfzig Buchveröffentlichungen, darunter Gedichtbände, Romane, Erzählungen, Essays, Bilderbücher und Anthologien. Dann aber – und das wiegt vielleicht schwerer – eine Veränderung des literarischen Klimas. Gernhardt hat wie kaum ein anderer Autor das komische Gedicht in Deutschland rehabilitiert. Vor ihm galt die Faustregel: Wer lustig schreibt, kann nicht ernst genommen werden. Nach ihm war diese Behauptung nicht mehr haltbar.
Robert Gernhardt steht in einer Linie mit Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz und Karl Valentin – jenen großen Humoristen der deutschen Sprache, die das Komische nie als Gegensatz zum Tiefsinnigen begriffen. Doch er ging über seine Vorgänger hinaus: Er lieferte die Theorie zur Praxis gleich mit, er reflektierte sein eigenes Tun und das seiner Zunft mit einer Genauigkeit, die in der komischen Literatur selten ist.
Für die Neue Frankfurter Schule war Gernhardt so etwas wie der Fixstern, um den sich die anderen gruppierten. Die Zusammenarbeit mit F. W. Bernstein und die langsame Wandlung vom reinen Satiriker zum anerkannten Lyriker spiegelt eine übergreifende Entwicklung wider: die allmähliche Aufwertung des Komischen in der deutschen Literatur nach 1945. Dass er gegen Ende seines Lebens für den Georg-Büchner-Preis im Gespräch war – die höchste Auszeichnung der deutschen Literatur –, zeigt, wie weit dieser Wandel gediehen war.
Gernhardts Bedeutung reicht über die Literatur hinaus. Als Maler und Zeichner hinterließ er ein umfangreiches bildnerisches Werk. Als Redakteur prägte er zwei der wichtigsten Satiremagazine der Bundesrepublik. Und als Mensch, so berichten Weggefährten, war er von jener seltenen Freundlichkeit, die sich auch im härtesten Spott noch ein Quentchen Menschlichkeit bewahrt.
Robert Gernhardt hat einmal geschrieben, das Leben sei zu kurz für lange Gedichte. Sein eigenes Leben war, gemessen an dem, was er hinterließ, alles andere als zu kurz. Es war gerade lang genug, um die deutsche Literatur um ein paar unverzichtbare Zeilen reicher zu machen – darunter jenen unsterblichen ersten Vers: „Sonette find ich sowas von beschissen“. Mehr Vermächtnis braucht kein Dichter.
Ausgewählte Werke
- Wörtersee (1981) – Gedichte
- Körper in Cafés (1987) – Gedichte
- Reim und Zeit (1990) – Gedichte
- Lichte Gedichte (1997) – Gedichte
- Was gibt’s denn da zu lachen? Kritik der Komiker, Kritik der Kritiker, Kritik der Komik (1988) – Essays
- Gedanken zum Gedicht (1990) – Poetologische Essays
- K Gedichte (2004) – Gedichte
- Gesammelte Gedichte 1954–2006 (2008, posthum) – Werkausgabe
- Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs – Einzelgedicht, enthalten u. a. in Reim und Zeit
