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Wolfgang Borchert: Stimme einer verlorenen Generation

Sechsundzwanzig Jahre – das ist kein Alter für ein Lebenswerk. Und doch hat Wolfgang Borchert in dieser kurzen Spanne ein Werk hinterlassen, das eine ganze Generation zum Sprechen brachte. Er gab den Heimkehrern, den Versehrten, den Betrogenen eine Stimme, die bis heute nachhallt. Als er am 20. November 1947 in einem Basler Krankenhaus starb, einen Tag vor der Uraufführung seines Stückes Draußen vor der Tür, war er längst zu einer Symbolfigur geworden: für die Jugend, die man in den Krieg geschickt hatte, und für eine Literatur, die aus Trümmern wuchs. Wolfgang Borcherts Leben und Schreiben sind nicht zu trennen. Beides war von einer Dringlichkeit, die keine Verzögerung duldete – weil die Zeit, die ihm blieb, so erbarmungslos knapp bemessen war.

Wolfgang Borchert: Stimme einer verlorenen Generation

Der Junge, der Gedichte schrieb

Wolfgang Borchert wurde am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren, in eine Familie, die der Literatur zugetan war. Sein Vater Fritz Borchert arbeitete als Volksschullehrer, seine Mutter Hertha Borchert war Schriftstellerin – sie verfasste Erzählungen und Gedichte in plattdeutscher Mundart und gehörte zu den anerkannten Stimmen der niederdeutschen Dialektliteratur. Das Elternhaus in Hamburg-Eppendorf war ein Ort, an dem Bücher selbstverständlich zum Alltag gehörten. Der junge Wolfgang Borchert wuchs mit der Sprache auf – und er begann früh, sie für sich zu nutzen.

Schon als Schüler schrieb Borchert Gedichte. Die frühen Verse des Jugendlichen kreisen um Natur, Einsamkeit und eine schwer fassbare Sehnsucht – Motive, die in der Tradition der Romantik und des Expressionismus stehen. Rainer Maria Rilke und Georg Trakl waren frühe Vorbilder. In der Schule fiel Borchert weniger durch Anpassung auf als durch einen eigenwilligen Kopf. Er interessierte sich für das Theater, wollte Schauspieler werden und nahm 1939 eine Lehre bei dem Hamburger Schauspieler Helmuth Gmelin auf. Die Gedichte von Wolfgang Borchert aus dieser Zeit – erst postum vollständig veröffentlicht – zeigen einen Suchenden, der seine Sprache noch nicht gefunden hat, aber das Schreiben bereits als Existenzform begreift. Es ist ein lyrisches Tasten, das später in der Prosa seine eigentliche Kraft entfalten sollte.

Daneben versuchte sich der junge Borchert auf der Bühne. Er trat in kleinen Rollen am Landestheater Lüneburg auf, träumte von einer Karriere als Schauspieler. Es war ein Traum, den der Krieg zerstören sollte, bevor er sich erfüllen konnte. Im Juni 1941 wurde Wolfgang Borchert zur Wehrmacht eingezogen. Er war zwanzig Jahre alt.

„Wir sind die Generation ohne Abschied“

Was folgte, war das Schicksal einer ganzen Generation: der Krieg, die Ostfront, das Grauen. Wolfgang Borchert wurde als Infanterist nach Russland geschickt. Er erlebte die erbarmungslose Kälte des russischen Winters, den Stellungskrieg, die allgegenwärtige Todesnähe. Bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt erlitt er schwere Erfrierungen an den Händen und Füßen. Hinzu kam eine Hepatitis-Erkrankung, die seinen Körper dauerhaft schädigte. Von der Front kam Borchert als kranker Mann zurück – und er sollte nie wieder gesund werden.

Später fasste Borchert die Erfahrung seiner Altersgenossen in dem Text Generation ohne Abschied zusammen – einem Generationsmanifest von erschreckender Klarheit. „Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe“, heißt es dort, „wir sind die Generation ohne Glück, ohne Heimat und ohne Abschied.“ Es sind Sätze, die den Ton einer Epoche treffen. Borchert sprach nicht für sich allein. Er sprach für die Hunderttausende, die als Soldaten in einen Krieg gezogen waren, den sie nicht gewollt hatten, und die nun zurückkehrten in eine zerstörte Welt, in der niemand auf sie wartete.

Diese Generation hatte keine Jugend gehabt. Sie war aus den Schulbänken an die Front geschickt worden. Wolfgang Borchert, der davon träumte, Rilke-Gedichte auf der Bühne zu sprechen, fand sich im Schützengraben wieder. Es ist diese brutale Diskrepanz zwischen dem empfindsamen jungen Künstler und der Realität des Krieges, die sein gesamtes späteres Werk durchzieht.

Zwischen Lazarett und Gefängnis

Borcherts Leidensweg durch das nationalsozialistische System ist eine Geschichte fortgesetzter Demmütigung. Bereits 1942 wurde er wegen angeblicher „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt – ein Vorwurf, der im Dritten Reich mit dem Tod bestraft werden konnte. Borchert hatte in Briefen nach Hause und gegenüber Kameraden abfällige Bemerkungen über das Regime und den Krieg geäußert. Man denunzierte ihn. Es folgte eine monatelange Untersuchungshaft in Nürnberg, ein Prozess, in dem er freigesprochen wurde – nur um sofort wieder an die Front geschickt zu werden, gewissermaßen als „Frontbewährung“.

Ein zweites Mal wurde Wolfgang Borchert 1944 verhaftet, erneut wegen angeblicher staatsfeindlicher Äußerungen. Diesmal brachte man ihn in das Militärgefängnis Berlin-Moabit. Die Haft dauerte Monate. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Diphtherie und eine chronische Leberentzündung zerstörten seinen Körper. Als der Krieg im Mai 1945 endete, befand sich Borchert in französischer Kriegsgefangenschaft. Er konnte sich befreien – oder wurde entlassen, die Quellen widersprechen sich – und schlug sich zu Fuß nach Hamburg durch, sechshundert Kilometer weit, todkrank.

Was Borchert in Hamburg vorfand, war eine zertrümmerte Stadt. Die alliierten Bombenangriffe – allen voran die „Operation Gomorrha“ von 1943 – hatten weite Teile seiner Heimatstadt in Schutt und Asche gelegt. Borchert kehrte heim in eine Welt, die es nicht mehr gab. Es ist dieser Augenblick – die Rückkehr des zerstörten Menschen in eine zerstörte Stadt –, der zum Kernmotiv seines literarischen Schaffens wurde.

Die Hundeblume – Literatur aus der Not

Wolfgang Borchert begann sofort zu schreiben. Es war, als wisse er, dass ihm wenig Zeit blieb. In den knapp zwei Jahren zwischen seiner Rückkehr nach Hamburg und seinem Tod entstand ein Werk von erstaunlichem Umfang: Dutzende Kurzgeschichten, ein Theaterstück, Prosaskizzen, Manifeste und Gedichte – geschrieben im Bett, denn Borcherts Körper ließ ihm kaum noch eine andere Haltung zu.

Seinen ersten großen Prosatexten gab Borchert den Titel Die Hundeblume. Die titelgebende Erzählung, 1946 veröffentlicht, schildert einen Gefangenen, der in seiner Zelle eine Löwenzahnblüte entdeckt – eine Hundeblume, wie man auf Plattdeutsch sagt – und in ihr den letzten Halt findet. Die Hundeblume ist ein Text von schmerzlicher Intensität. Die winzige Blume wird zum Symbol für alles, was dem Gefangenen genommen wurde: die Freiheit, die Natur, das Leben selbst. Borchert erzählt diese Geschichte in einer Sprache, die so karg und zugleich so aufgeladen ist, dass man ihre Wucht körperlich spürt. Die Hundeblume wurde zu einem der meistgelesenen Texte der unmittelbaren Nachkriegsliteratur und begründete Borcherts Ruf als Erzähler.

Es folgten in dichter Folge weitere Kurzgeschichten, die heute zum Kanon der deutschen Literatur gehören: Die Küchenuhr, jene ergreifende Erzählung eines Kriegsheimkehrers, der aus den Trümmern seines Elternhauses nur eine Uhr gerettet hat, die auf halb drei stehen geblieben ist – der Zeit, zu der seine Mutter ihm früher das Essen warm hielt. Nachts schlafen die Ratten doch, die Geschichte eines Jungen, der die Leiche seines verschütteten Bruders bewacht und von einem alten Mann mit einer milden Lüge getröstet wird. Das Brot, in der ein Ehepaar sich über einen heimlich abgeschnittenen Brotlaib hinweglügt – ein Text über Hunger, Scham und Liebe in Zeiten des Mangels. Was diese Erzählungen eint, ist die Reduktion auf das Wesentliche: wenige Figuren, ein einziger Augenblick, eine Sprache, die jedes überflüssige Wort meidet.

Borcherts Kurzgeschichten gehören zur sogenannten Trümmerliteratur – jener literarischen Bewegung der unmittelbaren Nachkriegszeit, die versuchte, nach der Katastrophe eine neue, unbelastete Sprache zu finden. Heinrich Böll, Wolfdietrich Schnurre und Wolfgang Borchert stehen für diese Strömung, doch keiner von ihnen hat den Ton der Verzweiflung und der trotzigen Hoffnung so rein getroffen wie Borchert. Seine Prosa ist kein Realismus im herkömmlichen Sinne. Sie ist expressiv, rhythmisch, beinahe fiebrig – die Sprache eines Menschen, der gegen die eigene Sterblichkeit anschreibt.

Draußen vor der Tür: Beckmanns Heimkehr

Das Werk, das Wolfgang Borcherts Namen unlösbar mit der deutschen Nachkriegsgeschichte verbunden hat, ist das Theaterstück Draußen vor der Tür. Borchert schrieb es im Herbst 1946, in wenigen Wochen, schwer krank, im Bett. Ursprünglich als Hörspiel konzipiert, wurde Draußen vor der Tür am 13. Februar 1947 vom Nordwestdeutschen Rundfunk erstmals gesendet und löste eine Welle der Erschütterung aus. Tausende Hörer meldeten sich bei dem Sender – viele von ihnen Kriegsheimkehrer, die in dem Stück ihre eigene Erfahrung wiedererkannten.

Im Mittelpunkt steht der Unteroffizier Beckmann, der nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft in Sibirien nach Hamburg zurückkehrt. Er findet seine Frau bei einem anderen, sein Kind ist tot, seine Eltern haben sich das Leben genommen. Er sucht bei einem Oberst Entlastung von der Schuld, die ihm als Vorgesetztem aufgeladen wurde – und wird abgewiesen. Er klopft an jede Tür und findet nirgends Einlass. Beckmann bleibt draußen vor der Tür. Das Stück endet mit einem Schrei ins Leere: „Gibt denn keiner Antwort?“

Borchert nannte Draußen vor der Tür ein „Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“. Es war eine bewusste Provokation. Das Stück verweigert sich den Konventionen des bürgerlichen Theaters. Die Figuren sind keine Individuen im psychologischen Sinne, sondern Typen: der Oberst, der Kabarettdirektor, der Andere, der Tod, die Elbe. Die Sprache ist rhythmisiert, an manchen Stellen stakkatohaft, an anderen von lyrischer Weichheit. Draußen vor der Tür ist kein realistisches Drama. Es ist ein expressionistischer Aufschrei.

Die Uraufführung als Bühnenstück fand am 21. November 1947 an den Hamburger Kammerspielen statt – unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner. Borchert erlebte sie nicht mehr. Er war am Tag zuvor, am 20. November, in Basel gestorben. Die tragische Koinzidenz – der Tod des Autors einen einzigen Tag vor der Premiere seines Hauptwerks – hat Borcherts Legende verstärkt und ist zu einem der ergreifendsten Daten der deutschen Literaturgeschichte geworden. An jenem Abend in Hamburg saß ein Publikum im Saal, das wusste, dass der Verfasser nicht mehr lebte. Die Wirkung war überwältigend. In den folgenden Monaten wurde Draußen vor der Tür an Dutzenden deutscher Bühnen nachgespielt und zum meistgespielten Stück der Nachkriegszeit.

„Dann gibt es nur eins!“

Neben dem Erzähler und dem Dramatiker gibt es noch einen dritten Wolfgang Borchert: den Verfasser flammender Manifeste. Sein berühmtester Text dieser Art ist Dann gibt es nur eins!, geschrieben im Herbst 1947, kurz vor seinem Tod. Es ist ein leidenschaftlicher Antikriegstext, der sich direkt an den Leser wendet. „Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins! Sag NEIN!“

Die anaphorische Struktur des Textes – die beharrliche Wiederholung des „Sag NEIN!“ – verleiht ihm eine beinahe biblische Wucht. Borchert wendet sich an Mütter, an Forscher, an Ärzte, an Pfarrer, an Dichter: Niemand darf mitmachen, wenn der nächste Krieg befohlen wird. Es ist ein Text von absoluter moralischer Klarheit, geschrieben von einem Menschen, der am eigenen Körper erfahren hat, was Krieg bedeutet. Dann gibt es nur eins! wurde nach Borcherts Tod zu einem der bekanntesten Antikriegstexte der deutschen Literatur und vielfach in Schulbüchern abgedruckt.

Auch die Gedichte von Wolfgang Borchert verdienen Beachtung, wenngleich sein Ruhm vor allem auf der Prosa und dem Drama beruht. Borchert schrieb zeitlebens Lyrik – von den Jugendgedichten der späten dreißiger Jahre bis zu den letzten, im Krankenbett entstandenen Versen. Die Borchert-Gedichte kreisen um die immer gleichen Motive: Einsamkeit, Nacht, die zerstörte Stadt, die Sehnsucht nach einer Welt, die es nicht mehr gibt. In Gedichten wie Laternentraum oder Hamburg wird die Stadt zur Chiffre für Verlust und Erinnerung. Die Lyrik Borcherts ist weniger kunstvoll als seine Prosa, aber sie hat eine Unmittelbarkeit, die berührt. Wer die Gedichte von Wolfgang Borchert liest, spürt die Hast, mit der sie geschrieben wurden – als gäbe es keine zweite Fassung, keine Überarbeitung, nur den einen drängenden Moment.

Wolfgang Borchert starb am 20. November 1947 im St. Clara-Spital in Basel, wohin man ihn in der Hoffnung auf Genesung gebracht hatte. Sein Körper, von Krieg und Krankheit aufgezehrt, gab auf. Die Todesursache war Leberversagen – eine Spätfolge der Hepatitis, die er sich an der Ostfront zugezogen hatte. Er war sechsundzwanzig Jahre alt.

Was bleibt? Ein schmales, aber gewaltiges Werk. Borcherts Erzählungen, sein Stück, seine Manifeste, seine Gedichte – sie alle kreisen um die eine Erfahrung, die sein kurzes Leben bestimmt hat: den Krieg und seine Folgen. Wolfgang Borchert wurde zur Stimme der Heimkehrer, zur literarischen Verkörperung einer Generation, die man betrogen hatte. Sein Schreiben war kein ästhetisches Experiment. Es war Notwehr. Die Trümmerliteratur hat viele Autoren hervorgebracht, aber keinen, dessen Werk und Leben so untrennbar miteinander verschmolzen sind wie bei Borchert. Sein Tod, einen Tag vor der Premiere von Draußen vor der Tür, hat dieser Verschmelzung eine symbolische Kraft verliehen, die weit über das Literarische hinausreicht. Wolfgang Borchert hat nicht nur über die Generation der Heimkehrer geschrieben – er hat sie verkörpert, bis in den frühen Tod hinein.

Weiterführende Lektüre

Werkausgaben

  • Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk. Mit einem biographischen Nachwort von B. Meyer-Marwitz. Hamburg 1949.
  • Ders.: Das Gesamtwerk. Hg. von M. Töteberg. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1991.
  • Ders.: Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen. (Rowohlts Rotations-Romane). Reinbek bei Hamburg 1956.
  • Ders.: Die Hundeblume. Erzählungen aus unserer Zeit. Hamburg/Stuttgart 1947.

Literatur (Auswahl)

  • P. Rühmkorf: Wolfgang Borchert in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. (Rowohlts Monographien). Reinbek bei Hamburg 1961.
  • G. Burgess: The Life and Works of Wolfgang Borchert. Rochester, NY 2003.
  • H. L. Arnold (Hg.): Wolfgang Borchert. (Text + Kritik, H. 12). 2. Aufl. München 1977.
  • C. Schroeder: „Er war sechsundzwanzig, als er starb.“ Wolfgang Borchert – eine Biographie. Berlin 2007.

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