Wenn Sprachen leise verschwinden
Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit dem Zug durch Schleswig-Holstein und hören am Bahnhof eine Durchsage auf Dänisch. Oder Sie spazieren durch das Saterland in Niedersachsen und lesen Straßenschilder in einer Sprache, die Sie beim besten Willen nicht einordnen können – Saterfriesisch, gesprochen von kaum zweitausend Menschen auf der Welt. Oder Sie besuchen Bautzen in der Oberlausitz und bemerken, dass alle offiziellen Schilder zweisprachig sind: Deutsch und Sorbisch, eine westslawische Sprache, die in dieser Region seit über tausend Jahren gesprochen wird.
Deutschland ist, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag, ein mehrsprachiges Land. Neben dem Hochdeutschen als Amtssprache Deutschlands existieren sechs anerkannte Regional- und Minderheitensprachen, die zum Teil seit Jahrhunderten auf deutschem Boden gesprochen werden. Doch die meisten Deutschen wissen wenig über diese sprachliche Vielfalt. Dabei erzählen diese Sprachen in Deutschland faszinierende Geschichten – von Wanderungen und Eroberungen, von kultureller Beharrlichkeit und politischem Schutz, vom stillen Verschwinden und von entschlossener Wiederbelebung.
Was ist eine Minderheitensprache – und was nicht?
Die Abgrenzung zum Dialekt
Eine Frage, die sich unweigerlich stellt, lautet: Warum gelten Dänisch, Sorbisch oder Friesisch als Minderheitensprachen, während Schwäbisch, Allemannisch oder Hessisch lediglich als Dialekte eingestuft werden? Die Unterscheidung ist weniger linguistisch als politisch begründet. Sprachwissenschaftlich lässt sich kaum eine scharfe Grenze zwischen Sprache und Dialekt ziehen – der berühmte Satz des Linguisten Max Weinreich bringt es auf den Punkt: „Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine.“
Für die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen gilt eine pragmatische Definition: Regional- oder Minderheitensprachen sind Sprachen, die herkömmlicherweise in einem bestimmten Gebiet eines Staates von Angehörigen dieses Staates gesprochen werden, die eine Gruppe bilden, welche zahlenmmäßig kleiner ist als die übrige Bevölkerung des Staates, und die sich von der Amtssprache unterscheiden. Entscheidend ist dabei: Es handelt sich nicht um Dialekte der Amtssprache, sondern um eigenständige Sprachsysteme mit eigener Geschichte, eigener Grammatik und häufig auch eigener Schrifttradition. Schwäbisch mag sich vom Hochdeutschen erheblich unterscheiden, doch es ist eine Varietät des Deutschen – Sorbisch hingegen ist eine völlig andere Sprache, die dem Polnischen und Tschechischen näher steht als dem Deutschen.
Ein europäisches Phänomen
Deutschland steht mit seiner sprachlichen Vielfalt keineswegs allein. In ganz Europa existieren Regional- und Minderheitensprachen, die vom Verschwinden bedroht sind oder um ihre Anerkennung kämpfen: Bretonisch in Frankreich, Flämisch in Belgien, Baskisch und Katalanisch in Spanien, Walisisch in Großbritannien, Sámisch in Skandinavien. Die europäische Sprachlandschaft ist ein Mosaik, das sich über Jahrtausende herausgebildet hat und das in der Neuzeit durch die Durchsetzung von Nationalsprachen zunehmend unter Druck geraten ist. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wuchs das Bewusstsein dafür, dass dieser sprachliche Reichtum ein schützenswertes kulturelles Erbe darstellt.
Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen
Ein völkerrechtliches Instrument
Am 5. November 1992 legte der Europarat die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen zur Unterzeichnung auf. Es war das erste völkerrechtlich verbindliche Instrument, das ausdrücklich dem Schutz und der Förderung historischer Minderheitensprachen gewidmet war. Die Bundesrepublik Deutschland unterzeichnete die Charta am 5. November 1992 und ratifizierte sie am 16. September 1998. In Kraft trat sie für Deutschland am 1. Januar 1999.
Die Charta gliedert sich in mehrere Teile, von denen zwei besonders bedeutsam sind. Teil II formuliert allgemeine Ziele und Grundsätze, die für alle anerkannten Sprachen gelten: die Achtung des geographischen Gebiets jeder Sprache, die Förderung ihres Gebrauchs in der Öffentlichkeit und im Privaten sowie die Bereitstellung geeigneter Formen des Unterrichts. Teil III geht weiter und verpflichtet die Unterzeichnerstaaten zu konkreten Maßnahmen in Bereichen wie Bildung, Justiz, Verwaltung und Medien. Deutschland hat sich dazu entschieden, für die meisten anerkannten Sprachen den umfassenderen Teil III anzuwenden – mit einer bedeutsamen Ausnahme, auf die wir noch zu sprechen kommen werden.
Deutschlands anerkannte Sprachen
Im Rahmen der Ratifizierung hat Deutschland folgende Sprachen als Regional- oder Minderheitensprachen anerkannt und dem Schutz der Charta unterstellt: Dänisch, Obersorbisch und Niedersorbisch, Nordfriesisch und Saterfriesisch sowie Niederdeutsch (Plattdeutsch) – alle unter dem umfassenden Teil III. Romanes, die Sprache der deutschen Sinti und Roma, wurde unter Teil II anerkannt, da sie als nicht-territoriale Sprache keinem bestimmten geographischen Gebiet zugeordnet werden kann.
Anerkannte Minderheitensprachen in Deutschland
Teil III der Charta (umfassender Schutz): Dänisch, Obersorbisch, Niedersorbisch, Nordfriesisch, Saterfriesisch, Niederdeutsch.
Teil II der Charta (allgemeine Grundsätze): Romanes (Sprache der Sinti und Roma).
Nicht als Amtssprache: Deutsch ist die einzige Amtssprache auf Bundesebene. Auf Landesebene genießen einige Minderheitensprachen einen besonderen Status.
Rechtsgrundlage: Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (1992), ratifiziert von Deutschland 1998, in Kraft seit 1. Januar 1999.
Dänisch in Schleswig-Holstein
Die dänische Minderheit
Die Geschichte der dänischen Sprache in Deutschland ist untrennbar mit der wechselvollen Geschichte des Grenzlandes zwischen Deutschland und Dänemark verbunden. Schleswig-Holstein, einst Zankapfel beider Nationen, wurde 1920 nach einer Volksabstimmung geteilt: Der nördliche Teil fiel an Dänemark, der südliche verblieb bei Deutschland. Doch die Grenze trennte nicht sauber nach Sprachgruppen. Im heutigen Südschleswig leben etwa 50.000 Angehörige der dänischen Minderheit, die sich zum dänischen Kulturkreis bekennen und ihre Sprache pflegen.
Dänisch wird außerhalb Dänemarks von etwa 330.000 Menschen gesprochen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Grönland, auf den Färöern und in Schweden. In Schleswig-Holstein genießt die dänische Minderheit einen besonderen rechtlichen Schutz, der in der Bonn-Kopenhagener Erklärung von 1955 verankert ist. Es gibt dänische Schulen, dänische Bibliotheken, einen dänischen Presseverlag und sogar eine eigene politische Partei: den Südschleswigschen Wählerverband (SSW), der als Vertretung der dänischen Minderheit von der Fünf-Prozent-Hürde bei Landtagswahlen befreit ist.
Zweisprachigkeit im Alltag
In Flensburg, der nördlichsten Großstadt Deutschlands, ist die dänische Präsenz besonders spürbar. Zweisprachige Straßenschilder gehören zum Stadtbild, und das dänische Kulturinstitut Flensborghus bildet einen wichtigen Anlaufpunkt für die Minderheit. Im dänischen Schulsystem Schleswig-Holsteins werden etwa 5.700 Schüler an rund 45 Schulen unterrichtet – auf Dänisch, mit Deutsch als Fremdsprache. Diese Schulen stehen grundsätzlich allen Kindern offen, unabhängig von ihrer Herkunft, und erfreuen sich auch bei deutschsprachigen Familien zunehmender Beliebtheit, die den Wert einer zweisprachigen Erziehung erkannt haben.
Niederdeutsch: Mehr als nur Platt
Die große Schwester des Englischen
Niederdeutsch, im Volksmund schlicht „Platt“ genannt, nimmt unter den Minderheitensprachen Deutschlands eine Sonderstellung ein. Während Dänisch, Sorbisch und Friesisch von vergleichsweise kleinen Gemeinschaften gesprochen werden, erstreckt sich das Niederdeutsche über den gesamten norddeutschen Raum – von Schleswig-Holstein über Niedersachsen, Hamburg und Bremen bis nach Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Je nach Schätzung verstehen noch zwischen sechs und zehn Millionen Menschen Niederdeutsch, auch wenn die Zahl der aktiven Sprecher deutlich geringer sein dürfte.
Was Niederdeutsch von den hochdeutschen Dialekten unterscheidet, ist ein fundamentaler sprachgeschichtlicher Bruch: die sogenannte Zweite Lautverschiebung, die zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert das Hochdeutsche vom Niederdeutschen trennte. Während im Süden aus dem germanischen p ein pf oder f wurde (Pfund, Pfeffer, offen), aus t ein ts oder ss (Zahn, Wasser) und aus k ein ch (machen, Kuchen), blieben diese Laute im Norden unverändert. Auf Plattdeutsch heißt es daher Pund, Tahn und maken – Formen, die dem Englischen (pound, tooth, make) auffallend ähnlich sind. Niederdeutsch und Englisch sind sich tatsächlich näher als Niederdeutsch und Hochdeutsch – ein Umstand, der viele überrascht.
Vom Hanselatein zur bedrohten Sprache
Im Mittelalter war Niederdeutsch keineswegs eine Randerscheinung. Als Sprache der Hanse, jenes mächtigen Handelsbündnisses norddeutscher Städte, war Plattdeutsch vom 13. bis zum 16. Jahrhundert die lingua franca des Nord- und Ostseeraums. Kaufleute von Lübeck bis Bergen, von Brugge bis Nowgorod verhandelten auf Niederdeutsch. Zahlreiche Lehnwörter in den skandinavischen Sprachen zeugen noch heute von diesem Einfluss.
Der Niedergang des Niederdeutschen begann mit der Reformation: Martin Luthers Bibelübersetzung ins Hochdeutsche verbreitete sich auch im Norden und drängte das Plattdeutsche allmählich aus der Schriftlichkeit. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde Niederdeutsch zunehmend als Sprache der ländlichen Bevölkerung und der ungebildeten Schichten stigmatisiert. Erst das Werk Fritz Reuters und Klaus Groths im 19. Jahrhundert und später die Anerkennung durch die Sprachencharta gaben dem Niederdeutschen eine neue Würde. Heute bieten mehrere Bundesländer Plattdeutsch als Unterrichtsfach an, und der Norddeutsche Rundfunk (NDR) sendet regelmäßig Nachrichten auf Platt.
Friesisch und Saterfriesisch: Näher am Englischen als am Deutschen
Eine eigenständige germanische Sprache
Noch enger als das Niederdeutsche ist das Friesische mit dem Englischen verwandt. Friesisch und Englisch bilden gemeinsam die anglo-friesische Untergruppe der westgermanischen Sprachen – sie sind gleichsam Geschwister, die vor rund 1.500 Jahren getrennte Wege gingen. In Deutschland werden zwei friesische Varietäten gesprochen: Nordfriesisch an der Westküste Schleswig-Holsteins und auf den nordfriesischen Inseln, sowie Saterfriesisch im Saterland in Niedersachsen.
Saterfriesisch ist die am stärksten gefährdete Sprache Deutschlands. Nur etwa 1.000 bis 2.000 Menschen im Saterland – den drei Gemeinden Ramsloh, Strücklingen und Scharrel – sprechen es noch fließend. Es ist die letzte verbliebene Varietät des Ostfriesischen, das einst an der gesamten Nordsee-Küste zwischen Weser und Lauwers gesprochen wurde. Seit den 1950er Jahren wird Saterfriesisch als Unterrichtssprache an Grundschulen im Saterland angeboten, und seit 1999 steht es unter dem Schutz der Europäischen Sprachencharta.
Nordfriesisch: Vielfalt auf engstem Raum
Das Nordfriesische zeichnet sich durch eine bemerkenswerte innere Vielfalt aus. Auf den Inseln Föhr, Amrum, Sylt und Helgoland sowie auf dem Festland zwischen der dänischen Grenze und der Eidermündung werden mindestens neun verschiedene Dialekte gesprochen, die sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Etwa 8.000 bis 10.000 Menschen sprechen heute noch aktiv Nordfriesisch. Auf den Inseln – besonders auf Föhr und Amrum – ist die Sprache noch relativ lebendig; auf dem Festland ist sie stärker vom Aussterben bedroht.
Die Nordfriesen pflegen ihre Sprachidentität mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein. Der Wahlspruch „Rik än fräi üüs üs di Möwen, höch ap di Lucht, fresh än di Wiimen“ („Ruhig und frei wie die Möwen, hoch in der Luft, frisch an den Winden“) ziert das Wappen Nordfrieslands. Zweisprachige Ortsschilder gehören in vielen Gemeinden zum Alltag, und das Nordfriisk Instituut in Bredstedt widmet sich seit 1948 der Erforschung und Pflege der nordfriesischen Sprache und Kultur.
Sorbisch: Westslawisches Erbe in Sachsen und Brandenburg
Zwei Sprachen, ein Volk
In der Lausitz, jenem Landstrich im Östen Deutschlands, der sich über Teile Sachsens und Brandenburgs erstreckt, lebt das älteste slawische Volk auf deutschem Boden: die Sorben (in Brandenburg auch Wenden genannt). Etwa 60.000 Menschen bekennen sich zur sorbischen Volksgruppe, von denen schätzungsweise 20.000 bis 30.000 noch aktiv eine der beiden sorbischen Sprachen sprechen.
Denn es gibt nicht ein Sorbisch, sondern zwei: Obersorbisch, gesprochen in der Oberlausitz rund um Bautzen (Budýsin), und Niedersorbisch, gesprochen in der Niederlausitz rund um Cottbus (Chośebuz). Beide Sprachen gehören zur westslawischen Sprachfamilie und sind mit dem Polnischen und Tschechischen verwandt, unterscheiden sich aber so deutlich voneinander, dass eine Verständigung zwischen Ober- und Niedersorbisch-Sprechern nicht ohne Weiteres möglich ist. Niedersorbisch ist dabei die stärker bedrohte der beiden Varietäten: Die Zahl der aktiven Sprecher wird auf nur noch 5.000 bis 7.000 geschätzt.
Krabat und die sorbische Kultur
Die sorbische Kultur hat Spuren in der deutschen Literatur und im Brauchtum hinterlassen, die weit über die Lausitz hinausreichen. Am bekanntesten ist die Krabat-Sage, die Geschichte eines sorbischen Waisenjungen, der in die Lehre eines Schwarzen Müllers gerät, der Zauberei treibt. Otfried Preußler hat diesen Stoff 1971 in seinem Roman „Krabat“ verarbeitet – eines der meistgelesenen deutschen Jugendbücher, das 2008 auch verfilmt wurde. Die historische Figur hinter der Sage war vermutlich der kroatische Reiteroberst Johann von Schadowitz, der im 17. Jahrhundert in der Lausitz lebte.
Im Alltag zeigt sich die Zweisprachigkeit der Lausitz auf vielfältige Weise. In Bautzen und Cottbus sind alle Straßenschilder, Behördenbezeichnungen und Wegweiser zweisprachig – deutsch und sorbisch. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) sendet ein tägliches Fernsehprogramm in sorbischer Sprache, und an mehreren Schulen wird Sorbisch als Unterrichtssprache oder als Pflichtfach angeboten. Das Witaj-Projekt, eine Initiative zur frühkindlichen Immersion, bietet seit 1998 sorbischsprachige Kindergärten an – ein Modell, das international als Vorbild für die Revitalisierung bedrohter Sprachen gilt.
Romanes: Eine Sprache ohne Territorium
Vom Sanskrit an die Spree
Romanes, die Sprache der Sinti und Roma, nimmt unter den Minderheitensprachen Deutschlands eine Sonderstellung ein. Anders als Dänisch, Sorbisch oder Friesisch ist Romanes nicht an ein bestimmtes geographisches Gebiet gebunden. Die Sinti und Roma leben seit Jahrhunderten über ganz Deutschland verstreut, ohne ein zusammenhängendes Siedlungsgebiet zu bilden. Aus diesem Grund wurde Romanes von Deutschland lediglich unter Teil II der Sprachencharta anerkannt – den allgemeinen Grundsätzen –, nicht aber unter dem umfassenderen Teil III mit seinen konkreten Schutzmaßnahmen.
Sprachwissenschaftlich ist Romanes von außerordentlichem Interesse. Es gehört zur indoarischen Sprachfamilie und ist mit dem Sanskrit, dem Hindi und dem Urdu verwandt. Die Roma, deren Vorfahren vermutlich im 10. Jahrhundert aus Nordindien aufbrachen, trugen ihre Sprache über Persien, Kleinasien und den Balkan bis nach Westeuropa. Auf diesem langen Weg nahm Romanes zahlreiche Lehnwörter aus dem Persischen, Griechischen, Südslawischen und den jeweiligen Landessprachen auf, bewahrte aber seinen grundlegend indoarischen Charakter. In Deutschland leben schätzungsweise 70.000 bis 120.000 Sinti und Roma, von denen ein erheblicher Teil Romanes als Muttersprache oder als Zweitsprache spricht.
Verfolgung und Anerkennung
Die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland ist eine Geschichte der Verfolgung. Seit ihrer Ankunft in Mitteleuropa im 14. und 15. Jahrhundert wurden sie diskriminiert, vertrieben und kriminalisiert. Den furchtbaren Höhepunkt bildete der Völkermord unter der nationalsozialistischen Herrschaft: Im sogenannten Porajmos wurden bis zu 500.000 europäische Sinti und Roma ermordet. Erst 1982 erkannte die Bundesrepublik Deutschland den Völkermord offiziell an.
Die Anerkennung des Romanes als Minderheitensprache im Jahr 1999 war ein weiterer, wenn auch später Schritt der Wiedergutmachung. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg setzt sich seither für den Schutz und die Förderung der Romanes-Sprache ein. Gleichwohl ist die Situation des Romanes prekär: Da die Sprache traditionell mündlich überliefert wird und keine einheitliche Schriftnorm besitzt, hängt ihr Fortbestand entscheidend von der Weitergabe innerhalb der Familien ab. In einer Zeit, in der die jüngere Generation zunehmend Deutsch als primäre Sprache verwendet, ist diese Weitergabe keineswegs gesichert.
Neue Minderheiten – neue Sprachen?
Migration und sprachliche Vielfalt
Eine Frage, die sich angesichts der Einwanderungsgeschichte Deutschlands seit den 1960er Jahren unweigerlich aufddrängt, lautet: Sollte der Schutz der Sprachencharta nicht auch auf die Sprachen der sogenannten „neuen Minderheiten“ ausgedehnt werden? In Deutschland leben Millionen Menschen, deren Muttersprache Türkisch, Russisch, Polnisch, Arabisch, Griechisch oder Spanisch ist. Manche dieser Gemeinschaften existieren seit über sechzig Jahren auf deutschem Boden und haben eigene Medien, Vereine und kulturelle Institutionen aufgebaut.
Die Europäische Charta schließt die Sprachen von Einwanderern ausdrücklich aus ihrem Geltungsbereich aus. Sie schützt nur Sprachen, die „herkömmlicherweise“ – also seit historisch langer Zeit – in einem bestimmten Gebiet gesprochen werden. Dieses Kriterium mag auf den ersten Blick willkürlich erscheinen, hat aber einen nachvollziehbaren Hintergrund: Die Charta wurde geschaffen, um sprachliche Traditionen zu bewahren, die über Jahrhunderte gewachsen sind und die ohne besonderen Schutz unwiederbringlich verloren gehen würden. Einwanderungssprachen hingegen werden in den Herkunftsländern weiterhin als Mehrheitssprachen gesprochen und sind dort keiner Bedrohung ausgesetzt.
Sprachliche Vielfalt als Reichtum
Dennoch stellt sich die Frage, ob dieses Kriterium auf Dauer haltbar ist. Wann wird aus einer „neuen“ eine „alte“ Minderheit? Türkischsprachige Gemeinschaften in Berlin-Kreuzberg oder russlanddeutsche Gemeinden im Ruhrgebiet haben sich über Generationen hinweg etabliert und prägen das kulturelle Leben ihrer Nachbarschaften. Die Debatte darüber, wie weit der Schutz sprachlicher Minderheiten reichen soll, ist längst nicht abgeschlossen – und sie berührt grundlegende Fragen des Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft.
Was sich mit Sicherheit sagen lässt: Die Sprachen in Deutschland sind vielfältiger, als die meisten Deutschen ahnen. Ob Dänisch in Flensburg, Sorbisch in Bautzen, Saterfriesisch im Oldenburger Münsterland oder Romanes in den Großstädten – jede dieser Sprachen trägt eine Erinnerung in sich, die über Jahrhunderte zurückreicht. Sie zu schützen, bedeutet nicht nur, Wörter und Grammatiken zu bewahren, sondern ganze Welten des Denkens, Fühlens und Erzählens. Wenn eine Sprache stirbt, verschwindet mit ihr eine Perspektive auf die Welt, die durch keine Übersetzung ersetzt werden kann. Die Europäische Sprachencharta ist ein Anfang – aber ob er ausreicht, wird sich in den kommenden Jahrzehnten zeigen.
