Hinter den Kulissen einer vergessenen Sprache
Es gibt Hunderte von Kreolsprachen auf der Welt – die meisten basieren auf Englisch, Französisch, Portugiesisch oder Niederländisch. Doch nur eine einzige Kreolsprache der Welt hat das Deutsche als Grundlage: Unserdeutsch, entstanden in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Neuguinea, gesprochen von einer winzigen Gemeinschaft und heute akut vom Aussterben bedroht. Diese Sprache ist ein einzigartiges linguistisches Zeugnis der deutschen Kolonialgeschichte – und zugleich eines der am wenigsten bekannten Kapitel der deutschen Sprachgeschichte überhaupt.
Während Französisch- und Englischbasierte Kreolsprachen von Millionen Menschen gesprochen werden – man denke an das Haitianische Kreol oder das jamaikanische Patwa –, zählt Unserdeutsch heute kaum noch hundert Sprecherinnen und Sprecher. Diese leben verstreut in Papua-Neuguinea und im australischen Bundesstaat Queensland. Dass ausgerechnet Deutsch, die Sprache eines vergleichsweise kurzen Kolonialreiches, eine Kreolsprache hervorgebracht hat, überrascht Linguisten bis heute – und macht Unserdeutsch zu einem kostbaren Forschungsgegenstand.
Pidgin und Kreol: Was eine Kreolsprache ausmacht
Bevor wir uns dem Unserdeutschen im Einzelnen widmen, lohnt es sich, die Begriffe Pidgin und Kreol voneinander abzugrenzen – denn sie werden häufig verwechselt, obwohl sie grundlegend verschiedene Sprachphänomene bezeichnen. Ein Pidgin ist eine vereinfachte Kontaktsprache, die entsteht, wenn Menschen ohne gemeinsame Muttersprache miteinander kommunizieren müssen. Pidgins haben einen reduzierten Wortschatz, eine vereinfachte Grammatik und dienen in der Regel nur begrenzten Zwecken – etwa dem Handel oder der Verständigung am Arbeitsplatz. Kein Mensch wächst mit einem Pidgin als Muttersprache auf.
Eine Kreolsprache hingegen entsteht dann, wenn ein Pidgin zur Muttersprache einer neuen Generation wird. In diesem Prozess, den Linguisten als Kreolisierung oder Nativierung bezeichnen, geschieht etwas Bemerkenswertes: Die Kinder, die das Pidgin ihrer Eltern als erste Sprache erwerben, erweitern es systematisch. Sie fügen grammatische Strukturen hinzu, differenzieren den Wortschatz und entwickeln Ausdrucksmöglichkeiten, die das ursprüngliche Pidgin nicht besessen hat. Das Ergebnis ist eine vollwertige, komplexe Sprache – ein Kreol.
Genau dieser Prozess fand in Deutsch-Neuguinea statt. Das Unserdeutsche begann als eine Art vereinfachtes Deutsch, das Missionare und einheimische Kinder miteinander sprachen. Es wurde dann zur Muttersprache einer Gemeinschaft – und damit zu einer echten Kreolsprache. Diese Unterscheidung ist entscheidend, denn sie trennt Unserdeutsch von anderen deutschen Kontaktsprachen wie dem Küchendeutsch in Namibia, das stets ein Pidgin blieb.
Deutsch-Neuguinea: Die koloniale Vorgeschichte
Die Geschichte des Unserdeutschen ist untrennbar mit der deutschen Kolonialherrschaft in der Südsee verbunden. Im Jahr 1884 erklärte das Deutsche Reich den nordöstlichen Teil der Insel Neuguinea zusammen mit dem Bismarck-Archipel, den nördlichen Salomonen und weiteren Inselgruppen zum „Schutzgebiet“. Das Gebiet erhielt den Namen Deutsch-Neuguinea und wurde zunächst von der Neuguinea-Compagnie verwaltet, einer privaten Handelsgesellschaft, die im Auftrag des Reiches agierte.
Die Kolonialverwaltung konzentrierte sich auf den Bismarck-Archipel, insbesondere auf die Gazelle-Halbinsel der Insel Neupommern (heute: New Britain). Dort lag die Kolonialhauptstadt Herbertshöhe, später abgelöst von Rabaul, das sich zum wirtschaftlichen und administrativen Zentrum der Kolonie entwickelte. Rabaul, gelegen an einer natürlichen Hafenbucht am Fuße aktiver Vulkane, wurde zum Schauplatz einer einzigartigen sprachlichen Entwicklung.
Die deutsche Kolonialherrschaft in Neuguinea währte nur dreißig Jahre – von 1884 bis 1914, als australische Truppen zu Beginn des Ersten Weltkrieges das Gebiet besetzten. Doch in diesen drei Jahrzehnten legte eine Gruppe katholischer Missionare unwissentlich den Grundstein für eine Sprache, die die Kolonialzeit überdauern sollte.
Vunapope bei Rabaul: Der Geburtsort des Unserdeutschen
Der Schlüssel zum Verständnis des Unserdeutschen liegt in einem ganz bestimmten Ort: der katholischen Missionsstation Vunapope, wenige Kilometer südlich von Rabaul gelegen. Dort unterhielten Missionare der Herz-Jesu-Mission (Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu, MSC) seit den 1890er Jahren ein Waisenhaus und eine Internatsschule. Die Kinder, die dort aufwuchsen, stammten aus verschiedenen einheimischen Sprachgruppen – und vielfach aus Verbindungen zwischen deutschen Kolonisten und einheimischen Frauen. Diese sogenannten Mischlinge, wie die Kolonialverwaltung sie nannte, befanden sich in einer sozialen Zwischenstellung: zu dunkelhäutig, um als Deutsche zu gelten, doch durch ihre väterliche Abstammung von der einheimischen Bevölkerung getrennt.
Die Missionare unterrichteten die Kinder auf Deutsch, doch die Schüler sprachen untereinander eine eigene Variante des Deutschen, die sich zunehmend von der Standardsprache löste. Sie vereinfachten die Grammatik, passten die Aussprache an das Lautinventar ihrer melanesischen Muttersprachen an und schufen eigene Ausdrucksweisen. Als diese Kinder später eigene Familien gründeten und ihre Sprache an die nächste Generation weitergaben, war die Kreolisierung vollzogen: Unserdeutsch war geboren – benannt nach dem Pronomen „unser“, das die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft markierte.
Bemerkenswert ist, dass diese Kreolisierung in einem sehr überschaubaren Rahmen stattfand. Die Gemeinschaft der Unserdeutsch-Sprecher umfasste nie mehr als einige hundert Personen. Doch gerade diese Geschlossenheit förderte die Ausbildung einer eigenen sprachlichen Identität. Unserdeutsch war nicht einfach „schlechtes Deutsch“ – es war eine Sprache mit eigenen Regeln, eigener Logik und eigener Ausdruckskraft, die für ihre Sprecher ein zentrales Merkmal der Gruppenzugehörigkeit darstellte.
Unserdeutsch – Kurzinfo
Bezeichnung: Unserdeutsch (auch: Rabaul Creole German)
Typ: Deutschbasierte Kreolsprache
Entstehung: ca. 1900–1920 in Vunapope bei Rabaul
Sprecher: ca. 100 (Papua-Neuguinea und Queensland, Australien)
Lexik: überwiegend deutsch, mit Einflüssen aus Tok Pisin und melanesischen Sprachen
Besonderheiten: Einheitsartikel „de(r)“, kein Genus, analytische Grammatik
Status: Vom Aussterben bedroht (UNESCO: critically endangered)
Grammatik und Beispiele: So klingt Unserdeutsch
Was macht Unserdeutsch als Kreolsprache linguistisch so faszinierend? Zunächst ist der Wortschatz ganz überwiegend deutsch. Wer Unserdeutsch hört, erkennt sofort die deutsche Grundlage – Substantive, Verben und Adjektive sind größtenteils dem Deutschen entnommen. Doch die Grammatik folgt völlig eigenen Regeln, die sich von der komplexen deutschen Morphologie radikal unterscheiden.
Die auffälligste Vereinfachung betrifft das Artikelsystem. Das Deutsche kennt drei Genera (der, die, das) mit einem aufwändigen System von Deklinationen – Unserdeutsch reduziert all dies auf einen einzigen Artikel: de (manchmal der), der für alle Geschlechter und Fälle steht. So heißt es etwa „de Frau“, „de Kind“ und „de Mann“. Die Pluralbildung erfolgt nicht durch Endungen wie im Deutschen, sondern analytisch durch das vorangestellte Wort „alle“: „alle Kind“ bedeutet „die Kinder“.
Auch die Verbmorphologie ist stark vereinfacht. Wo das Standarddeutsche konjugiert („ich gehe, du gehst, er geht“), verwendet Unserdeutsch eine einzige Verbform, die vom Infinitiv oder einer Stammform abgeleitet ist. Tempus wird nicht durch Flexion, sondern durch Kontextwörter oder Adverbien ausgedrückt. Ein bekanntes Unserdeutsch-Beispiel stammt aus einer Nacherzählung des Märchens Rumpelstilzchen: „Der Koenig dann sagen zu sie: wenn du ni kann machen Gold aus Stroh, dann du mus sterben.“ In diesem Satz sind typische Merkmale des Unserdeutschen erkennbar: der Einheitsartikel, die fehlende Konjugation, die vereinfachte Wortstellung und die Negation mit „ni“ (statt „nicht“).
Die Lautstruktur des Unserdeutschen wurde an das Lautinventar der melanesischen Substratsprachen angepasst. Das deutsche „sch“ wird häufig zu „s“, Umlaute werden vereinfacht, und bestimmte Konsonantenverbindungen, die im Melanesischen nicht vorkommen, werden aufgelöst. Diese phonologischen Veränderungen sind typisch für Kreolsprachen: Die Klänge der Basissprache werden an die Sprechgewohnheiten der Substratsprachen angepasst.
Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal ist die Verwendung von Lehnwörtern aus dem Tok Pisin, der in Papua-Neuguinea weit verbreiteten englischbasierten Kreolsprache. So finden sich im Unserdeutschen Ausdrücke wie „baimbai“ (von englisch by and by, für Zukunft) neben deutschen Wörtern. Diese Mehrschichtigkeit – deutsche Lexik, melanesische Phonologie, Tok-Pisin-Einflüsse – macht Unserdeutsch zu einem faszinierenden Beispiel für die Kreativität menschlicher Sprachbildung.
Küchendeutsch und Namibian Black German: Verwandte Kontaktsprachen
Unserdeutsch ist nicht die einzige Kontaktsprache, die aus der Berührung des Deutschen mit außereuropäischen Sprachen hervorging. In Namibia, der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1884–1915), entwickelte sich das sogenannte Küchendeutsch, auch als Namibian Black German oder Namibian Pidgin Deutsch bezeichnet. Es diente vor allem der Kommunikation zwischen deutschen Kolonialherren und einheimischen Arbeitskräften – in der Küche, auf den Farmen, in den Haushalten.
Der entscheidende Unterschied zum Unserdeutschen liegt in der Klassifikation: Küchendeutsch blieb stets ein Pidgin. Es wurde nie zur Muttersprache einer Sprechergemeinschaft und durchlief daher nicht den Prozess der Kreolisierung. Sein Wortschatz war begrenzter, seine grammatischen Strukturen weniger ausdifferenziert. Zudem ging Küchendeutsch im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend verloren, als Afrikaans und Englisch die dominierenden Sprachen in Namibia wurden. Gleichwohl existiert in Namibia bis heute eine deutschsprachige Minderheit von etwa 20.000 Personen, die ein eigenständiges namibisches Standarddeutsch sprechen – dies ist jedoch kein Pidgin und kein Kreol, sondern eine regionale Varietät des Standarddeutschen.
Auch in anderen ehemaligen deutschen Kolonien – Samoa, Togo, Kamerun, Tsingtau – kam es zu Sprachkontaktphänomenen, doch nirgends entstand eine vergleichbare Kreolsprache. Die Gründe sind vielschichtig: Die deutsche Kolonialherrschaft war kürzer als die englische oder französische, die Zahl der deutschen Siedler geringer, und die Kolonialpolitik setzte weniger konsequent auf sprachliche Assimilation. Dass Unserdeutsch dennoch entstand, verdankt sich der besonderen sozialen Konstellation in Vunapope: einer geschlossenen Gemeinschaft von Kindern gemischter Herkunft, die in einer Missionsinstitution aufwuchsen und das Deutsche als Ausgangssprache erhielten.
Vom Aussterben bedroht: Dokumentation und Rettungsversuche
Heute ist Unserdeutsch eine der am stärksten bedrohten Sprachen der Welt. Die UNESCO stuft sie als critically endangered ein – vom unmittelbaren Aussterben bedroht. Die Zahl der Sprecher wird auf etwa 100 Personen geschätzt, die meisten davon ältere Menschen. Die jüngeren Generationen sind zum Englischen, zu Tok Pisin oder zum Standarddeutschen übergegangen. Wenn die letzten Muttersprachler sterben, wird mit ihnen eine Sprache verstummen, die es kein zweites Mal auf der Welt gibt.
Die Sprechergemeinschaft verteilt sich heute auf zwei geographische Zentren. Ein Teil lebt noch immer in der Umgebung von Rabaul auf der Gazelle-Halbinsel in Papua-Neuguinea. Der andere – und mittlerweile größere – Teil ist nach Australien ausgewandert, vor allem in die Region um Townsville und Cairns im Bundesstaat Queensland. Diese Migrationsbewegung begann in den 1970er Jahren, als die Unabhängigkeit Papua-Neuguineas (1975) für viele Angehörige der gemischten Gemeinschaft Unsicherheit über ihren künftigen Status mit sich brachte.
Die sprachwissenschaftliche Dokumentation des Unserdeutschen begann spät. Der australische Linguist Craig Volker leistete in den 1980er und 1990er Jahren Pionierarbeit, indem er die Sprache erstmals systematisch beschrieb und Sprachproben aufzeichnete. Seit den 2010er Jahren führt ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Péter Maitz (Universität Augsburg) ein umfassendes Dokumentationsprojekt durch. Die Forscher reisen regelmäßig nach Queensland und Papua-Neuguinea, um Gespräche aufzuzeichnen, Grammatiken zu erstellen und ein Wörterbuch zu erarbeiten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Jeder Sprecher, der stirbt, nimmt unwiederbringliches Wissen über diese einzigartige Kreolsprache mit ins Grab.
Die Dokumentation dient nicht nur wissenschaftlichen Zwecken. Für die Sprechergemeinschaft selbst ist Unserdeutsch ein wesentlicher Teil ihrer Identität – die Sprache verbindet sie mit ihrer Geschichte, mit der Missionsstation in Vunapope und mit einer Gemeinschaft, die über zwei Kontinente verstreut lebt. Einige jüngere Angehörige der Gemeinschaft haben Interesse bekundet, die Sprache ihrer Großeltern zu erlernen. Ob eine Revitalisierung gelingen kann, ist ungewiss – doch die Dokumentation stellt zumindest sicher, dass Unserdeutsch nicht spurlos verschwindet.
Kolonial-Deutsch und Weltdeutsch: Gescheiterte Kunstsprachen
Die Geschichte des Deutschen in den Kolonien hat noch ein weiteres kurioses Kapitel: den Versuch, künstliche Vereinfachungen der deutschen Sprache für den kolonialen Gebrauch zu schaffen. Der bekannteste dieser Versuche stammt von dem Kolonialbeamten Emil Schwörer, der um 1900 ein sogenanntes Kolonial-Deutsch entwarf. Sein Vorschlag sah eine radikal vereinfachte Grammatik vor, die es den „Eingeborenen“ – so die damalige Terminologie – erleichtern sollte, Deutsch zu erlernen. Schwörer tilgte die Feinheiten der Deklination, reduzierte die Konjugation und eliminierte die Genera.
Die Ironie besteht darin, dass Schwörers künstliches Kolonial-Deutsch dem natürlich entstandenen Unserdeutsch in mancher Hinsicht ähnelte. Auch Unserdeutsch hat den Einheitsartikel, die vereinfachte Verbflexion und den Wegfall der Genera – allerdings nicht als bürokratische Verordnung, sondern als Ergebnis eines lebendigen Sprachbildungsprozesses. Schwörers Projekt scheiterte: Die Kolonialverwaltung zeigte kein Interesse, und die Sprachwissenschaft betrachtete den Entwurf mit Skepsis.
Ähnlich erging es dem Konzept des Weltdeutsch, das im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von verschiedenen Autoren propagiert wurde. Die Idee, Deutsch zu einer internationalen Hilfssprache zu machen – analog zum Esperanto, aber auf deutscher Grundlage –, fand einige Anhänger im nationalistischen Milieu, blieb aber ohne praktische Wirkung. Das Deutsche war als Weltsprache bereits zu komplex, und die geopolitischen Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg machten alle derartigen Träume zunichte.
Im Vergleich zu diesen künstlichen Projekten ist Unserdeutsch ein umso eindrucksvolleres Phänomen. Es zeigt, dass Sprachen nicht am Reißbrett entstehen, sondern dort, wo Menschen unter besonderen Umständen miteinander kommunizieren müssen. Die etwa hundert verbliebenen Sprecherinnen und Sprecher des Unserdeutschen sind die letzten Zeugen eines Experiments, das niemand geplant hat – und das gerade deshalb gelang. Wenn Sie das nächste Mal über die Vielfalt der deutschen Sprache in Papua-Neuguinea staunen, bedenken Sie: In einem kleinen Missionsgebäude bei Rabaul wurde vor über hundert Jahren etwas geschaffen, das es in der gesamten Geschichte des Deutschen sonst nicht gibt – eine eigenständige Kreolsprache, geboren aus Not, Nähe und dem unbeirrbaren Drang des Menschen, sich verständlich zu machen.
