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Bezirzen – Wie eine griechische Zauberin in den deutschen Wortschatz gelangte

Circe, die Insel Aiaia und die verwandelten Männer

Wer jemanden bezirzt, der verzaubert, betört, verführt ihn – oft mit einer Mischung aus Charme, Schmeichelei und einer Prise Berechnung. Das Wort klingt harmlos, beinahe gemütlich. Doch hinter dieser alltäglichen Vokabel verbirgt sich eine der dunkelsten und faszinierendsten Gestalten der griechischen Mythologie: Circe, die Zauberin von der Insel Aiaia, die Männer in Schweine verwandelte und einen der berühmtesten Helden der Antike in ihren Bann schlug.

Bezirzen – Wie eine griechische Zauberin in den deutschen Wortschatz gelangte

Homer erzählt die Geschichte im zehnten Buch seiner Odyssee. Nach dem Fall Trojas macht sich Odysseus – dessen Heimat die Insel Ithaka ist – auf die lange Rückreise. Sturm und göttlicher Zorn verschlagen ihn an zahlreiche Küsten, und eine davon ist Aiaia, die Insel der Circe. Wo genau sich dieses mythische Eiland befand, ist seit der Antike umstritten. Spätere römische Autoren identifizierten es mit dem Kap Circeo an der tyrrhenischen Küste Italiens, südlich von Rom – einer Landzunge, die aus der Ferne tatsächlich wie eine Insel wirkt. Andere Deutungen verlegen Aiaia in den östlichen Mittelmeerraum, in die Nähe von Kolchis am Schwarzen Meer, denn Circe galt als Tochter des Sonnengottes Helios und als Schwester des Kolcherkönigs Aietes, des Vaters von Medea.

Bezirzen – Etymologie auf einen Blick

Griechisch: Kirke (Κίρκη), Name der Göttin und Zauberin.
Lateinisch: Circe, daraus deutsch Zirze.
Bedeutung: jemanden verzaubern, betören, durch Charme verführen.
Varianten: bezirzen, becircen (veraltet).
Quelle: Homer, Odyssee, Buch X.

Circe selbst ist keine gewöhnliche Sterbliche. Sie ist eine Nymphe von überirdischer Schönheit, die allein auf ihrer Insel lebt, umgeben von zahmen Wölfen und Löwen – Tieren, die einst Menschen waren und durch ihre Zauberkräfte verwandelt wurden. In ihrem Palast webt sie an einem gewaltigen Webstuhl und singt mit einer Stimme, die jeden Vorbeigehenden in ihren Bann zieht. Wer diesen Palast betritt, dem setzt sie ein Mahl vor, das mit magischen Kräutern versetzt ist. Und wer verwandelte Männer in Schweine? Genau diese Circe. Ein Schlag mit ihrem Stab, ein Spruch – und die Männer verloren ihre menschliche Gestalt, behielten jedoch ihren Verstand. Sie wussten, was ihnen geschehen war, konnten aber nichts dagegen tun.

Odysseus und Circe: Gegenzauber, Verführung, Verwandlung

Als Odysseus mit seinen Gefährten auf der Insel der Circe landet, schickt er eine Erkundungsgruppe unter Führung des Eurylochos voraus. Die Männer finden Circes Palast, hören ihren Gesang, treten ein – und werden in Schweine verwandelt. Einzig Eurylochos, der aus Misstrauen draußen gewartet hat, kann fliehen und Odysseus berichten.

Odysseus macht sich allein auf den Weg zu Circe. Unterwegs begegnet ihm der Götterbote Hermes, der ihm ein Gegenmittel überreicht: das sagenhafte Kraut Moly, eine Pflanze mit schwarzer Wurzel und weißer Blüte, die gegen Circes Zauber schützt. So gewappnet betritt Odysseus den Palast, isst von der verzauberten Speise – und bleibt unverwandelt. Als Circe ihren Stab schwingt, zieht er sein Schwert und stürzt auf sie zu, als wolle er sie töten.

Was folgt, ist einer der berühmtesten Wendepunkte der antiken Literatur. Circe, erstaunt und beeindruckt, erkennt in dem Fremden jenen Odysseus, dessen Kommen ihr einst prophezeit wurde. Statt zu kämpfen, verführt sie ihn – mit, wie Homer es andeutet, „ganz anderen Zaubern“ als denen ihres Stabes. Odysseus erliegt einer Bezauberung, die kein Götterkraut verhindern kann. Doch zuvor zwingt er der Zauberin einen Eid ab: Sie muss seine Gefährten zurückverwandeln und ihm kein Leid antun.

Circe hält Wort. Die Schweine werden wieder zu Männern – jünger und schöner als zuvor, wie Homer bemerkt. Was danach geschieht, hat die Vorstellungskraft von Generationen beflügelt: Odysseus bleibt ein ganzes Jahr bei Circe, und die Zeit vergeht so glücklich, dass erst seine Gefährten ihn an die Heimat erinnern müssen. Am Ende erkennen beide – Odysseus und Circe –, dass sie einander bezirzt haben. Die Verführung war keine Einbahnstraße.

Von Kirke zu bezirzen: Der Weg ins Deutsche

Der linguistische Pfad vom mythologischen Eigennamen zum deutschen Alltagswort ist aufschlussreich. Im Griechischen heißt die Zauberin Kirke (Κίρκη). Die lateinische Form Circe – mit dem für das Lateinische typischen C anstelle des griechischen K – gelangte über die römische Literatur ins europäische Bildungsgut. Im Deutschen wurde aus dem lateinischen C ein Z, und so entstand die eingedeutschte Form Zirze. Aus Zirze bildete sich das Verb bezirzen: jemanden in Circes Manier verzaubern, verführen, umgarnen.

Daneben existiert die ältere, stärker am Lateinischen orientierte Schreibung becircen, die heute als veraltet gilt, aber gelegentlich noch anzutreffen ist. Die heute gebräuchliche Form bezirzen – bisweilen auch in der Schreibvariante bezierzen anzutreffen – hat sich im 18. und 19. Jahrhundert durchgesetzt und ist längst fester Bestandteil des Standarddeutschen. Der Duden verzeichnet das Verb als umgangssprachlich mit der Bedeutung „jemanden durch Schmeichelei, Charme für sich einnehmen“.

Bemerkenswert ist, wie sehr sich die Bedeutung abgeschliffen hat. Wo das Original von gefährlicher Magie, Verwandlung in Tiere und göttlichem Gegenzauber erzählt, meint bezirzen im heutigen Sprachgebrauch kaum mehr als charmantes Überreden. Die mythologische Dramatik ist einer harmlosen Alltäglichkeit gewichen – und genau darin liegt der Reiz solcher Wörter: Sie tragen eine Geschichte in sich, die weit über ihre gegenwärtige Bedeutung hinausreicht.

Circe in der Kunstgeschichte – von der Antike bis zu den Präraffaeliten

Die Gestalt der Circe hat Künstler zu allen Zeiten fasziniert. Auf griechischen Vasen des 5. Jahrhunderts v. Chr. sieht man sie mit dem Zauberstab inmitten verwandelter Männer; Odysseus bedroht sie mit gezogenem Schwert. In der römischen Wandmalerei, etwa in Pompeji, taucht das Motiv der Verwandlungsszene ebenfalls auf.

Ihren Höhepunkt in der Bildenden Kunst erreichte die Circe-Darstellung im 19. Jahrhundert, als die Präraffaeliten und ihre Nachfolger den Stoff wiederentdeckten. John William Waterhouse malte gleich mehrere Versionen des Themas. Sein Gemälde Circe Offering the Cup to Ulysses (1891) zeigt die Zauberin in einem thronähnlichen Stuhl, den vergifteten Kelch in der ausgestreckten Hand, während sich im Spiegel hinter ihr die Gestalt des herantretenden Odysseus spiegelt. Das Bild verbindet viktorianische Sinnlichkeit mit mythologischer Bedrohung – Circe ist zugleich schön und gefährlich, Verführerin und Herrin über Leben und Tod.

Auch Wright Barker und Briton Rivière widmeten sich dem Motiv. Bei Barker (Circe, um 1889) liegt die Zauberin, umgeben von ihren verwandelten Opfern, in einer Pose, die an antike Darstellungen der Venus erinnert. Die Spannung zwischen Schönheit und Grausamkeit, zwischen Lust und Vernichtung – das ist es, was den Circe-Stoff für Maler so anziehend machte.

Feministische Neulesungen und Madeline Millers „Circe“

Im 20. und 21. Jahrhundert hat sich der Blick auf Circe grundlegend gewandelt. Was die antike Tradition als Geschichte eines männlichen Helden erzählte, der eine gefährliche Frau überwindet, liest die feministische Rezeption als Erzählung einer mächtigen Frau, die in einer von Männern und Göttern beherrschten Welt ihren eigenen Weg geht.

Den größten Einfluss auf diese Neulesung hatte Madeline Millers Roman Circe (2018), der die Geschichte aus der Perspektive der Zauberin selbst erzählt. Millers Circe ist keine böse Verführerin, sondern eine Außenseiterin unter den Göttern, die ihre Zauberkraft mühsam erlernt und als Mittel der Selbstbehauptung einsetzt. Die Verwandlung der Männer in Schweine erscheint hier nicht als Akt der Bosheit, sondern als Schutzmaßnahme einer Frau, die Gewalt durch Fremde erfahren hat. Der Roman wurde zum internationalen Bestseller und hat die öffentliche Wahrnehmung der Figur nachhaltig verändert.

Griechische Mythologie im deutschen Wortschatz

Bezirzen ist bei weitem nicht das einzige deutsche Wort, das seine Existenz der griechischen Götterwelt verdankt. Unsere Sprache ist durchsetzt von mythologischen Erbstücken, die wir täglich benutzen, ohne an ihre Herkunft zu denken. Wer eine Odyssee hinter sich hat, hat eine lange Irrfahrt überstanden – benannt nach eben jenem Odysseus, der auf der Insel der Circe landete. Ein Mentor ist ein weiser Ratgeber, benannt nach dem Freund des Odysseus, in dessen Gestalt die Göttin Athene dem jungen Telemachos beistand.

Das Echo geht auf die Nymphe Echo zurück, die von Hera dazu verdammt wurde, nur noch die Worte anderer wiederholen zu können. Wer narzisstisch ist, spiegelt den schönen Jüngling Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Eine Panik verdankt ihren Namen dem Hirtengott Pan, dessen plötzliches Erscheinen die Menschen in blinde Angst versetzte. Und selbst das Wort Musik leitet sich von den Musen ab, jenen neun Göttinnen der Künste, denen auch unser Magazinname Ceryx – der Herold – seine Reverenz erweist.

All diese Wörter haben eines gemeinsam: Sie sind so selbstverständlich Teil unserer Sprache geworden, dass ihr mythologischer Ursprung kaum noch auffällt. Wer jemanden bezirzt, denkt nicht an Schweine, Zauberkräuter und einen Helden, der zehn Jahre brauchte, um nach Hause zu finden. Und doch steckt in diesem kleinen Wort die gesamte Wucht einer dreitausend Jahre alten Erzählung – von der Insel der Circe, von Magie und Gegenmagie, von Verführung und Widerstand. Wenn Sie das nächste Mal bemerken, dass jemand Sie bezirzt, dürfen Sie ruhig an Schweine denken. Es wäre historisch korrekt.

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