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StartseiteSpracheSarkophag – der Fleischfresser als Grabmal
Sprache Was heißt’n das?

Warum heißt der Sarkophag „Fleischfresser“ – und was hat er mit Ägypten zu tun?

Der Sarkophag als kulturhistorisches Phänomen

Der Sarkophag gehört zu den eindrücklichsten Zeugnissen menschlicher Bestattungskultur. Wer das Wort hört, denkt vermutlich zuerst an die goldenen Totenmasken Ägyptens, an die steinernen Prunkgräber römischer Kaiser oder an die kunstvoll gemeisselten Marmorsärge, die in den Museen dieser Welt stehen. Doch was genau ist ein Sarkophag? Im weitesten Sinne handelt es sich um ein Gefäß zur Bestattung der Toten – meist groß, meist kunstvoll verziert, meist aus Stein. Der Begriff hat sich im Laufe der Jahrhunderte erheblich gewandelt: Vom einfachen Steinsarg bis zum vergoldeten Prachtsarg reicht die Spanne dessen, was man als Sarkophag bezeichnet hat.

Warum heißt der Sarkophag „Fleischfresser“ – und was hat er mit Ägypten zu tun?

Was dieses Wort aber wirklich bemerkenswert macht, ist seine Herkunft. Denn der Sarkophag trägt einen Namen, der auf den ersten Blick verstörend klingt: Er bedeutet „Fleischfresser“. Wie kommt es, dass ein Grabmal einen derart makabren Namen trägt? Die Antwort führt uns in die griechische Antike, an die Küste Kleinasiens und zu einem ganz besonderen Kalkstein, der das Fleisch der Toten in ungewöhnlicher Geschwindigkeit zersetzte.

Etymologie: Sarx, Phagein und der fleischfressende Stein

Das Wort Sarkophag stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen: sarx (im Genitiv: sarkos), was „Fleisch“ bedeutet, und phagein, dem griechischen Verb für „essen“ oder „fressen“. Zusammengenommen ergibt sich sarkophágos – wörtlich: „der Fleischfresser“. Im Lateinischen wurde daraus sarcophagus, und von dort gelangte das Wort in nahezu alle europäischen Sprachen.

Die Bezeichnung geht auf eine ganz konkrete Beobachtung zurück. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere berichtet in seiner Naturalis historia, dass in der Gegend von Assos – einer antiken Stadt an der Küste Kleinasiens, im heutigen Türkei gelegen – ein besonderer Kalkstein gebrochen wurde. Dieser Stein, den die Griechen lithos sarkophágos nannten, also „fleischfressender Stein“, hatte eine ungewöhnliche Eigenschaft: Särge, die aus ihm gefertigt wurden, beschleunigten die Zersetzung der Leichname erheblich. Plinius gibt an, dass die Verwesung innerhalb von vierzig Tagen abgeschlossen war – mit Ausnahme der Zähne. Ob diese Zeitangabe buchstäblich zutrifft, sei dahingestellt; doch die alkalische Zusammensetzung des Gesteins, möglicherweise in Verbindung mit eingelagerten Mineralien, dürfte den Zersetzungsprozess tatsächlich begünstigt haben.

Sarkophag – Etymologie auf einen Blick

Griechisch: sarkophágos = „fleischfressend“, zusammengesetzt aus sarx (Fleisch, Genitiv: sarkos) und phagein (fressen, essen).
Lateinisch: sarcophagus.
Ursprung: Kalkstein aus Assos (Kleinasien), der die Verwesung beschleunigte.
Nicht verwechseln: „Fleischfresser“ ist griechisch; das lateinische Wort dafür wäre carnivorus (von caro = Fleisch + vorare = verschlingen).
Verwandte: Sarkasmus (sarkasmós = „Zerfleischung“), Sarkom (Fleischgeschwulst).

An dieser Stelle ist ein häufiger Irrtum auszuräumen. Gelegentlich liest man, „Fleischfresser“ sei ein lateinisches Wort. Das ist falsch. Der Begriff ist durch und durch griechisch. Das lateinische Pendant wäre carnivorus, zusammengesetzt aus caro (Fleisch) und vorare (verschlingen) – ein Wort, das uns in der Biologie als „Karnivore“ begegnet. Man darf die beiden Sprachen hier nicht durcheinanderbringen, auch wenn sarcophagus als lateinisches Lehnwort gebraucht wurde.

Ägypten und der Sarkophag: Gold, Mumien und ein Paradox

Wenn heute vom Sarkophag die Rede ist, denken die meisten Menschen zuerst an Ägypten. Das ist verständlich, denn kein anderes Sarkophag-Exemplar hat die Weltgeschichte so nachhaltig beeindrückt wie der goldene Sarkophag des Pharao Tutanchamun. Als Howard Carter im November 1922 die Grabkammer im Tal der Könige öffnete und den äußeren Schrein erblickte, begann eine der spektakulärsten archäologischen Entdeckungen aller Zeiten. Drei ineinander verschachtelte Särge schützten die Mumie des jungen Pharao. Der innerste bestand aus massivem Gold und wog über 110 Kilogramm – ein Prachtstück, das bis heute im Ägyptischen Museum in Kairo zu bewundern ist.

Doch gerade hier offenbart sich ein faszinierendes Paradox: Das Wort Sarkophag bedeutet „Fleischfresser“ – es geht auf einen Stein zurück, der die Verwesung beschleunigte. Die ägyptischen Särge aber dienten dem genauen Gegenteil: der Mumifizierung, also der möglichst vollständigen Konservierung des Leichnams. Die alten Ägypter entfernten die inneren Organe, trockneten den Körper mit Natron und umwickelten ihn sorgfältig mit Leinenbinden. Alles, was ein echter lithos sarkophágos in Gang setzte – die rasche Zersetzung des Fleisches –, sollte im ägyptischen Grabkult gerade verhindert werden. Dass wir heute dennoch das griechische Wort für den ägyptischen Totensarg verwenden, ist eine jener sprachlichen Inkonsequenzen, die sich im Laufe der Jahrhunderte eingeschlichen haben und nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Hinzu kommt: Der Sarkophag Ägyptens war keineswegs immer aus Stein. Neben den berühmten Granitsarkophagen der Pyramidenzeit gab es Holzsarkophage, die kunstvoll bemalt und mit Hieroglyphen beschrieben waren, sowie jene anthropoiden – also menschenförmigen – Särge aus vergoldetem Holz, die wir von den Pharaonengräbern des Neuen Reiches kennen. Der Gold-Sarkophag Tutanchamuns ist streng genommen ein Goldsarg in anthropoider Form und kein Sarkophag im Wortsinn. Doch die Sprache hat sich längst über solche Unterscheidungen hinweggesetzt.

Von Kreta bis Rom: Der Sarkophag in der Antike

Es wäre ein weit verbreiteter Irrtum anzunehmen, der Sarkophag sei eine rein ägyptische Erfindung. Zwar sind die frühesten bekannten Beispiele tatsächlich ägyptischen Ursprungs – bereits in den Gräbern der Pyramidenzeit des Alten Reiches finden sich Steinsarkophage –, doch die Praxis breitete sich rasch über den gesamten Mittelmeerraum aus. Auf Kreta wurden in der minoischen und mykenischen Epoche sogenannte Larnakes verwendet, rechteckige Tonsärge, die mit farbigen Szenen aus dem Jenseitsglauben bemalt waren. Der berühmte Sarkophag von Hagia Triada aus der spätminoischen Zeit, der um 1400 v. Chr. datiert wird, zeigt rituelle Opferszenen und gilt als eines der bedeutendsten Zeugnisse minoischer Grabkunst.

Im klassischen Griechenland war die Sarkophagbestattung vergleichsweise selten – die Kremation dominierte. Doch in den hellenistischen Königreichen nach Alexander dem Großen erlebte der Steinsarg eine Renaissance. Der sogenannte Alexandersarkophag, der im späten 4. Jahrhundert v. Chr. für einen sidonischen König geschaffen wurde und heute im Archäologischen Museum Istanbul steht, zählt zu den Meisterwerken antiker Bildhauerkunst. Seine Reliefs zeigen Schlachten- und Jagdszenen von atemberaubender Lebendigkeit – obwohl er, entgegen seinem Namen, nicht die sterblichen Überreste Alexanders selbst enthielt.

Die größte Blütezeit erlebte der Sarkophag im Römischen Reich. Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. wurde die Sarkophagbestattung zur bevorzugten Bestattungsform der römischen Oberschicht und löste die bis dahin vorherrschende Kremation allmählich ab. Römische Sarkophage waren oft üppig mit mythologischen Szenen geschmückt: Die Taten des Herakles, der Raub der Persephone, dionysische Festzüge – all dies schmiegte sich in kunstvollen Reliefs um die Steinwände. In den Werkstätten Athens, Roms und Kleinasiens entstanden Tausende solcher Prachtstücke, von denen viele die Jahrhunderte überdauert haben.

Vom Steinsarg zur Tempelfassade: Formen und Entwicklungen

Die Formenvielfalt des Sarkophags ist beeindruckend. Die älteste und einfachste Form ist der schlichte Steinsarg: ein rechteckiger Kasten mit flachem Deckel, wie er seit dem Ägypten des Alten Reiches und in der phönizischen Bestattungskultur bekannt ist. Daneben entwickelten sich früh die anthropoiden Sarkophage – jene menschenförmigen Särge, deren Deckel die Gestalt des Verstorbenen nachbildeten. In Ägypten erreichte diese Form im Neuen Reich ihren Höhepunkt, doch auch die Phönizier schufen eindrucksvolle anthropoide Steinsärge, die griechische Stilelemente mit östlichen Traditionen verbanden.

Eine weitere Entwicklung führte zum architektonischen Sarkophag: In Lykien, der antiken Landschaft an der Südküste der heutigen Türkei, wurden Sarkophage errichtet, die wie Miniaturhäuser oder Tempel gestaltet waren. Die Deckel imitierten Satteldächer, die Wände trugen Säulen und Giebel. Diese Tradition fand ihren Widerhall in den frühchristlichen Sarkophagen Italiens, die häufig eine Säulenarchitektur aufwiesen, unter der biblische Szenen dargestellt wurden.

Mit der Zeit erweiterte sich der Begriff Sarkophag weit über seinen steinernen Ursprung hinaus. Spätestens seit dem Spätmittelalter bezeichnete man auch hölzerne und metallene Prunkgräber als Sarkophage, sofern sie eine gewisse Größe und künstlerische Gestaltung aufwiesen. Der innere goldene Sarkophag Tutanchamuns ist, wie erwähnt, ein Goldsarg aus getriebenem Metall – doch niemand zögert, ihn als Sarkophag zu bezeichnen. Das Wort hat sich von seinem materialgebundenen Ursprung emanzipiert.

Sarx in der Sprache: Sarkasmus, Sarkom und andere Verwandte

Die griechische Wurzel sarx hat nicht nur dem Sarkophag seinen Namen gegeben. Sie lebt in einer ganzen Familie von Wörtern fort, die uns auch heute noch begegnen. Das bekannteste unter ihnen dürfte der Sarkasmus sein. Das griechische sarkasmós leitet sich von sarkázein ab, was so viel bedeutet wie „Fleisch abreissen“, „zerfleischen“ oder „höhnisch die Lippen verziehen“. Wer sarkastisch spricht, „zerfleischt“ seinen Gegenüber gleichsam mit Worten – eine Metapher, die an Drastik nichts zu wünschen übriglässt. Sarkophag und Sarkasmus teilen also dieselbe sprachliche Wurzel: Beide haben mit Fleisch zu tun, und beide tragen einen Beigeschmack des Zerstörerischen.

In der medizinischen Fachsprache hat sarx ebenfalls Spuren hinterlassen. Das Sarkom – ein bösartiger Tumor, der aus dem Binde- oder Stützgewebe entsteht – trägt seinen Namen, weil er bei Betrachtung an rohes Fleisch erinnert. Der Begriff geht auf die griechische Bezeichnung sárkoma zurück, was „fleischige Wucherung“ bedeutet. Auch die Sarkoidose, eine entzündliche Systemerkrankung, enthält dieses Element – die knötchenförmigen Gewebeveränderungen, die sie hervorruft, wurden von den Erstbeschreibern als „fleischähnlich“ empfunden.

Weniger bekannt, aber etymologisch aufschlussreich ist das Wort Sarkoplasma: die Flüssigkeit innerhalb der Muskelfasern, benannt nach sarx und dem griechischen plásma (Gebilde). Selbst in so speziellen Fachbegriffen der Biologie und Medizin reicht die griechische Fleisch-Wurzel bis in unsere Gegenwart. Die Sprache der Wissenschaft hält das antike Erbe lebendig – auch wenn die Forscher, die diese Begriffe täglich benutzen, selten an fleischfressende Steinsärge denken dürften.

Vom Mittelalter bis heute: Nachleben eines Begriffs

Im frühen Mittelalter verlor der Sarkophag zunächst an Bedeutung. Die Bestattungskultur wandelte sich; schlichte Erdgräber und hölzerne Särge wurden zur Norm. Prunkvolle Steinsarkophage blieben Herrschern und hohen Geistlichen vorbehalten – etwa der berühmte Sarkophag Karls des Großen in Aachen, ein antiker römischer Marmorsarg mit einer Darstellung des Raubes der Persephone, der für die Bestattung des Kaisers im Jahr 814 wiederverwendet wurde. Diese Praxis der Wiederbenutzung antiker Sarkophage war im Mittelalter weit verbreitet – ein pragmatischer Umgang mit den Hinterlassenschaften vergangener Epochen.

In der Renaissance und im Barock kehrte der Prunksarkophag zurück. Die Grabmale der Päpste in Rom, die Habsburger-Sarkophage in der Wiener Kapuzinergruft, die Königsgruft im Dom zu Palermo – überall wurden kunstvoll gestaltete Steinsarkophage und Metallsarkophage errichtet, die den Ruhm der Verstorbenen über den Tod hinaus verkünden sollten. Im Klassizismus des 18. und 19. Jahrhunderts orientierte man sich bewusst an antiken Vorbildern: Sarkophage mit griechischen Säulenordnungen und römischen Girlanden schmückten die Friedhöfe und Mausoleen Europas.

Heute begegnet uns das Wort Sarkophag zumeist in archäologischen und kunsthistorischen Zusammenhängen – oder im übertragenen Sinne. Dass man im April 1986 auch die Betonhülle über dem havarierten Reaktor von Tschernobyl als „Sarkophag“ bezeichnete, war eine Metapher von beklemmender Treffsicherheit: eine Ummantelung, die etwas Tödliches einschließt und von der Außenwelt abschirmt – nicht unähnlich dem antiken Steinsarg, der die Toten von den Lebenden trennte.

Übrigens: Eine letzte, kuriose Verbindung zwischen dem fleischfressenden Stein und der Natur verdient Erwähnung. In den antiken Katakomben Roms sollen Ameisen dazu beigetragen haben, die Zersetzung der Leichname in den Kalksteingräbern zu beschleunigen. Der lithos sarkophágos hatte also möglicherweise kleine Helfer – eine Vorstellung, die den ohnehin makabren Beinamen des Sarkophags um eine weitere Nuance bereichert. Wer das nächste Mal vor einem ägyptischen Goldsarg steht und das Wort „Sarkophag“ ausspricht, darf sich ruhig daran erinnern, dass er im Grunde „Fleischfresser“ sagt – und damit einem türkischen Kalkstein huldigt, der mit Ägypten und Gold nicht das Geringste zu tun hat.

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