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Renaissance und Manierismus – Kunst, Perspektive und der neue Mensch in Italien

Kunstepochen

Keine Epoche der europäischen Kunstgeschichte hat das Bild des Menschen so grundlegend verändert wie die Renaissance. Zwischen etwa 1420 und 1600 entstand auf der italienischen Halbinsel eine Kunst, die den Menschen in den Mittelpunkt rückte, die Gesetze der Natur erforschte und erstmals eine Malerei schuf, die den dreidimensionalen Raum auf einer zweidimensionalen Fläche überzeugend darzustellen vermochte. Die Entdeckung der Zentralperspektive, die Hinwendung zur klassischen Antike und ein neues Selbstbewusstsein des Künstlers veränderten die Renaissance Kunst von Grund auf. Von Masaccios bahnbrechenden Fresken über Botticellis mythologische Visionen bis zu Leonardo da Vincis rätselhafter Mona Lisa – die Renaissance Malerei definierte, was europäische Kunst für Jahrhunderte bedeuten sollte. Und als im späten 16. Jahrhundert der Manierismus die klassische Harmonie bewusst zerbrach, begann bereits der Übergang in eine neue Ära. Doch was genau verbirgt sich hinter diesen Begriffen? Welche Merkmale prägen die Epoche, und warum wirken ihre Werke bis heute fort?

Renaissance und Manierismus – Kunst, Perspektive und der neue Mensch in Italien

Auf einen Blick

Frührenaissance: ca. 1420–1500, Florenz
Hochrenaissance: ca. 1500–1530, Rom, Florenz, Mailand
Venezianische Renaissance: ca. 1500–1570, Venedig
Manierismus: ca. 1530–1600, ganz Italien und Europa
Wichtige Künstler: Masaccio, Botticelli, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Raffael, Tizian, El Greco, Tintoretto
Schlüsselwerke: Dreifaltigkeit (Masaccio), Geburt der Venus (Botticelli), Mona Lisa (Leonardo), Erschaffung Adams (Michelangelo), Schule von Athen (Raffael)
Kerngedanke: Wiederentdeckung der Antike, der Mensch als Maß aller Dinge, Verbindung von Wissenschaft und Kunst

Was ist Renaissance in der Kunst?

Das Wort Renaissance stammt aus dem Französischen und bedeutet „Wiedergeburt“. Gemeint ist die Wiedergeburt der Ideale und Formen der griechisch-römischen Antike, die im Mittelalter weitgehend in Vergessenheit geraten waren. Doch die Kunst der Renaissance war weit mehr als eine bloße Nachahmung antiker Vorbilder. Sie verband das Studium der alten Meister mit einem völlig neuen Verständnis von Natur, Mensch und Wissenschaft. Der humanistische Geist, der die Epoche durchdrang, stellte den Menschen – nicht mehr allein Gott – ins Zentrum des Denkens und Darstellens. Das Porträt, das individuelle Bildnis eines konkreten Menschen mit unverwechselbaren Zügen, wurde erstmals zu einer eigenständigen Gattung erhoben.

In der mittelalterlichen Malerei hatte die sogenannte Bedeutungsperspektive geherrscht: Figuren wurden nicht nach ihrer räumlichen Position, sondern nach ihrer religiösen oder sozialen Bedeutung dimensioniert. Christus erschien größer als die Apostel, die Muttergottes überragte die Stifter, unabhängig davon, wo sie sich im Bild befanden. Die Bedeutungsperspektive ordnete die Welt nach geistlichen Hierarchien, nicht nach den Gesetzen des Sehens. Die Renaissance brach radikal mit diesem Prinzip. An die Stelle der symbolischen Größenordnung trat die mathematisch konstruierte Zentralperspektive – eine Darstellungsweise, die den Raum so abbildet, wie das menschliche Auge ihn wahrnimmt: mit einem Fluchtpunkt, auf den alle Linien zulaufen, und einer Verkürzung der Gegenstände in die Tiefe.

Diese Revolution der Darstellung war zugleich eine Revolution des Denkens. Die Wissenschaft wurde zur Grundlage der Kunst: Anatomie, Optik, Geometrie und Mathematik flossen in die Werkstattpraxis ein. Maler waren nicht länger anonyme Handwerker, sondern Gelehrte, Erfinder, Universalgenies. Die Malerei gewann eine gesellschaftliche und kulturelle Anerkennung, die sie im Mittelalter nie besessen hatte. Und mit dieser Aufwertung ging ein neues Lichtverständnis einher: Statt harter Konturen und flacher Goldgründe entwickelten die Renaissancemaler eine sanfte Lichtmodulation – das sfumato –, die den Körpern eine bis dahin ungekannte Plastizität und Lebendigkeit verlieh.

Welche Merkmale prägen die Frührenaissance in Florenz?

Die Renaissance in der bildenden Kunst begann in Florenz – und das war kein Zufall. Die toskanische Handelsmetropole war im 15. Jahrhundert eine der wohlhabendsten und kulturell lebendigsten Städte Europas. Ihr Aufstieg verdankte sich dem Bankwesen, dem Textilhandel und dem Mäzenatentum mächtiger Familien, allen voran der Medici. Cosimo de' Medici, später sein Enkel Lorenzo il Magnifico, förderten Künstler, Architekten und Gelehrte mit einer Großzügigkeit, die Florenz zum intellektuellen Zentrum Europas machte. Die Medici stifteten Bibliotheken, sammelten antike Skulpturen und schufen damit jenes Klima, in dem die Künste gedeihen konnten. Ohne ihre Patronage wäre die Florentiner Renaissance in dieser Form nicht denkbar gewesen.

Bereits eine Generation vor Masaccio hatte Giotto di Bondone (ca. 1267–1337) den Weg gewiesen. Seine Fresken in der Arenakapelle zu Padua – Szenen aus dem Leben Christi und Mariens – zeigten erstmals Figuren mit Volumen, Gewicht und menschlichem Ausdruck. Giotto gab seinen Gestalten individuelle Gesten, ließ sie weinen, staunen, trauern. Er brach mit der starren Formelhaftigkeit der byzantinischen Tradition und schuf eine Malerei, die auf Beobachtung beruhte. Die Kunstgeschichte betrachtet Giotto daher zu Recht als den Vorläufer der Renaissance, als den Künstler, der die Tür aufstieß, durch die ein Jahrhundert später die Florentiner Meister schritten.

Die eigentliche Initialzündung der Renaissance Malerei erfolgte in den 1420er-Jahren. In der Architektur war es Filippo Brunelleschi (1377–1446), der den entscheidenden Durchbruch erzielte. Sein Kuppelbau für den Dom Santa Maria del Fiore in Florenz – eine Ingenieursleistung ohne Vorbilder – wurde zum Symbol einer neuen Zeit. Doch Brunelleschis Bedeutung für die Renaissance Kunst reicht weit über die Architektur hinaus. Um 1415 führte er seine berühmten Perspektivexperimente durch: Er malte den Blick auf das Florentiner Baptisterium auf eine kleine Tafel und zeigte mithilfe eines Spiegels, dass die Darstellung exakt mit dem realen Anblick übereinstimmte. Damit hatte er die geometrischen Grundlagen der Zentralperspektive in der Renaissance experimentell nachgewiesen – ein Meilenstein, der die gesamte abendländische Malerei verändern sollte.

Leon Battista Alberti (1404–1472), Humanist, Architekt und Kunsttheoretiker, gab dieser Entdeckung wenig später das theoretische Fundament. In seiner Schrift De pictura (1435) formulierte er erstmals die mathematischen Regeln der Zentralperspektive und erklärte das Gemälde zu einem „offenen Fenster“, durch das der Betrachter in eine konstruierte Raumtiefe blickt. Albertis Traktat wurde zum Handbuch einer ganzen Generation von Malern. Er forderte, dass die Kunst auf Beobachtung, Mathematik und der Kenntnis der Antike beruhen müsse – eine Forderung, die das Programm der gesamten Kunst der Renaissance zusammenfasst.

Masaccio und der Durchbruch der Perspektive

Masaccio (1401–1428) war der Künstler, der Brunelleschis Entdeckung als Erster konsequent auf die Malerei übertrug. Sein Fresko der Dreifaltigkeit (Trinità) in der Kirche Santa Maria Novella in Florenz, entstanden um 1427, gilt als das erste Gemälde der abendländischen Kunstgeschichte, das die Zentralperspektive in voller Konsequenz anwendet. Masaccios Dreifaltigkeit zeigt Gottvater, der den Gekreuzigten hinter einer mächtigen Tonnenwölbung trägt, flankiert von Maria und Johannes, darunter die knienden Stifterfiguren. Das Erstaunliche an diesem Werk ist die vollkommene Illusion von Raumtiefe: Die gemalte Architektur – Pilaster, Kassetten, Bögen – scheint sich als realer Raum in die Wand hinein zu öffnen. Zeitgenossen sollen vor dem Fresko staunend stehengeblieben sein, weil sie glaubten, ein tatsächliches Gewölbe vor sich zu sehen.

Masaccio starb mit nur 27 Jahren, doch in seinem kurzen Leben schuf er Werke, die den Kurs der Malerei für Generationen bestimmten. Seine Fresken in der Brancacci-Kapelle – insbesondere die Vertreibung aus dem Paradies und der Zinsgroschen – verbinden die neue Raumkonstruktion mit einer menschlichen Ausdruckskraft, die alles Überwand, was die gotische Malerei kannte. Der Schmerz Evas, die Würde des Petrus – Masaccio malte nicht mehr Typen, sondern Individuen. Michelangelo selbst studierte diese Fresken ein halbes Jahrhundert später mit größter Aufmerksamkeit.

Botticelli und das mythologische Bild

Mit Sandro Botticelli (1445–1510) gewann die Florentiner Renaissance Malerei eine neue poetische Dimension. Botticelli stand in engem Kontakt zum neuplatonischen Kreis um Lorenzo de' Medici, und seine berühmtesten Renaissance Bilder spiegeln die philosophischen Ideale dieses Kreises wider: die Sehnsucht nach einer Harmonie von Schönheit, Wahrheit und Göttlichkeit.

Sein Meisterwerk Die Geburt der Venus (La nascita di Venere, um 1485) gehört zu den bekanntesten Gemälden der Welt. Die Göttin der Liebe steht auf einer Muschel, vom Windgott Zephyr an die Küste getrieben, während eine Nymphe ihr einen blütenbestickten Mantel reicht. Das Venus Botticelli Schönheitsideal – die schlanke, langhaarige Gestalt mit dem verträumten Blick und der elfenbeinernen Haut – wurde zu einer Ikone der abendländischen Kultur. Das Bild ist keine realistische Darstellung, sondern eine Allegorie: Die Geburt der Venus steht für die Geburt der Schönheit aus dem Geist – ein zutiefst neuplatonischer Gedanke. Botticelli nahm sich bewusst die Freiheit, die Proportionen zugunsten eines fließenden, linearen Rhythmus zu dehnen, was seinem Stil jene unverwechselbare Anmut verleiht, die später die Präraffaeliten des 19. Jahrhunderts zutiefst beeindrucken sollte.

Die Primavera (um 1482), das Schwesterwerk der Venus, zeigt eine allegorische Szene in einem dämmrigen Orangenhain: Venus im Zentrum, darüber der blinde Amor, links die drei Grazien in ihrem berühmten Tanz, rechts der Windgott Zephyr, der die Nymphe Chloris ergreift, die sich in die blühende Flora verwandelt. Die Deutung des Bildes ist bis heute umstritten – sicher ist nur, dass es zu den rätselhaftesten und schönsten Renaissance Bildern zählt.

Wie revolutionierte die Zentralperspektive die Malerei?

Die Zentralperspektive in der Renaissance war nicht einfach eine technische Neuerung – sie war ein Paradigmenwechsel in der Darstellung von Wirklichkeit. Im Mittelalter gab es kein einheitliches räumliches System. Figuren und Gegenstände schwebten auf Goldgrund, Architekturen waren schematisch angedeutet, die Bedeutungsperspektive ordnete Größenverhältnisse nach symbolischen, nicht nach optischen Kriterien. Die Renaissance ersetzte dieses System durch ein mathematisch konstruiertes Raumgefüge, das auf einem einzigen Augenpunkt basiert.

Das Prinzip ist verblüffend einfach und zugleich revolutionär: Alle Tiefenlinien eines Bildes laufen auf einen gemeinsamen Fluchtpunkt zu, der auf der Horizontlinie liegt. Gegenstände, die weiter entfernt sind, erscheinen kleiner; parallele Linien konvergieren. Dieses System erzeugt eine überzeugende räumliche Illusion, die der Wahrnehmung des menschlichen Auges entspricht. Masaccios Dreifaltigkeit war der erste konsequente Beweis dieser Methode in der Malerei, doch binnen weniger Jahrzehnte wurde die Perspektive zum Standard jeder ambitionierten Komposition.

Die Zentralperspektive hatte weitreichende Folgen, die über das rein Technische hinausgingen. Sie setzte ein rationales, wissenschaftliches Weltbild voraus: Die Welt ist messbar, berechenbar, vom Menschen erfassbar. Der Betrachter steht nicht mehr staunend vor einem sakralen Mysterium – er blickt durch Albertis „offenes Fenster“ in einen Raum, den er mit seinen eigenen Augen ermessen kann. Diese Idee – dass die Welt dem menschlichen Verstand zugänglich ist – prägte nicht nur die Malerei der Renaissance, sondern das gesamte Denken der Neuzeit.

Wer sind die Meister der Hochrenaissance?

Die Hochrenaissance umfasst einen erstaunlich kurzen Zeitraum – etwa drei Jahrzehnte, von 1500 bis 1530 –, doch in dieser Spanne erreichte die Renaissance Malerei ihren Höhepunkt. Was die Frührenaissance vorbereitet hatte, wurde nun zur vollendeten Meisterschaft: die souveräne Beherrschung von Raum, Farbe, Körper, Licht und Bewegung. Der Künstler galt nicht mehr als geschickter Handwerker, sondern als schöpferisches Genie, dessen Erfindungsgabe (inventio) höher geschätzt wurde als die bloße Naturnachahmung. Die Verbindung von Naturgesetzen mit individueller künstlerischer Vision brachte Werke hervor, die als Inbegriff klassischer Schönheit für Jahrhunderte maßgeblich blieben.

Leonardo da Vinci (1452–1519)

Leonardo ist die Verkörperung des Renaissancemenschen – der uomo universale. Er war Maler, Bildhauer, Architekt, Ingenieur, Anatom, Botaniker, Kartograf und Erfinder in einer Person. Seine Notizbücher, die über 7.000 Seiten umfassen, enthalten anatomische Studien von einer Präzision, die erst Jahrhunderte später übertroffen wurde, Entwürfe für Flugmaschinen, Panzer und Wasserbauwerke sowie philosophische Reflexionen über das Wesen der Malerei. Für Leonardo war die Malerei die Königin aller Wissenschaften, weil sie – anders als die Literatur – die Welt in ihrer ganzen Gleichzeitigkeit erfasst.

Die Mona Lisa (La Gioconda, um 1503–1519), heute im Louvre, ist das berühmteste Gemälde der Welt. Es zeigt eine Florentinerin – wahrscheinlich Lisa Gherardini, die Frau des Kaufmanns Francesco del Giocondo – in Halbfigur vor einer rätselhaften Felslandschaft. Das Besondere an der Mona Lisa liegt in Leonardos Sfumato-Technik: Die Übergänge zwischen Licht und Schatten sind so fein abgestuft, dass keine sichtbare Kontur den Umriss des Gesichts definiert. Das Lächeln der Dargestellten scheint sich je nach Blickwinkel zu verändern – ein Effekt, der Betrachter und Wissenschaftler seit über fünf Jahrhunderten fasziniert. Leonardo arbeitete über Jahre an dem Bild und trug die Farbe in Dutzenden dünnster Lasurschichten auf, die zusammen eine Tiefe und Lebendigkeit erzeugen, die kein anderer Maler seiner Zeit erreichte.

Neben der Mona Lisa schuf Leonardo mit dem Letzten Abendmahl (1495–1498) im Refektorium von Santa Maria delle Grazie in Mailand ein weiteres Schlüsselwerk der Hochrenaissance Malerei. Die dramatische Komposition – die zwölf Apostel, aufgewühlt von der Ankündigung des Verrats, in Dreiergruppen angeordnet – verbindet psychologische Tiefe mit einer geometrischen Strenge, die das Bild zugleich als Erzählung und als architektonische Struktur funktionieren lässt.

Michelangelo Buonarroti (1475–1564)

Wenn Leonardo der Gelehrte unter den Künstlern war, so war Michelangelo das Genie der monumentalen Form. Sein Werk umfasst Skulptur, Malerei, Architektur und Dichtung – und in jeder Gattung schuf er Überragendes. Die Erschaffung Adams an der Decke der Sixtinischen Kapelle (1508–1512) ist zum Inbegriff künstlerischer Schöpfungskraft geworden: Adam, in vollkommener anatomischer Schönheit auf einem Hügel ruhend, streckt seine schlaffe Hand dem heranschwebenden Gottvater entgegen. Der schmale Spalt zwischen ihren Fingerspitzen ist zum meistzitierten Motiv der Kunstgeschichte geworden – ein Symbol für den göttlichen Funken, der den Menschen zum Leben erweckt.

Das Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle ist in seiner Gesamtheit ein Werk von atemraubender Dimension. Über 500 Quadratmeter Deckenfläche bemalte Michelangelo über vier Jahre, größtenteils allein, auf dem Rücken liegend auf einem Gerüst. Die Szenen aus der Genesis – von der Trennung von Licht und Finsternis bis zur Trunkenheit Noahs – sind von über 300 Figuren bevölkert, jede einzelne von einer anatomischen Präzision und einer dynamischen Kraft, die alles Übertrifft, was die Malerei bis dahin kannte. Michelangelo, der sich selbst in erster Linie als Bildhauer verstand, übertrug das plastische Denken der Skulptur auf die Fläche – seine gemalten Körper scheinen aus der Decke herauszutreten.

Zwischen Leonardo und Michelangelo bestand eine legendäre Rivalität. Im Jahr 1504 erhielten beide den Auftrag, gegenüberliegende Wände im Saal des Großen Rates im Palazzo Vecchio zu bemalen – Leonardo mit der Schlacht von Anghiari, Michelangelo mit der Schlacht von Cascina. Keines der beiden Wandgemälde wurde vollendet, doch die Kartons wurden zu Pilgerstätten für junge Künstler, darunter Raffael. Dieser Wettstreit zweier Titanen wurde zum Sinnbild der Hochrenaissance: einer Epoche, in der Künstler nicht mehr anonyme Diener der Kirche waren, sondern selbstbewusste Schöpfer, die um Ruhm und Unsterblichkeit wetteiferten.

Raffael Sanzio (1483–1520)

Raffael vollendete, was Leonardo und Michelangelo begonnen hatten. Sein Werk verbindet die zeichnerische Präzision Leonardos mit der monumentalen Formensprache Michelangelos zu einer Synthese von klassischer Harmonie und Anmut, die für Jahrhunderte als unerreichtes Ideal galt. Die Schule von Athen (1509–1511) in den Vatikanischen Stanzen zeigt die großen Denker der Antike – Platon und Aristoteles im Zentrum, umgeben von Sokrates, Euklid, Pythagoras, Diogenes und vielen anderen – unter einer mächtigen Kassettenwölbung, deren Perspektive den Betrachter in die Tiefe des Bildes zieht. Die Komposition ist von maßvoller Ausgewogenheit, die Figuren bewegen sich natürlich im Raum, die Farbgebung ist warm und harmonisch. Raffael verlieh den antiken Philosophen die Gesichter seiner Zeitgenossen: Platon trägt die Züge Leonardos, der grüblerische Heraklit im Vordergrund jene Michelangelos – eine Hommage an seine großen Rivalen.

Raffaels Sixtinische Madonna (1512/13), gemalt für die Kirche San Sisto in Piacenza und heute in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden, gilt als Inbegriff der Hochrenaissance Malerei. Die Madonna schwebt auf Wolken, das Christuskind auf dem Arm, den Blick direkt auf den Betrachter gerichtet. Die Pyramidalkomposition – eine formale Erfindung der Hochrenaissance, bei der die Figuren ein Dreieck bilden – verleiht dem Bild eine ruhige Monumentalität. Die beiden geflügelten Putten am unteren Bildrand, die verträumt nach oben blicken, sind zu einem der meistzitierten Motive der Kunstgeschichte geworden.

Welche Werke schufen die venezianischen Renaissancemaler?

Während in Florenz und Rom die Zeichnung (disegno) als Grundlage aller bildenden Kunst galt, entwickelte sich in Venedig ein grundlegend anderer Ansatz. Die venezianischen Maler stellten die sinnliche Farbwirkung – das colorito – ins Zentrum ihres Schaffens. Diese Unterscheidung zwischen florentinischem disegno und venezianischem colorito wurde zu einer der bedeutendsten kunsttheoretischen Debatten der Renaissance, die Jahrhunderte fortdauerte. Giorgio Vasari, der Florentiner Biograf und Kunsttheoretiker, vertrat die Überlegenheit der Zeichnung; die Venezianer hielten dagegen, dass erst die Farbe dem Bild Leben verleihe.

Giovanni Bellini (um 1430–1516) legte das Fundament für die venezianische Malschule. Er war einer der ersten italienischen Maler, die konsequent in Öl arbeiteten – eine Technik, die aus den Niederlanden stammte und feinste Farbabstufungen und leuchtende Lasuren ermöglichte. Bellinis Porträt des Doge Leonardo Loredan (um 1501) zeigt das Oberhaupt der Republik Venedig in seiner zeremoniellen Amtstracht: Die kostbare Brokatseide schimmert im Licht, das Gesicht ist von einer ruhigen Würde erfüllt, die keine Idealisierung benötigt. Bellini verband die Sachlichkeit des Porträts mit einer Poesie der Farbe, die seine Schüler Giorgione und Tizian zur höchsten Meisterschaft führen sollten.

Tizian (Tiziano Vecellio, um 1488–1576) wurde zum unangefochtenen Fürsten der venezianischen Malerei und zu einem der einflussreichsten Künstler der gesamten Renaissance. Seine Farbbeherrschung war legendär: Warme, glühende Töne, freier Pinselduktus und eine meisterhafte Lichtführung kennzeichnen sein Werk. Die Venus von Urbino (1538) zeigt eine junge Frau, die den Betrachter mit selbstbewusstem Blick anschaut, während sie auf einem Ruhebett in einem venezianischen Interieur liegt. Das Gemälde ist ein Triumph der Sinnlichkeit und der Farbe: Das warme Inkarnat des Körpers, das Rot der Rosen in ihrer Hand, das tiefe Grün des Vorhangs – Tizian orchestrierte die Farben wie ein Musiker die Klänge. Die Venus von Urbino prägte den Typus des liegenden weiblichen Akts für Jahrhunderte – von Velázquez über Goya bis zu Manets Olympia.

Tizians Spätwerk, entstanden in den letzten zwei Jahrzehnten seines langen Lebens, nahm Entwicklungen vorweg, die erst Jahrhunderte später voll zur Entfaltung kamen. Die Pinselstriche werden breiter, die Formen lösen sich auf, die Farbe gewinnt eine fast abstrakte Eigendynamik. Zeitgenossen berichteten, der greise Tizian habe mit den Fingern gemalt – Bilder, die aus der Nähe wie chaotische Farbflecken wirken und erst aus der Distanz ihre volle Wirkung entfalten. Diese späte Malweise beeinflusste Rembrandt, Rubens und letztlich sogar die Impressionisten.

Was ist Manierismus – und warum zerbrach das Ideal?

Um 1530 begann das harmonische Weltbild der Hochrenaissance zu zerbrechen. Die Ursachen waren vielfältig und tiefgreifend. Martin Luthers Reformation hatte die religiöse Einheit Europas gesprengt. Die Entdeckung, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums steht, sondern um die Sonne kreist, erschütterte das kosmologische Selbstverständnis. Die Entdeckungsreisen nach Amerika zeigten, dass die Welt größer und fremder war, als die Antike geahnt hatte. Der Sacco di Roma – die Plünderung Roms durch kaiserliche Truppen im Jahr 1527 – zerstörte den Glauben an die Unantastbarkeit der ewigen Stadt und mit ihr das Vertrauen in eine Ordnung, die die Hochrenaissance als gültig vorausgesetzt hatte.

Der Manierismus – der Name leitet sich vom italienischen maniera (Stil, Manier) ab – war die künstlerische Antwort auf diese Erschütterungen. Die junge Künstlergeneration hatte die Meisterwerke Leonardos, Michelangelos und Raffaels vor Augen – und empfand zugleich, dass deren klassische Harmonie die Wirklichkeit nicht mehr angemessen erfasste. Die Vollkommenheit der Hochrenaissance war erreicht, vielleicht sogar überschritten; sie zu wiederholen schien weder möglich noch erstrebenswert. Stattdessen begannen die Manieristen, die klassischen Elemente bewusst zu zersetzen, zu überdehnen und zu verfremden. Was die Hochrenaissance in Balance gehalten hatte, geriet nun aus dem Gleichgewicht – und genau darin lag die künstlerische Absicht.

Die Manierismus Kunst zeichnet sich durch eine Reihe charakteristischer Merkmale aus. An die Stelle symmetrischer Kompositionen traten bewusst asymmetrische Anordnungen. Der klar definierte Bildraum der Renaissance wich einem unbestimmten, mehrdeutigen Raum, in dem die Figuren zu schweben scheinen. Die Körper wurden überlängt, verdreht, in unnatürliche, gewundene Haltungen gebracht – die figura serpentinata, die schlangenartig gewundene Figur, wurde zum formalen Leitbild. Der individuelle Stil – die maniera – des Künstlers trat in den Vordergrund: Nicht mehr die Nachahmung der Natur, sondern die originelle, unverwechselbare Handschrift galt als höchstes Ziel.

Parmigianino und die Madonna mit dem langen Hals

Parmigianino (Girolamo Francesco Maria Mazzola, 1503–1540) schuf mit der Madonna mit dem langen Hals (Madonna dal collo lungo, 1534–1540) eines der Schlüsselwerke des Manierismus. Die Muttergottes sitzt auf einem Thron, ihr Hals ist übermäßig verlängert, ihre Finger übernatürlich schlank, das Christuskind auf ihrem Schoß verhältnismäßig groß und in einer unnatürlichen Pose ruhend. Links drängen sich Engel in einem viel zu engen Raum, rechts öffnet sich eine weite, leere Perspektive mit einer winzigen Figur. Nichts an diesem Bild ist ausgewogen – und doch besitzt es eine eigentümliche, beunruhigende Schönheit. Parmigianino trieb die Eleganz bewusst ins Übersteigerte, die Anmut ins Manierierte – und schuf damit ein Manifest einer Kunst, die die klassischen Regeln kannte, sie aber bewusst missachtete.

Arcimboldo: Spielerische Verwandlungen

Giuseppe Arcimboldo (um 1527–1593) vertritt eine ganz eigene Spielart der Manierismus Kunst. Als Hofmaler der Habsburger Kaiser in Prag schuf er seine berühmten zusammengesetzten Köpfe: Porträts, die aus Früchten, Gemüse, Blumen, Fischen oder Büchern bestehen. Der Vertumnus (1590), ein Porträt Kaiser Rudolfs II. aus Obst und Gemüse, ist zugleich Huldigung und Scherz. Diese spielerischen, rätselhaften Bilder waren mehr als bloße Kuriositäten: Sie stellten die Frage, was ein Porträt eigentlich ist, und antizipierten damit Fragen, die erst der Surrealismus des 20. Jahrhunderts wieder aufgreifen sollte.

El Greco: Visionäre Glut

El Greco (Doménikos Theotokópoulos, 1541–1614), geboren auf Kreta, ausgebildet in Venedig und Rom, tätig in Toledo, vereinte die byzantinische Tradition mit der venezianischen Farbkunst und der manieristischen Formensprache zu einem einzigartigen, visionären Stil. Seine Figuren sind extrem in die Länge gezogen, ihre Körper scheinen zu flackern wie Flammen, das Licht ist irreal, geisterhaft, von einer geradezu übernatürlichen Intensität. Die Auferstehung Christi (um 1597–1600) zeigt den auferstandenen Christus als eine leuchtende, langgestreckte Gestalt, die sich wie eine Flamme aus dem Grab erhebt, während die Soldaten zu seinen Füßen in gewundenen, expressiven Posen zurücktaumeln. El Grecos Malerei wirkt wie eine Vorwegnahme des Expressionismus – kein Wunder, dass die Expressionisten des frühen 20. Jahrhunderts ihn als Vorfahren feierten.

Tintoretto: Licht und Drama

Tintoretto (Jacopo Robusti, 1518–1594) verband in Venedig die Zeichenkunst Michelangelos mit der Farbe Tizians – so jedenfalls lautete sein berühmtes Programm, das er angeblich an die Wand seiner Werkstatt geschrieben hatte. Tintorettos Das letzte Abendmahl (1592–1594) in San Giorgio Maggiore bricht radikal mit der symmetrischen Komposition, die Leonardo einem halben Jahrhundert zuvor geprägt hatte. Der Tisch steht nicht mehr parallel zur Bildfläche, sondern ist diagonal in die Tiefe geschoben; dienstbare Geister schweben im überirdischen Licht; Bedienstete hantieren im Vordergrund. Die Szene ist von einer dramatischen Unruhe durchzogen, die den Betrachter in den Bildraum hineinzieht. Tintorettos ungewöhnliche Perspektiven und seine überirdischen Lichteffekte machten ihn zum radikalsten Maler des venezianischen Manierismus und zu einem Wegbereiter des Barock.

Warum ist die Renaissance für die Kunstgeschichte so wichtig?

Die Bedeutung der Renaissance Kunst für die gesamte abendländische Kulturgeschichte lässt sich kaum überschätzen. In den anderthalb Jahrhunderten zwischen Masaccios Dreifaltigkeit und Tintorettos späten Werken wurde die Grundlage geschaffen, auf der die europäische Kunst bis ins 20. Jahrhundert ruhte. Die Zentralperspektive, die anatomisch korrekte Darstellung des menschlichen Körpers, die differenzierte Lichtmodulation, die Kompositionsprinzipien der Pyramide und des Kreises – all diese Errungenschaften der Malerei der Renaissance blieben über Jahrhunderte verbindlich.

Doch die Renaissance leistete mehr als technische Innovation. Sie etablierte ein neues Verständnis des Künstlers als schöpferischem Individuum, als Gelehrtem und Visionär. Die Vorstellung, dass ein Gemälde nicht bloß ein dekorativer Gegenstand oder ein religiöses Andachtsbild ist, sondern ein Kunstwerk im emphatischen Sinne – ein Produkt menschlicher Genialität, das Bewunderung und Nachdenken verdient –, geht auf die Renaissance zurück. Ohne diese Epoche wäre das moderne Verständnis von Kunst als autonomer Sphäre des menschlichen Geistes nicht denkbar.

Der Manierismus wiederum bewies, dass Kunst nicht bei der Nachahmung der Natur stehenbleiben muss. Indem die Manieristen die klassischen Regeln bewusst überschritten, den individuellen Stil über die Naturtreue stellten und das Irritierende dem Harmonischen vorzogen, nahmen sie Haltungen vorweg, die erst in der Moderne zur vollen Entfaltung kamen. Der Manierismus war nicht einfach ein Verfallsphänomen, wie es die ältere Kunstgeschichte oft darstellte, sondern eine eigenständige, intellektuell anspruchsvolle Epoche, die den Übergang von der Renaissance zum Barock gestaltete und dabei Fragen aufwarf, die bis heute aktuell sind: Was ist Originalität? Wie verhält sich der Künstler zur Tradition? Und muss Kunst schön sein, um bedeutend zu sein?

Die Renaissance Bilder, die in den Museen von Florenz, Rom, Venedig, Paris und Dresden hängen, sind keine bloßen historischen Dokumente. Sie sind lebendige Zeugnisse eines Menschenbildes, das noch immer das unsere prägt – eines Menschenbildes, das auf Vernunft, Schönheit und die Fähigkeit des Einzelnen vertraut, die Welt zu erkennen und zu gestalten. Wer vor Leonardos Mona Lisa steht, vor Michelangelos Erschaffung Adams oder vor Botticellis Geburt der Venus, begegnet nicht nur der Vergangenheit – er begegnet jenen Idealen, die Europa seit einem halben Jahrtausend begleiten.

Weiterführende Literatur

  • Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien (1860). Das bahnbrechende Standardwerk zur Epoche.
  • Giorgio Vasari: Le vite de' più eccellenti pittori, scultori e architettori (1550/1568). Die erste große Künstlerbiografie der Kunstgeschichte.
  • Leon Battista Alberti: De pictura / Della pittura (1435). Das theoretische Fundament der Renaissancemalerei.
  • Bernd Roeck: Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance. C. H. Beck, München 2017.
  • John Shearman: Mannerism. Penguin Books, London 1967.
  • Martin Kemp: Leonardo da Vinci. Die wunderbaren Werke der Natur und des Menschen. C. H. Beck, München 2019.

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