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Kunst

Rokoko und Klassizismus – Französische Malerei im Wandel

Kunstepochen

Zwischen dem Tod Ludwigs XIV. im Jahr 1715 und dem Ende der Napoleonischen Ära um 1830 durchlief die französische Kunst einen der tiefgreifendsten Wandlungsprozesse der europäischen Kulturgeschichte. In kaum mehr als einem Jahrhundert folgten drei grundverschiedene Stilhaltungen aufeinander: die verspielt-elegante Régence, das sinnlich-dekorative Rokoko und der streng-rationale Klassizismus. Diese Abfolge ist weit mehr als ein bloßer Stilwechsel. Sie spiegelt eine Gesellschaft, die sich von der höfischen Pracht Versailles über die galante Intimsphäre der Pariser Salons bis hin zur revolutionären Öffentlichkeit der Republik bewegte. Die Rokoko Kunst und die Klassizismus Kunst stehen dabei für zwei gegensätzliche Antworten auf die Frage, was Malerei leisten soll: Schmeichelt sie den Sinnen – oder dient sie der Vernunft?

Rokoko und Klassizismus – Französische Malerei im Wandel

Auf einen Blick

Epochen: Régence (1715–1722), Rokoko (1722–1780), Klassizismus (1770–1830)
Zentrum: Frankreich, insbesondere Paris
Wichtige Künstler: Jean Antoine Watteau, François Boucher, Jean-Honoré Fragonard, Jacques-Louis David, Jean-Auguste-Dominique Ingres
Schlüsselwerke: Einschiffung nach Kythera (Watteau), Ruhendes Mädchen (Boucher), Die Schaukel (Fragonard), Der Schwur der Horatier (David), Die Badende von Valpinçon (Ingres)
Kerngedanke: Von der höfischen Sinnlichkeit des Rokoko zur aufklärerischen Strenge des Klassizismus – ein Epochenwandel zwischen Genuss und Pflicht

Was verbindet Régence, Rokoko und Klassizismus?

Auf den ersten Blick scheinen Rokoko und Klassizismus kaum etwas miteinander zu tun zu haben. Die Rokoko Malerei feiert die Leichtigkeit des Augenblicks, das Spiel der Farben und die Freuden des Leibes. Die Klassizismus Malerei hingegen fordert moralische Strenge, klare Linien und die Unterordnung des Einzelnen unter das Allgemeine. Und doch gehören beide Strömungen eng zusammen – sie sind Kehrseiten desselben historischen Prozesses, der Frankreich vom Ancien Régime in die Moderne führte.

Die verbindende Klammer ist die französische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. In ihrem Zentrum steht der Hof, der nach dem Tod des Sonnenkönigs seine Alleinherrschaft über den Geschmack verliert. An seine Stelle tritt ein zunehmend selbstbewusstes Bürgertum, das eigene ästhetische Maßstäbe entwickelt. Die Kunst reagierte auf diesen Wandel mit bemerkenswerter Geschwindigkeit: Kaum war der repräsentative Barockklassizismus der Versailler Ära verblasst, entfaltete sich in den Pariser Stadtpalästen ein völlig neuer Stil – intim, verspielt, sinnlich. Und kaum hatte sich dieses Rokoko etabliert, forderte die Aufklärung bereits seinen Sturz.

Wie veränderte die Régence die französische Kunst?

Am 1. September 1715 starb Ludwig XIV., der Sonnenkönig, nach 72 Jahren auf dem Thron. Sein Urenkel und Nachfolger Ludwig XV. war erst fünf Jahre alt, weshalb Philippe d'Orléans als Regent die Regierungsgeschäfte übernahm. Dieser kurze Zeitraum von 1715 bis 1722, die sogenannte Régence, markiert einen entscheidenden Bruch in der französischen Kulturgeschichte.

Philippe verlegte den Hof von Versailles nach Paris. In Versailles war alles auf den König ausgerichtet gewesen: die Architektur, die Gemälde, die Deckenmalereien. Die repräsentative Malerei des Barockklassizismus – monumentale Historienbilder und Allegorien der königlichen Macht – hatte dort ihren natürlichen Ort gehabt. In den intimeren hôtels particuliers der Pariser Aristokratie waren solche Formate zu groß und zu pathetisch.

Die Régence brachte einen neuen Typ von Auftraggeber hervor: den Stadtaristokraten, der Geschmack zeigen wollte. Gefragt waren kleinformatige, dekorative Bilder für elegante Innenräume – Szenen galanten Vergnügens, mythologische Darstellungen von heiterer Anmut und Landschaften, die zum Träumen einluden. In dieser Atmosphäre entstand das Werk von Jean Antoine Watteau, dem bedeutendsten Maler der Régence.

Jean Antoine Watteau (1684–1721)

Watteau stammte aus dem flämischen Valenciennes und vereinte die Farbkultur der niederländischen Tradition mit der Eleganz des französischen Geschmacks. Seine berühmtesten Werke sind die sogenannten fêtes galantes – Darstellungen höfischer Gesellschaften in idyllischen Parklandschaften, in denen Musik, Flöten und stille Sehnsucht ineinanderfließen. Die Figuren tragen die modische Kleidung der Zeit, musizieren, plaudern, flirten – und wirken doch seltsam entrückt, als befänden sie sich nicht ganz in der wirklichen Welt.

Sein Hauptwerk, die Einschiffung nach Kythera (Pèlerinage à l'île de Cythère, 1717), zeigt eine Gruppe von Paaren, die sich am Ufer eines Sees zur Überfahrt auf die Liebesinsel der Aphrodite versammeln – oder vielleicht bereits von ihr Abschied nehmen. Diese Zweideutigkeit ist typisch für Watteau: Seine Bilder schweben zwischen Freude und Melancholie, zwischen Ankunft und Aufbruch. Die Académie royale schuf eigens für dieses Gemälde die Kategorie der fête galante, da es in keine bestehende Gattung passte.

Neben den höfischen Szenen widmete sich Watteau der italienischen Komödie (Commedia dell'arte). Seine Darstellungen von Pierrot, Harlekin und Colombine zeigen die Figuren des Stegreiftheaters mit einer Mischung aus Witz und stiller Trauer. In Gilles (um 1718/19) steht der weiß gekleidete Pierrot allein vor einer Gruppe lärmender Kameraden – ein Bild von ergreifender Einsamkeit inmitten des Theaters. Watteau starb 1721 an Tuberkulose, erst 36 Jahre alt. Sein früher Tod und sein schmales, aber unvergleichliches Werk machen ihn zu einer der faszinierendsten Gestalten der französischen Malerei.

Welche Merkmale kennzeichnen die Rokoko Malerei?

Mit dem Regierungsantritt Ludwigs XV. im Jahr 1722 begann die eigentliche Blütezeit des Rokoko. Der Begriff leitet sich von dem französischen Wort rocaille ab, das eine muschelförmige Verzierung bezeichnet – ein Hinweis auf das ornamentale Wesen dieses Stils. Das Rokoko entfaltete sich zunächst in der Innenarchitektur und im Kunstgewerbe, erfasste aber rasch auch die Malerei und die Skulptur.

Die Rokoko Malerei lässt sich durch mehrere wesentliche Merkmale beschreiben. Erstens dominiert eine helle, pastellartige Farbpalette: Rosa, Hellblau, Perlweiß, zartes Grün und Gold treten an die Stelle der dunklen, satten Töne des Barock. Die Bilder strahlen Leichtigkeit aus – sie wollen nicht überwältigen, sondern bezaubern.

Zweitens bevorzugt die Rokoko Kunst intime Formate und Themen. An die Stelle des monumentalen Historienbildes treten galante Szenen, mythologische Liebesabenteuer, Schäferszenen (pastorales) und Porträts von überirdischer Anmut. Die Bildthemen kreisen um Liebe, Vergnügen und Sinnlichkeit. Nacktheit wird nicht heroisch, sondern erotisch dargestellt – die Götter und Göttinnen der Mythologie dienen als Vorwand für Bilder von unverhüllter Sinnenlust.

Drittens zeichnet sich das Rokoko durch eine bewusste Abkehr von Strenge und Symmetrie aus. Die Kompositionen sind asymmetrisch, die Formen geschwungen, die Übergänge fließend. Gerade Linien weichen Kurven und Arabesken. Die Malerei verbindet sich mit der dekorativen Ausstattung der Räume: Gemälde werden als dessus-de-porte (Türaufsätze) oder in die getäfelten Wände der Salons eingefügt und sind Teil eines Gesamtkunstwerks aus Architektur, Möbeln, Stoffen und Porzellan.

Viertens ist die Rokoko Kunst in hohem Maße eine Kunst der Oberfläche – und darin liegt zugleich ihre Faszination und ihre Verwundbarkeit. Sie will gefällig sein, nicht belehren. Sie sucht das Flüchtige, nicht das Ewige. Genau dieser Zug machte sie später zum Ziel der Kritik: Die Aufklärer warfen ihr Frivolität vor, und der Klassizismus entstand nicht zuletzt als moralische Gegenreaktion auf die vermeintliche Oberflächlichkeit des Rokoko.

Wer sind die wichtigsten Künstler des Rokoko?

François Boucher (1703–1770)

François Boucher war der Inbegriff des Rokoko-Malers und der Lieblingskünstler der Madame de Pompadour, der einflussreichsten Mätresse Ludwigs XV. Er beherrschte alle Gattungen – Mythologie, Landschaft, Porträt, Genre – und verband sie zu einem unverwechselbaren Stil von üppiger Sinnlichkeit und dekorativer Brillanz.

Bouchers mythologische Szenen sind Meisterwerke der galanten Erotik. Venus, Diana und die Nymphen erscheinen in seinen Gemälden als rosige, weichgezeichnete Idealgestalten vor pastellfarbenen Hintergründen – Göttinnen, die weniger an die Antike erinnern als an die Boudoirs der Pariser Aristokratie. Sein berühmtes Ruhendes Mädchen (L'Odalisque blonde, 1751) zeigt eine junge Frau, die nackt auf einem Diwan liegt und den Betrachter mit einem Blick anschaut, der zugleich unschuldig und herausfordernd ist. Das Bild galt Zeitgenossen als Skandal – und wurde zugleich von Kennern als Meisterwerk der Rokoko Malerei bewundert.

Boucher war außerdem ein herausragender Entwerfer für die Manufakturen von Sèvres und die Gobelin-Werkstätten. Porzellanfiguren, Tapisserie-Kartons und Bühnendekorationen trugen seinen Stil in alle Bereiche der bildenden und angewandten Kunst. Er stieg zum Premier Peintre du Roi auf und prägte den Geschmack einer ganzen Generation.

Jean-Honoré Fragonard (1732–1806)

Jean-Honoré Fragonard war Bouchers begabtester Schüler und zugleich der letzte große Meister der Rokoko Kunst. Seine Malerei zeichnet sich durch eine außergewöhnliche technische Virtuosität aus: Der Pinselstrich ist frei, schnell und von einer Lebendigkeit, die später die Impressionisten beeindrucken sollte.

Sein berühmtestes Werk ist Die Schaukel (Les Hasards heureux de l'escarpolette, 1767). Das Gemälde zeigt eine junge Frau auf einer Schaukel in einem üppig bewachsenen Garten. Ein älterer Herr bedient im Hintergrund die Seile, während ein junger Kavalier im Vordergrund unter der Schaukel liegt und – von den hochfliegenden Röcken begünstigt – den Anblick genießt. Ein Schuh fliegt durch die Luft, Amoretten beobachten die Szene aus dem Gebüsch. Das Bild ist ein Meisterwerk der Zweideutigkeit, in dem die galante Erotik des Rokoko ihren berühmtesten Ausdruck findet.

Neben den galanten Szenen schuf Fragonard eindringliche Porträts, die er in erstaunlicher Geschwindigkeit malte – seine sogenannten figures de fantaisie entstanden angeblich in weniger als einer Stunde. Diese Bildnisse zeigen Herren und Damen in Kostümen des 17. Jahrhunderts, mit breiten, energischen Pinselstrichen ausgeführt, die in ihrer freien Malweise weit über die Konventionen der Zeit hinausweisen. Fragonard erlebte noch die Französische Revolution und den Aufstieg des Klassizismus, konnte sich aber dem neuen Zeitgeist nicht anpassen. Er starb 1806 in Vergessenheit – ein letzter Zeuge der versunkenen Welt des Rokoko.

Weitere Meister des Rokoko

Neben Boucher und Fragonard prägten weitere Künstler das Bild der Epoche. Jean-Baptiste-Siméon Chardin (1699–1779) stand in auffallendem Kontrast zur galanten Hauptströmung: Seine stillen Stillleben und bürgerlichen Genreszenen zeigen den Alltag mit einer Ruhe, die Diderot begeisterte. Élisabeth Vigée Le Brun (1755–1842), Lieblingsmalerin Marie-Antoinettes, verband die elegante Oberfläche des späten Rokoko mit psychologischer Tiefe.

Warum löste der Klassizismus das Rokoko ab?

Der Übergang vom Rokoko zum Klassizismus vollzog sich nicht abrupt, sondern als allmählicher Wandel, der ab etwa 1760 spürbar wurde und um 1780 den künstlerischen Diskurs Frankreichs vollständig beherrschte. Die Gründe für diesen Epochenwechsel waren vielfältig und reichen weit über die Kunst hinaus.

Der wichtigste Impuls kam von der Aufklärung. Philosophen wie Denis Diderot, Jean-Jacques Rousseau und Voltaire forderten eine Gesellschaft, die sich an Vernunft, Tugend und Gemeinwohl orientierte. Diderots Kunstkritiken, die er ab 1759 für die Correspondance littéraire verfasste, griffen die Rokoko Kunst scharf an: Sie sei bloß gefällig, moralisch leer, ein Luxusspielzeug der Reichen. Die Kunst solle stattdessen erziehen, erheben, den Betrachter zu tugendhaftem Handeln bewegen.

Ein zweiter Impuls kam aus der Archäologie. Die Ausgrabungen von Herculaneum (ab 1738) und Pompeji (ab 1748) brachten die römische Antike in einer Unmittelbarkeit ans Licht, die alle bisherigen Vorstellungen übertraf. Der Kunsttheoretiker Johann Joachim Winckelmann formulierte in seiner einflussreichen Schrift Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke (1755) das Ideal einer „edlen Einfalt und stillen Größe“, das er in der griechischen Skulptur verwirklicht sah. Winckelmanns Schriften wirkten wie ein Katalysator: Die Antike wurde zum verbindlichen Vorbild einer neuen, gereinigten Kunst.

Drittens bereitete die Französische Revolution von 1789 den Boden für eine völlige Neubestimmung der Rolle der Kunst in der Gesellschaft. Die Revolution brachte die Politik in die Malerei – und die Malerei in die Politik. Künstler wurden zu öffentlichen Akteuren, Gemälde zu Werkzeugen der Propaganda und der nationalen Selbstvergewisserung. Der französische Klassizismus wurde zum Stil der Revolution und, später, des Napoleonischen Kaiserreichs.

Viertens veränderte sich die Institution der Kunst selbst. Die ersten öffentlichen Museen entstanden – 1793 wurde der Louvre als Musée central des Arts eröffnet. Kunst war nun nicht mehr nur Privatvergnügen der Aristokratie, sondern öffentliches Bildungsgut. Die Salons, in denen die Akademie ihre jährlichen Ausstellungen veranstaltete, wurden zu Massenveranstaltungen mit zehntausenden Besuchern. In dieser neuen Öffentlichkeit hatte die intime Rokoko Malerei keinen Platz mehr.

Was kennzeichnet die Kunst des Klassizismus?

Die Klassizismus Malerei definierte sich in bewusstem Gegensatz zum Rokoko. Wo das Rokoko Kurven bevorzugte, setzte der Klassizismus auf klare, gerade Linien. Wo das Rokoko in Pastellfarben schwelgte, wählte der Klassizismus eine gedämpfte, kühle Palette. Wo das Rokoko das Intime suchte, zielte der Klassizismus auf das Monumentale.

Die wichtigsten Merkmale der Kunst des Klassizismus lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Orientierung an der Antike bildet das Fundament. Griechische und römische Skulpturen, Reliefs und Vasenmalereien dienen als Vorbilder für Komposition, Körperhaltung und Ausdruck. Die menschliche Figur wird idealisiert, nach dem Vorbild antiker Statuen modelliert.

Die Vorherrschaft der Linie über die Farbe ist ein weiteres zentrales Merkmal. Die Zeichnung gilt als intellektuell, die Farbe als sinnlich – und im Klassizismus hat der Intellekt Vorrang. Die Konturen sind präzise, die Formen klar begrenzt, die Oberflächen glatt und fast emailartig vollendet. Wo das Rokoko den sichtbaren Pinselstrich als Mittel der Lebendigkeit einsetzte, strebt die Malerei des Klassizismus nach einer makellos geschlossenen Bildoberfläche.

Die Themen wandeln sich grundlegend. Religiöse Motive, die im Barock noch eine zentrale Rolle gespielt hatten, treten in den Hintergrund. An ihre Stelle rücken Geschichtsdarstellungen (peinture d'histoire), die heroische Szenen aus der griechischen und römischen Antike zeigen: Opfer für das Vaterland, Tugend im Angesicht des Todes, Pflicht gegenüber dem Staat. Daneben gewinnen bürgerliche Szenen an Bedeutung – Darstellungen des alltäglichen Lebens, die von den Idealen der Aufklärung durchdrungen sind.

Schließlich ist der Klassizismus eine zutiefst moralische Kunst. Jedes Gemälde soll eine Botschaft vermitteln, eine Tugend vorführen, ein Vorbild zeigen. Die Malerei wird zur Schule der Nation. Dieser Anspruch unterscheidet den französischen Klassizismus grundsätzlich vom Rokoko, das Kunst als Quelle des Vergnügens verstanden hatte.

Welche Künstler prägten die Malerei des Klassizismus?

Jacques-Louis David (1748–1825)

Jacques-Louis David war der überragende Maler des französischen Klassizismus und eine der politisch einflussreichsten Künstlerfiguren der europäischen Geschichte. Kein anderer Maler hat den Zusammenhang von Kunst und Politik so radikal gelebt wie David: Er war Akademiemaler, Revolutionspolitiker, Propagandist Robespierres und schließlich Hofmaler Napoleons.

Sein Durchbruch gelang 1784 mit dem Schwur der Horatier (Le Serment des Horaces), einem Gemälde, das zum Schlüsselwerk der gesamten Epoche wurde. Das Bild zeigt eine Szene aus der römischen Frühgeschichte: Drei Brüder aus der Familie der Horatier schwören, für Rom gegen die feindlichen Curiatier zu kämpfen – obwohl eine ihrer Schwestern mit einem Curiatier verlobt ist. Die Komposition ist von schlagender Klarheit: Links die drei Männer mit ausgestreckten Armen, in der Mitte der Vater, der die Schwerter hält, rechts die trauernden Frauen. Die Geometrie der Architektur – drei strenge Rundbögen – unterstreicht die unerbittliche Logik der Pflicht. Der Schwur der Horatier wurde unmittelbar nach seiner Fertigstellung als Manifest einer neuen Kunst verstanden: streng, klar, moralisch, republikanisch.

Während der Französischen Revolution malte David einige der ikonischsten Bilder der Epoche, darunter Der Tod des Marat (1793). Das Gemälde zeigt den ermordeten Revolutionspolitiker Jean-Paul Marat in seiner Badewanne – eine säkulare Pietà, die den Revolutionär zum Märtyrer verklärte. Unter Napoleon schuf David monumentale Zeremonialbilder wie die Krönung Napoleons (1805–1807), ein über sechs Meter hohes Gemälde, das den Kaiser bei der Selbstkrönung in Notre-Dame zeigt.

Davids Einfluss auf die Klassizismus Malerei war immens. Er leitete das größte Atelier seiner Zeit, bildete eine ganze Generation von Malern aus und prägte den Geschmack der französischen Öffentlichkeit über Jahrzehnte. Nach dem Sturz Napoleons ging David ins Exil nach Brüssel, wo er 1825 starb.

Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867)

J. A. D. Ingres war Davids bedeutendster Schüler und zugleich derjenige, der den Klassizismus am weitesten in das 19. Jahrhundert hineintrug. Ingres verstand sich zeitlebens als Bewahrer der Tradition – und wurde doch, gerade durch seine Eigenwilligkeit, zu einem der originellsten Maler seiner Zeit.

Sein frühes Meisterwerk Die Badende von Valpinçon (La Baigneuse de Valpinçon, 1808) zeigt eine sitzende Frau von hinten, deren nackter Rücken das gesamte Bild beherrscht. Die Haut ist von porzellanartiger Glätte, die Konturen von höchster Präzision, die Farbgebung auf wenige, gedämpfte Töne beschränkt. Das Bild verweist auf die Antike – und löst sich doch von ihr, indem es den weiblichen Körper mit einer Intensität zeigt, die weit über das akademische Aktstück hinausgeht.

Ingres' späteres Werk, insbesondere das Türkische Bad (Le Bain turc, 1862), offenbart eine Sinnlichkeit, die merkwürdig an das überwundene Rokoko erinnert – ein Zeichen dafür, dass die Grenzen zwischen den Epochen weniger starr waren, als die Theorie behauptete. Ingres war zudem ein genialer Zeichner. Seine Bleistiftporträts gehören zu den vollkommensten Werken der Malerei des 19. Jahrhunderts und beeinflussten später Künstler wie Degas und Picasso.

Weitere Vertreter des Klassizismus

Der Einfluss des Klassizismus reichte weit über Frankreich hinaus. In Deutschland prägte Anton Raphael Mengs (1728–1779), ein enger Vertrauter Winckelmanns, den frühen Klassizismus. Die Schweizerin Angelika Kauffmann (1741–1807) wurde in London und Rom zur gefeierten Historienmalerin. In Frankreich verband Antoine-Jean Gros (1771–1835) unter Napoleon den Klassizismus mit dramatischen Schlachtenbildern, die bereits den Übergang zur Romantik ankündigten.

Welche Bedeutung haben Rokoko und Klassizismus für die Kunstgeschichte?

Die Abfolge von Rokoko und Klassizismus ist mehr als ein Stilwechsel – sie ist ein Paradigmenwechsel. Die Rokoko Kunst hatte die Malerei als Quelle sinnlichen Vergnügens verstanden: Bilder sollten gefallen, entzücken, die Räume des Lebens verschönern. Die Klassizismus Kunst stellte diesem Ideal ein völlig anderes entgegen: Bilder sollten erziehen, erheben, den Betrachter zu einem besseren Menschen machen. In diesem Gegensatz drückt sich eine Grundspannung der europäischen Ästhetik aus, die bis heute fortwirkt: Ist Kunst um ihrer selbst willen da – oder hat sie eine gesellschaftliche Aufgabe?

Beide Epochen haben Meisterwerke hervorgebracht, die zu den Glanzstücken der europäischen Museen gehören. Watteaus melancholische fêtes galantes, Bouchers üppige Mythologien, Fragonards schillernde Liebesszenen stehen neben Davids heroischen Geschichtsbildern und Ingres' kühlen Akten. Zusammen erzählen sie die Geschichte einer Gesellschaft, die sich in wenigen Jahrzehnten grundlegend verwandelte – und die in ihrer Kunst immer nach dem suchte, was sie in der Wirklichkeit nicht finden konnte: im Rokoko die Schönheit des Augenblicks, im Klassizismus die Größe der Idee.

Weiterführende Literatur

  • Michael Levey: Painting and Sculpture in France, 1700–1789. Yale University Press, New Haven 1993.
  • Thomas Crow: Painters and Public Life in Eighteenth-Century Paris. Yale University Press, New Haven 1985.
  • Hugh Honour: Neo-Classicism. Penguin, Harmondsworth 1968.
  • Mary D. Sheriff: Fragonard: Art and Eroticism. University of Chicago Press, Chicago 1990.
  • Simon Lee: David. Phaidon, London 1999.
  • Werner Hofmann: Das irdische Paradies. Motive und Ideen des 19. Jahrhunderts. Prestel, München 1991.

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