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Kunst

Vierzehn Tage, die die Malerei veränderten – Tunisreise 1914

Im April 1914 brachen drei Maler zu einer Reise auf, die in der Kunstgeschichte ihresgleichen sucht. August Macke, Paul Klee und Louis Moilliet reisten gemeinsam nach Tunesien – für knapp zwei Wochen nur, doch was sie dort schufen, gilt bis heute als Höhepunkt der europäischen Aquarellmalerei. Die Tunisreise ist eine jener seltenen Episoden, in denen sich Licht, Farbe und künstlerische Reife in einem einzigen Augenblick verdichten. Was in Tunis, Sidi Bou Saïd, Hammamet und Kairouan entstand, hat die Geschichte der modernen Kunst nachhaltig geprägt – und steht zugleich im Schatten einer Katastrophe, die nur wenige Monate später über Europa hereinbrach.

Eckdaten der Tunisreise

  • Zeitraum: 6.–19. April 1914
  • Teilnehmer: August Macke (1887–1914), Paul Klee (1879–1940), Louis Moilliet (1880–1962)
  • Reiseziele: Tunis, St Germain, Sidi Bou Saïd, Karthago, Hammamet, Kairouan
  • Gastgeber: Dr. Ernst Jäggi in St Germain bei Tunis
  • Werke (Macke): 37 Aquarelle, Dutzende Zeichnungen
  • Berühmtes Zitat (Klee): „Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“

Vorgeschichte: Delaunay und die Befreiung der Farbe

Um die Bedeutung der Tunisreise zu verstehen, muss man einige Jahre zurückblicken. In Paris hatte der französische Maler Robert Delaunay ab 1910 eine Kunstauffassung entwickelt, die unter dem Namen Orphismus oder Simultanismus bekannt wurde. Delaunays Idee war radikal: Farbe sollte nicht mehr dazu dienen, Gegenstände abzubilden. Farbe selbst sollte Form und Inhalt zugleich sein. In seinen Gemälden – den berühmten Fenêtres-Serien und den kreisförmigen Formes circulaires – löste er den Gegenstand in reine Farbkontraste auf, die nach dem Prinzip des Simultankontrastes miteinander wechselwirkten. Guillaume Apollinaire prägte den Begriff Orphismus in Anlehnung an den mythischen Sänger Orpheus: Die Malerei sollte so abstrakt und unmittelbar wirken wie Musik.

Vierzehn Tage, die die Malerei veränderten – Tunisreise 1914

Paul Klee besuchte Delaunay im April 1912 in seinem Pariser Atelier und war zutiefst beeindruckt. Er übersetzte Delaunays theoretischen Aufsatz Über das Licht ins Deutsche und veröffentlichte ihn in Herwarth Waldens Zeitschrift Der Sturm, dem wichtigsten Organ der künstlerischen Avantgarde im deutschsprachigen Raum. Für Klee, der bis dahin vor allem als feinsinniger Zeichner und Graphiker hervorgetreten war, öffnete Delaunays Farbtheorie eine Tür, die er noch nicht zu durchschreiten wagte. Die Farbe blieb für ihn ein ungelöstes Problem.

Auch August Macke freundete sich mit Delaunay an. Macke, der bereits als führendes Mitglied des Blauen Reiter in München tätig war, erkannte sofort die Möglichkeiten, die im Simultanismus lagen. Er zog den Schweizer Maler Louis Moilliet in seine Begeisterung hinein. Moilliet, ein stillerer Charakter als Macke und Klee, brachte eine solide Ausbildung in Bern und Stuttgart mit. Er hatte bei dem Symbolisten Cuno Amiet studiert und kannte die Glasmalerei – ein Medium, in dem die Leuchtkraft der Farbe seit Jahrhunderten eine zentrale Rolle spielte. Im Dezember 1913 trafen sich die drei am Thunersee in der Schweiz und fassten den Entschluss, gemeinsam nach Tunesien aufzubrechen.

Europäische Künstler in Nordafrika – eine Tradition

Macke, Klee und Moilliet standen mit ihrer Nordafrika-Reise keineswegs allein. Seit dem frühen 19. Jahrhundert hatte der sogenannte Orientalismus europäische Künstler an die Küsten des Mittelmeers und darüber hinaus geführt. Eugène Delacroix reiste 1832 nach Marokko und Algerien. Die Erfahrung veränderte seine Palette grundlegend: Die subtilen Farbkontraste des nordafrikanischen Lichts, die Intensität der Schatten, die leuchtenden Gewänder der Einheimischen fanden Eingang in Meisterwerke wie Die Frauen von Algier. Delacroix notierte in seinem Reisetagebuch, er habe in Nordafrika das lebendige Griechenland gefunden, das die Klassizisten in ihren Ateliers vergeblich suchten.

Henri Matisse folgte 1906 nach Algerien und 1912/13 nach Marokko. Auch ihn interessierte vor allem das Licht – jenes flache, gleissende Mittelmeerlicht, das die Konturen der Dinge auflöst und die Farben zum Glühen bringt. Matisse' Marokko-Bilder, die zu seinen schönsten Arbeiten zählen, zeigen bereits jene Vereinfachung der Form und Steigerung der Farbe, die wenig später auch die drei Maler der Tunisreise anstrebten. Die Reise nach Nordafrika war also ein erprobtes Mittel der künstlerischen Selbstfindung. Doch was Macke, Klee und Moilliet daraus machten, ging weit über das Vorbild hinaus.

Aufbruch nach Tunesien

Dass die Wahl auf Tunesien fiel, war einem glücklichen Umstand zu verdanken. Louis Moilliet, der Schweizer in der Gruppe, kannte den Berner Arzt Dr. Ernst Jäggi, der sich in St Germain niedergelassen hatte, einem Vorort von Tunis. Jäggi bot den drei Malern Unterkunft und Gastfreundschaft an. Am 5. April 1914 bestiegen Macke, Klee und Moilliet in Bern den Zug nach Marseille. Von dort ging es per Schiff über das Mittelmeer. Am 7. April erreichten sie den Hafen von Tunis.

Die drei Künstler hätten unterschiedlicher kaum sein können. August Macke, siebenundzwanzig Jahre alt, war ein Mann von enormer Vitalität und Produktivität – ein instinktiver Maler, der die Theorie brauchte, sie aber stets in unmittelbares Schauen übersetzte. Paul Klee, fünfunddreißig, war der Grübler, der Intellektuelle, der sich der Farbe erst langsam und zögernd genähert hatte und noch immer um seine künstlerische Identität rang. Moilliet, vierundreißig, war der Ruhigste der drei, ein solider Handwerker mit einem besonderen Gespür für die Transparenz des Aquarells. Diese drei Temperamente – das Stürmische, das Reflektierende und das Behutsame – ergänzten einander auf ideale Weise.

Ankunft in Tunis und erste Tage

Die Ankunft in Tunis war ein Schock der Sinne. Paul Klee, der seine Eindrücke in einem ausführlichen Tagebuch festhielt, beschrieb die überwältigende Wirkung des afrikanischen Lichts:

„Die Sonne von einer finsteren Kraft. Die farbige Klarheit am Lande verheißungsvoll. Klee ist voll Zuversicht, Macke spürt das auch.“

Paul Klee, Tagebücher, 7. April 1914

Die ersten Tage verbrachten die drei in Tunis und seiner Umgebung, bei Dr. Jäggi in St Germain. Sie erkundeten die Altstadt mit ihren engen Gassen, den Basaren, den weißgetünchten Fassaden und den buntglasierten Fliesen. Am 9. April unternahmen sie einen Ausflug nach Sidi Bou Saïd, dem malerischen Dorf auf der Klippe über dem Golf von Tunis, dessen weiß-blaue Architektur bis heute Künstler und Fotografen anzieht. Am 10. April besuchten sie die Ruinen von Karthago.

Von Anfang an arbeiteten die drei Maler mit fieberhafter Energie. Macke war der Schnellste. Während Klee noch beobachtete, notierte und abwägte, setzte Macke bereits den Pinsel an. In seinen Aquarellen der ersten Tage – Hafenszenen, Marktbilder, Blicke über flache Dächer – zeigt sich sofort jene Klarheit und Leuchtkraft, die seine tunesischen Arbeiten auszeichnet. Macke übertrug Delaunays Simultankontraste in ein System kleiner, mosaikartiger Farbflächen: Rechtecke und Quadrate, in denen sich das Licht wie in einem Prisma bricht. Die Gegenstände – Minarette, Palmen, Esel, verschleierte Frauen – scheinen durch die Farbflächen hindurch, ohne sich ganz aufzulösen. Es ist eine Kunst an der Schwelle zur Abstraktion, die den Gegenstand bewahrt, aber in Farbe auflöst.

Hammamet und der Rausch der Farben

Am 12. April fuhren Macke, Klee und Moilliet nach Hammamet, einer kleinen Küstenstadt südlich von Tunis. Hier, vor den Mauern der Medina und in den Gärten, die das Meer überblickten, erreichte die Tunisreise ihren ersten Höhepunkt. Klee beschrieb den Eindruck als „schwindelerregend“. Die Vegetation – Kakteen, Agaven, Orangenbäume – das türkisfarbene Meer, die ockerfarbenen Stadtmauern, der stahlblaue Himmel: Alles schien in eine einzige, überwältigende Farbharmonie zu verschmelzen.

Hier wurde auch die Technik geboren, die das Vermächtnis der Tunisreise prägen sollte. Die drei Maler entwickelten eine Aquarelltechnik, bei der die nassen Farben auf dem feuchten Papier ineinanderliefen und so jene leuchtende Transparenz erzeugten, die mit keinem anderen Medium erreichbar ist. Macke arbeitete dabei lasierend – er legte dünne Farbschichten übereinander, sodass das Weiß des Papiers durch die Farbe hindurchstrahlte und ihnen eine innere Leuchtkraft verlieh. Das Ergebnis war eine Malerei von einer Klarheit und Luminosität, die in Mackes Werk – und in der gesamten europäischen Aquarellmalerei – unerreicht geblieben ist.

Kairouan – Klees Epiphanie

Am 15. April erreichten die drei Künstler Kairouan, die heilige Stadt im Landesinneren. Kairouan war ein Wendepunkt – vor allem für Paul Klee. Die alte Moscheestadt, umgeben von der Wüste, schien aus einer anderen Zeit zu stammen. Die Minarette, die flachen Dächer, die ockerfarbenen Mauern unter dem gleissenden Himmel: All das verschmolz zu einem Bild, das Klee tief erschütterte. Vor den Toren der Stadt, angesichts der endlosen Weite, schrieb er den berühmtesten Satz seiner Tagebücher:

„Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“

Paul Klee, Tagebücher, 16. April 1914

Es ist ein Satz von einfacher Größe. Klee, der jahrelang gezweifelt hatte, ob er ein Zeichner oder ein Maler sei, fand in Kairouan zu seiner Berufung. Die Farbe, die ihm so lange widerstrebt hatte, wurde in der Begegnung mit dem nordafrikanischen Licht zur natürlichen Sprache. Von diesem Augenblick an war Klees künstlerischer Weg vorgezeichnet – von den transparenten Aquarellen der Tunesien-Zeit über die magischen Quadrate der zwanziger Jahre bis hin zu den rätselhaften Spätwerken, die er als Professor am Bauhaus in Weimar und Dessau und später im Berner Exil schuf. Ohne die Tunisreise wäre Klees Entwicklung, so darf man vermuten, anders verlaufen.

Klee reiste am 17. April ab, zwei Tage vor Macke und Moilliet. Er habe, so notierte er, die Eindrücke verarbeiten müssen, bevor sie ihn überwältigten. Es war ein Akt der Selbstdisziplin, typisch für den reflektierten Künstler, der die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit kannte.

Mackes Schaffensrausch

August Macke kannte solche Grenzen nicht. Während Klee sich zurückzog, arbeitete Macke in einem regelrechten Schaffensrausch weiter. In den knapp zwei Wochen der Tunisreise schuf er 37 Aquarelle und Dutzende von Zeichnungen – an einem einzigen Tag sollen es bis zu fünfzig Skizzen gewesen sein. Kunsthistoriker haben diesen Furor mit Vincent van Goghs letzten Monaten in Arles verglichen, als der Niederländer in einem ähnlichen Rausch Bild um Bild schuf, als spüre er, dass ihm die Zeit davonlief.

Mackes tunesische Aquarelle zählen zu den schönsten Werken der klassischen Moderne. Blick in eine Gasse in Tunis, Türkisches Café, Markt in Tunis, Kairouan III – diese Blätter zeigen eine Meisterschaft, die weit über das hinausgeht, was Macke zuvor geleistet hatte. Das System kleiner Farbflächen, das er aus Delaunays Orphismus entwickelt hatte, erreichte in Tunesien eine Perfektion, die verblüfft. Jedes Rechteck vibriert, jeder Farbton antwortet auf den benachbarten, das Licht scheint von innen zu kommen. Die Gegenständlichkeit bleibt gewahrt – man erkennt Minarette, Arkaden, Menschen –, aber sie wird aufgelöst in ein Geflecht aus reiner Farbe, das den Betrachter in ein fast musikalisches Erlebnis hineinzieht.

Am 19. April kehrten Macke und Moilliet in die Schweiz zurück. Die Reise war vorüber. Was blieb, war ein Konvolut von Aquarellen, Zeichnungen und Skizzen, das die Kunstgeschichte als einen der Höhepunkte der Gattung betrachtet.

Nachwirkung und Vermächtnis

Nur vier Monate nach der Tunisreise brach der Erste Weltkrieg aus. Im August 1914 wurde August Macke eingezogen. Am 26. September 1914 fiel er in der Champagne, bei Perthes-lès-Hurlus. Er war siebenundzwanzig Jahre alt. Zwischen der Tunisreise und seinem Tod lagen kaum sechs Monate.

Der frühe Tod gibt Mackes tunesischen Aquarellen eine Aura des Endgültigen. Es sind die letzten reifen Werke eines Künstlers, dessen Potential sich gerade erst zu entfalten begann. Was Macke noch hätte schaffen können, lässt sich nur erahnen. Seine Freunde – Franz Marc, der ebenfalls 1916 im Krieg fiel, und Klee, der überlebte – sprachen von einem unersetzlichen Verlust. Marc schrieb nach Mackes Tod: „Von uns allen hat er der Farbe die hellste und reinste Stimme gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war.“

Paul Klee trug die Erfahrung der Tunisreise durch sein gesamtes weiteres Leben. An der Bauhaus-Hochschule in Weimar und später in Dessau lehrte er in den 1920er Jahren Farbtheorie und entwickelte jene einzigartige Bildwelt aus Zeichen, Farben und Räumen, die ihn zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts machte. In seinen Vorlesungen am Bauhaus kehrte er immer wieder zu den Grundlagen zurück, die er in Tunesien gewonnen hatte: die Autonomie der Farbe, das Verhältnis von Licht und Fläche, die Durchdringung von Gegenstand und Abstraktion. 1933 emigrierte Klee vor den Nationalsozialisten nach Bern, wo er 1940 starb.

Louis Moilliet, der Dritte im Bunde, ist heute der am wenigsten bekannte der drei Reisegefährten. Zu Unrecht, denn seine tunesischen Aquarelle stehen denen von Macke und Klee in der Qualität nicht nach. Moilliet wandte sich in der Folgezeit verstärkt der Glasmalerei zu und schuf bedeutende Kirchenfenster in der Schweiz. Er reiste später erneut nach Nordafrika und nach Südostasien und malte bis ins hohe Alter. Doch die wenigen Tage in Tunesien blieben der Höhepunkt seines Schaffens – ein Höhepunkt, der im Schatten seiner beiden berühmteren Reisegefährten steht.

In der kunsthistorischen Bewertung nimmt die Tunisreise von 1914 einen festen Platz ein. Sie gilt als jener Moment, in dem die Farbtheorien des Orphismus und Simultanismus auf ein Licht trafen, das sie zum Leuchten brachte. Sie steht für die letzte große schöpferische Geste vor dem Zusammenbruch der alten europäischen Ordnung. Und sie erinnert daran, dass Kunst manchmal nur wenige Tage braucht, um Geschichte zu schreiben – vierzehn Tage, drei Maler und das Licht über Kairouan.

Weiterführende Literatur

  • Ernst-Gerhard Güse (Hrsg.): Die Tunisreise. Klee, Macke, Moilliet. Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 1982.
  • Michael Baumgartner, Roger Diederen (Hrsg.): Klee & Macke – Die Tunisreise 1914. Ausstellungskatalog, Zentrum Paul Klee, Bern 2014.
  • Paul Klee: Tagebücher 1898–1918. Hrsg. von der Paul-Klee-Stiftung, DuMont Verlag, Köln 1957.
  • Ursula Heiderich: August Macke – Aquarelle. Werkverzeichnis. Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 1997.
  • Walter Feilchenfeldt: Louis Moilliet – Das Gesamtwerk. Benteli Verlag, Bern 1957.

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