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Konstruktivismus und Dadaismus – Ordnung und Chaos in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts

Kunstepochen

Kaum eine Phase der europäischen Kunstgeschichte brachte zwei so gegensätzliche Bewegungen gleichzeitig hervor wie die Jahre zwischen 1913 und 1930. Der Konstruktivismus strebte nach geometrischer Klarheit, universeller Harmonie und der Verschmelzung von Kunst und Leben. Der Dadaismus hingegen feierte das Absurde, das Zufällige und die lustvoll-anarchische Zerstörung aller künstlerischen Konventionen. Beide Strömungen entstanden vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs – und doch könnten ihre Antworten auf die Katastrophe unterschiedlicher kaum sein. Ordnung gegen Chaos, System gegen Zufall, rationale Konstruktion gegen irrationale Provokation: Konstruktivismus und Dadaismus bilden zusammen ein faszinierendes Spannungsfeld, das die Kunst des 20. Jahrhunderts grundlegend geprägt hat.

Konstruktivismus und Dadaismus – Ordnung und Chaos in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts

Überblick

Konstruktivismus: ca. 1913–1930, Russland, Niederlande, Deutschland
Dadaismus: 1916–1925, Zürich, Berlin, Köln, New York, Paris
Verwandte Begriffe: Suprematismus, Funktionalismus, De Stijl, Bauhaus, Anti-Kunst
Schlüsselfiguren: Kasimir Malewitsch, Piet Mondrian, El Lissitzky, Hugo Ball, Tristan Tzara, Marcel Duchamp, Kurt Schwitters

Was ist Konstruktivismus in der Kunst?

Der Konstruktivismus ist eine künstlerische Strömung, die sich ab etwa 1913 in Russland entwickelte und sich rasch über die Niederlande und Deutschland in ganz Europa ausbreitete. Im Kern steht die Überzeugung, dass Kunst nicht die sichtbare Welt nachahmen, sondern eine eigene, von geometrischen Gesetzen bestimmte Realität erschaffen soll. Die Künstler des Konstruktivismus verstanden ihre Arbeit als Beitrag zu einer harmonischen, rational geordneten Gesellschaft. Konstruktivismus Kunst wollte nicht im Museum verharren – sie sollte in den Alltag eingreifen, Architektur, Design und Typografie durchdringen und das Leben der Menschen unmittelbar verbessern.

Die Wurzeln des Konstruktivismus liegen in der fortschreitenden Abstraktion, die Expressionismus und Kubismus eingeleitet hatten. Während die Expressionisten subjektive Empfindungen in verzerrten Formen ausdrückten und die Kubisten die Gegenstände in geometrische Facetten zerlegten, gingen die Konstruktivisten einen entscheidenden Schritt weiter: Sie verzichteten gänzlich auf jede Darstellung der sichtbaren Welt. An die Stelle von Gegenständen, Landschaften und menschlichen Figuren traten reine geometrische Formen – Quadrate, Kreise, Dreiecke, gerade Linien –, die allein nach ästhetischen Gesetzmäßigkeiten auf der Bildfläche angeordnet wurden. Neue Kunst sollte nicht mehr mit der Natur verglichen werden, sondern ausschließlich durch ihre eigene innere Logik überzeugen.

In der bildenden Kunst manifestierte sich diese Haltung als Konstruktivismus im engeren Sinne. In der angewandten Kunst – in Architektur und Design – sprach man häufig von Funktionalismus: Auch hier galt der Grundsatz, dass die Form der Funktion zu folgen habe und jede überflüssige Verzierung zu vermeiden sei. Konstruktivismus und Funktionalismus sind daher zwei Seiten derselben Medaille – das eine die Theorie der reinen Kunst, das andere ihre Anwendung auf die Gestaltung der Lebenswelt.

Welche Merkmale hat der Konstruktivismus?

Die Konstruktivismus Kunst zeichnet sich durch eine Reihe klar benennbarer Merkmale aus, die sie von allen vorangegangenen Strömungen unterscheiden. An erster Stelle steht die konsequente Abstraktion. Es gibt keine Landschaften, keine Porträts, keine Stilleben – nur geometrische Grundformen in präzisen Anordnungen. Die Farben sind häufig auf die Primärfarben Rot, Gelb und Blau sowie die Nichtfarben Schwarz und Weiß reduziert. Diese Beschränkung soll jede subjektive Willkür ausschalten und zu universellen, für alle Menschen verständlichen Bildlösungen führen.

Ein weiteres Merkmal ist die Betonung von Ordnung und Harmonie. Die Werke des Konstruktivismus streben nicht nach emotionalem Ausdruck, sondern nach einer visuellen Balance, die den Betrachter beruhigen und zum Nachdenken anregen soll. Hinter diesem Ansatz steht die utopische Idee, dass harmonische Kunst die Menschen zu einem harmonischen Zusammenleben führen könne – eine Vorstellung, die in den politisch aufgeladenen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg besondere Dringlichkeit besaß.

Darüber hinaus kennzeichnet den Konstruktivismus sein bewusstes Überschreiten der Gattungsgrenzen. Die Künstler verstanden sich nicht als isolierte Maler oder Bildhauer, sondern als Gestalter der gesamten Lebenswelt. Konstruktivismus Architektur, Produktdesign, Grafik, Typografie, Bühnengestaltung und sogar Mode – all diese Bereiche sollten nach denselben rationalen Prinzipien durchdrungen werden. Diese Haltung fand ihren reinsten Ausdruck im Bauhaus und in der niederländischen De-Stijl-Bewegung.

Wer sind die wichtigsten Vertreter des Konstruktivismus?

Kasimir Malewitsch (1879–1935) gilt als einer der radikalsten Erneuerer der Kunst im 20. Jahrhundert. Der russische Künstler wollte nicht bloß von Gegenständen abstrahieren – er wollte sie vollständig aus der Kunst tilgen. 1914/15 entstand sein berühmtestes Werk: das Schwarze Quadrat auf weißem Grund, ein schlichtes schwarzes Quadrat auf einer weißen Leinwand. Für Konstruktivismus Kunst Kasimir Malewitsch war dieses Bild kein Endpunkt, sondern ein Neuanfang – der „Nullpunkt der Malerei“, wie er es nannte. Malewitsch bezeichnete seine Kunst als Suprematismus: die Herrschaft der reinen Empfindung in der bildenden Kunst. In seinen suprematistischen Kompositionen schweben geometrische Formen – Quadrate, Kreise, Kreuze – in dynamischen Anordnungen auf weißem Grund und erzeugen den Eindruck von Schwerelosigkeit und unendlichem Raum. Der Suprematismus war die radikalste Spielart des Konstruktivismus und beeinflusste Künstler in ganz Europa.

Piet Mondrian (1872–1944) entwickelte in den Niederlanden eine ebenso konsequente, doch stilistisch andere Variante konstruktivistischer Kunst. Gemeinsam mit Theo van Doesburg gründete er 1917 die Zeitschrift De Stijl, die zum Sprachrohr einer neuen ästhetischen Bewegung wurde. Konstruktivismus Piet Mondrian manifestierte sich in seinen berühmten Kompositionen aus Rechtecken, geraden schwarzen Linien und den Primärfarben Rot, Gelb und Blau. Mondrian verbannte jede Individualität, jede Spur des Persönlichen aus seinen Bildern. Er strebte nach einer universellen Bildsprache, die über das Subjektive hinauswies und die Grundgesetze visueller Harmonie offenlegte. Sein Spätwerk, darunter das faszinierende Broadway Boogie-Woogie (1942/43), zeigt jedoch, dass selbst das strengste System Raum für Rhythmus, Dynamik und Lebensfreude bieten kann: Die pulsierenden Farbquadrate dieses Gemäldes spiegeln den Takt des New Yorker Straßennetzes und der Jazz-Musik wider.

El Lissitzky (1890–1941) war einer der vielseitigsten Köpfe des russischen Konstruktivismus. Als Maler, Architekt, Typograf und Fotograf vermittelte er zwischen den verschiedenen Zentren der Avantgarde und trug entscheidend zur internationalen Verbreitung konstruktivistischer Ideen bei. Seine Proun-Kompositionen – das Kürzel steht für „Projekt zur Bestätigung des Neuen“ – sind geometrische Bildarchitekturen, die den Betrachter auffordern, das Bild nicht als flache Leinwand, sondern als dreidimensionalen Raum zu begreifen. El Lissitzky war ein entscheidendes Bindeglied zwischen der russischen Avantgarde und dem deutschen Bauhaus, lehrte zeitweise in Deutschland und beeinflusste eine ganze Generation von Gestaltern.

Theo van Doesburg (1883–1931) war die treibende organisatorische Kraft hinter der De-Stijl-Bewegung. Als Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift vernetzte er Künstler, Architekten und Designer in ganz Europa. Im Gegensatz zu Mondrian, der ausschließlich rechte Winkel und horizontale sowie vertikale Linien zuließ, führte van Doesburg später auch diagonale Elemente in seine Kompositionen ein – was 1925 zum Bruch zwischen den beiden Künstlern führte. Van Doesburgs sogenannter Elementarismus betonte die Dynamik der Diagonale und erweiterte damit das strenge System des Konstruktivismus um eine spielerischere Dimension.

Bauhaus – Konstruktivismus und Architektur

Das Bauhaus, 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, war die wohl einflussreichste Institution der konstruktivistischen Bewegung. Sein Grundgedanke – die Einheit von Kunst und Handwerk – führte die Ideale des Konstruktivismus in die Praxis über. Am Bauhaus lehrten einige der bedeutendsten Künstler der Epoche: Paul Klee, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Josef Albers, László Moholy-Nagy, Wassily Kandinsky und zeitweise auch El Lissitzky. Sie alle trugen dazu bei, eine neue Gestaltungslehre zu entwickeln, die Malerei, Bildhauerei, Architektur, Fotografie und industrielles Design auf gemeinsame Grundlagen stellte.

Konstruktivismus Architektur fand am Bauhaus ihren reinsten Ausdruck. Walter Gropius entwarf Gebäude, deren klare Formen, flache Dächer und große Glasflächen den Geist des Funktionalismus verkörperten. Als das Bauhaus 1925 aus politischen Gründen von Weimar nach Dessau umziehen musste, entwarf Gropius den legendären Neubau – ein Meisterwerk konstruktivistischer Architektur, das bis heute als Ikone moderner Gestaltung gilt. Die asymmetrische Anlage aus Glas, Stahl und Beton, die Werkstätten, Ateliers und Wohnräume organisch miteinander verband, war gebauter Konstruktivismus.

Unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe, der das Bauhaus 1930 übernahm, zog die Schule 1932 nach Berlin, wo sie unter dem Druck der Nationalsozialisten 1933 endgültig geschlossen wurde. Doch die Ideen des Bauhauses überlebten die Schließung: Zahlreiche Lehrer emigrierten in die Vereinigten Staaten und trugen dort die Prinzipien des Konstruktivismus und des Funktionalismus weiter. László Moholy-Nagys New Bauhaus in Chicago, Josef Albers’ Lehre am Black Mountain College und Mies van der Rohes Bauten in Amerika – all dies sind Zeugnisse eines Erbes, das die Gestaltung des 20. Jahrhunderts fundamental geprägt hat. Die Formensprache des modernen Produktdesigns, der Typografie und der Architektur wäre ohne den Konstruktivismus und das Bauhaus nicht denkbar.

Was ist Dadaismus?

Der Dadaismus – auch kurz Dada genannt – entstand 1916 in Zürich und war in vieler Hinsicht das genaue Gegenteil des Konstruktivismus. Während die Konstruktivisten nach universeller Ordnung strebten, zelebrierten die Dadaisten das Chaos, das Absurde und die Zerstörung aller künstlerischen und bürgerlichen Konventionen. Der Dadaismus war keine Kunstbewegung im herkömmlichen Sinne – er war eine Revolte gegen eine Gesellschaft, deren Werte der Krieg in Frage gestellt hatte.

Am 5. Februar 1916 eröffneten der Dichter Hugo Ball und die Sängerin Emmy Hennings in der Zürcher Spiegelgasse das Cabaret Voltaire – einen Treffpunkt für emigrierte Künstler, die vor dem Krieg in die neutrale Schweiz geflohen waren. Was dort geschah, erschütterte die bürgerliche Kunstwelt: bruitistische Konzerte, bei denen Lärm als musikalisches Material diente, Lautgedichte aus sinnlosen Silben, absurde Lesungen und provokante Aktionen, die das Publikum schockierten und faszinierten zugleich. Diese Abende gelten als die ersten Happenings der Kunstgeschichte. Hugo Ball trat in einem bizarren Kostüm aus blauer Pappe und einem spitzen Zauberhut auf die Bühne und deklamierte sein berühmtes Lautgedicht „Karawane“ – Verse aus reinem Klang, befreit von jeder Bedeutung: „jolifanto bambla ô falli bambla“.

Der Name „Dada“ wurde angeblich zufällig in einem französischen Wörterbuch gefunden – dada bedeutet im Französischen „Steckenpferd“. Doch gerade die Sinnlosigkeit des Namens war Programm: Dadaismus wollte keinen Sinn erzeugen, sondern den Unsinn zur Methode erheben. Gegen bürgerliche Werte, gegen die Logik, gegen den Nationalismus und den Krieg setzten die Künstler das Irrationale – „im Namen von Dada“. Diese Anti-Kunst war zugleich eine radikale Form der Gesellschaftskritik: Wenn die vernünftige Welt in den Wahnsinn des Krieges führt, dann ist Unvernunft die einzig angemessene Antwort.

Welche Merkmale hat der Dadaismus?

Die Dadaismus Kunst zeichnet sich durch eine Reihe von Merkmalen aus, die sie von allen zeitgenössischen und vorangegangenen Strömungen fundamental unterscheiden. An erster Stelle steht die Negation des Kunstbegriffs selbst. Die Dadaisten lehnten die Idee des autonomen, schönen Kunstwerks bewusst ab. Sie schufen Anti-Kunst: Werke, die die Erwartungen des Publikums an Schönheit, Handwerk und Sinn gezielt unterliefen. Der Dadaismus war damit die erste Bewegung der Kunstgeschichte, die sich programmatisch gegen die Kunst als Institution richtete.

Ein weiteres zentrales Merkmal ist das Prinzip des Zufalls. Hans Arp ließ zerrissene Papierstücke auf ein Blatt fallen und klebte sie dort fest, wo sie zufällig gelandet waren. Tristan Tzara, der rumänische Dichter und Haupttheoretiker des Dadaismus, verfasste sein berühmtes Rezept für ein Dada-Gedicht: Man schneide Wörter aus einer Zeitung aus, schüttle sie in einer Tüte und ziehe sie einzeln heraus – das Ergebnis sei ein Gedicht, „das Ihnen ähnelt“. Tzara veröffentlichte 1918 sein Manifest Dada, in dem er die Grundsätze der Bewegung in denkbar provokanter Weise formulierte: „Dada bedeutet nichts.“

Das Prinzip der Provokation durchzog den gesamten Dadaismus. Ob in Zürich, Berlin, Köln, New York oder Paris – überall suchten die Dadaisten die Konfrontation mit dem Publikum. Sie organisierten Veranstaltungen, die bewusst auf Skandal angelegt waren, schrieben wüste Manifeste und schufen Werke, die das Establishment schockieren sollten. Die Dadaismus Kunst war keine kontemplative Betrachtung – sie war eine Attacke auf die Sinne und die Gewissheiten des Bildungsbürgertums.

Schließlich prägte den Dadaismus seine radikale Intermedialität. Die Dadaisten arbeiteten gleichzeitig mit Texten, Bildern, Klängen, Bewegung und Alltagsgegenständen. Sie erfanden die Collage und die Fotomontage als künstlerische Verfahren, verbanden Performance, Musik und bildende Kunst zu Gesamtkunstwerken und sprengten damit die traditionellen Gattungsgrenzen auf eine Weise, die bis in die Gegenwartskunst nachwirkt.

Wer sind die wichtigsten Vertreter des Dadaismus?

Marcel Duchamp (1887–1968) war der vielleicht radikalste Denker des Dadaismus – obwohl er sich selbst keiner Gruppe zuordnete. Sein Konzept des Readymade revolutionierte das Verständnis von Kunst: Duchamp erklärte Alltagsgegenstände zu Kunstwerken, allein dadurch, dass er sie auswählte, mit einem Titel versah und in einen Ausstellungskontext stellte. 1917 reichte er unter dem Pseudonym „R. Mutt“ ein industriell gefertigtes Urinal unter dem Titel Fountain bei einer New Yorker Ausstellung ein – ein Akt, der die Frage „Was ist Kunst?“ für das gesamte 20. Jahrhundert neu stellte. Duchamp bewies, dass nicht die handwerkliche Fertigkeit, sondern der intellektuelle Akt der Wahl und der Kontextualisierung ein Objekt zum Kunstwerk machen konnte. Kein anderer Künstler des Dadaismus hat die Konzeptkunst, die Minimal Art und die Installationskunst so nachhaltig beeinflusst.

Kurt Schwitters (1887–1948) aus Hannover war einer der originellsten Vertreter der Dada-Bewegung. Dadaismus Kunst Kurt Schwitters manifestierte sich in seiner einzigartigen MERZ-Kunst: Collagen und Assemblagen aus Fundstücken des Alltags – Fahrscheinen, Zeitungsausrissen, Stoffresten, Draht und Holzstücken. Den Namen „MERZ“ hatte Schwitters einem zufällig in einer Collage auftauchenden Wortfragment entnommen – dem letzten Teil des Wortes „Commerz“. Sein ambitioniertestes Projekt war der Merzbau: eine begehbare, ständig wachsende Raumskulptur in seinem Hannoveraner Wohnhaus, die er über Jahre hinweg aus Fundstücken, Gips und Holz errichtete. Der Merzbau gilt als Vorläufer der modernen Installationskunst und der Environment Art. Er wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört.

Hannah Höch (1889–1978) gehörte zum Berliner Flügel des Dadaismus und war eine Pionierin der Fotomontage. Gemeinsam mit Raoul Hausmann entwickelte sie die Technik, Fotografien aus Zeitungen und Zeitschriften auszuschneiden und zu neuen, oft politisch aufgeladenen Bildkompositionen zusammenzufügen. Ihr Hauptwerk Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands (1919/20) ist ein atemberaubendes Panorama der Weimarer Republik – ein Wirbel aus Politikerporträts, Maschinenteilen und Textfragmenten. Höch, Hausmann und John Heartfield nannten ihre Technik bewusst „Fotomontage“ statt Collage – um sich vom Kubismus abzugrenzen und den industriellen, montageartigen Charakter ihrer Arbeit zu betonen.

Raoul Hausmann (1886–1971), der sich selbst als „Dadasoph“ bezeichnete, war neben Höch und Heartfield eine zentrale Figur des Berliner Dadaismus. Sein Assemblage-Objekt Der Geist unserer Zeit – Mechanischer Kopf (1919) – eine Holzbüste, auf die Alltagsobjekte wie Lineal, Uhrwerk und Geldbeutel montiert sind – ist eine beißende Satire auf den Durchschnittsmenschen, dessen Denken von äußerlichen Dingen bestimmt wird.

George Grosz (1893–1959) verband in Berlin Dadaismus mit schonungsloser politischer Satire. Seine Zeichnungen und Gemälde zeigen die Gesellschaft der Weimarer Republik mit ätzender Schärfe: aufgeblasene Kapitalisten, brutale Militärs und das Elend der Unterschicht. Grosz nutzte die Provokation des Dada als Waffe der Gesellschaftskritik und wurde damit zu einem der politischsten Künstler seiner Epoche. Sein Werk bildet eine Brücke zwischen dem Dadaismus und der Neuen Sachlichkeit.

Man Ray (1890–1976), in Philadelphia geboren als Emmanuel Radnitzky, vertrat den Dadaismus in New York und später in Paris. Als Maler, Fotograf und Filmemacher entwickelte er die Rayografie – kameralose Fotografien, bei denen Gegenstände direkt auf lichtempfindliches Papier gelegt und belichtet wurden. Man Ray verband die dadaistische Experimentierfreude mit einer eleganten Ästhetik, die später nahtlos in den Surrealismus überging. Sein Weg vom Dadaismus zum Surrealismus steht beispielhaft für die enge Verbindung dieser beiden Bewegungen.

Welche Werke sind bedeutend?

Die Schlüsselwerke des Konstruktivismus und des Dadaismus sind Meilensteine der Kunstgeschichte, die das Verständnis von Kunst grundlegend verändert haben.

Kasimir Malewitsch: Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (1915)

Ein schwarzes Quadrat auf einer weißen Fläche – schlichter kann ein Bild kaum sein, und doch gilt es als eines der revolutionärsten Gemälde des 20. Jahrhunderts. Malewitschs Schwarzes Quadrat markiert den radikalen Bruch mit jeder Form der Gegenständlichkeit. Konstruktivismus Kunst Kasimir Malewitsch bedeutete die konsequente Reduktion auf das Wesentliche: reine Form, reiner Kontrast, reiner Raum. Das Werk wurde bei seiner ersten Präsentation in einer Ausstellung in Petrograd demonstrativ in der oberen Ecke des Raumes platziert – dort, wo in russischen Häusern traditionell die Ikone hing. Die Geste war unmissverständlich: Die Kunst erhob einen neuen Absolutheitsanspruch.

Piet Mondrian: Kompositionen und Broadway Boogie-Woogie (1942/43)

Mondrians Kompositionen aus schwarzen Linien und farbigen Rechtecken sind zu Ikonen der modernen Kunst geworden. Sie verkörpern das Ideal des Konstruktivismus in seiner reinsten Form: universelle Harmonie, frei von jedem Verweis auf die sichtbare Welt. Sein Spätwerk Broadway Boogie-Woogie, entstanden im New Yorker Exil, zeigt eine faszinierende Weiterentwicklung: An die Stelle der schwarzen Linien treten pulsierende Reihen kleiner Farbquadrate in Gelb, Rot und Blau, die an das Straßennetz Manhattans und den Rhythmus des Boogie-Woogie-Jazz erinnern. Das Bild beweist, dass konstruktivistische Kunst nicht kalt und leblos sein muss – sie kann vibrieren, tanzen und den Puls einer Großstadt einfangen.

Marcel Duchamp: Fountain (1917)

Ein auf den Rücken gelegtes Porzellan-Urinal, signiert mit „R. Mutt 1917“ – Duchamps Fountain ist das wohl berühmteste Readymade und eines der meistdiskutierten Werke der gesamten Kunstgeschichte. Das Original wurde von der Jury der Society of Independent Artists abgelehnt und ist verschollen; es existieren lediglich Repliken und die legendäre Fotografie von Alfred Stieglitz. Fountain stellte die Frage, die den gesamten Dadaismus durchzieht: Wer bestimmt, was Kunst ist? Kann ein industriell gefertigter Gegenstand zum Kunstwerk werden, wenn ein Künstler es so bestimmt? Diese Fragen haben ihre Sprengkraft bis heute nicht verloren.

Kurt Schwitters: MERZ-Collagen und Merzbau (ab 1919)

Schwitters’ MERZ-Collagen verwandeln die wertlosen Überreste des Alltags in ästhetisch komplexe Kompositionen. Alte Fahrscheine, Bonbonpapiere, Zeitungsausrisse und Stoffreste werden zu Bildern zusammengefügt, die eine überraschende formale Schönheit besitzen. Der Merzbau – eine über Jahre wachsende, begehbare Raumskulptur – trieb dieses Prinzip ins Monumentale. Dadaismus Kunst Kurt Schwitters zeigt, dass aus der Zerstörung und dem Zufall neue, eigenwillige Formen der Schönheit entstehen können. Schwitters’ Werk bildet eine einzigartige Brücke zwischen Dadaismus und Konstruktivismus – zwischen Zufall und Komposition, zwischen Anti-Kunst und Ästhetik.

El Lissitzky: Proun-Kompositionen (ab 1919)

El Lissitzkys Proun-Bilder sind geometrische Kompositionen, die sich zwischen Malerei und Architektur bewegen. Frei schwebende Flächen, Körper und Linien erzeugen den Eindruck dreidimensionaler Räume auf der zweidimensionalen Bildfläche. Die Proun-Reihe verkörpert den Anspruch des Konstruktivismus, die Grenzen zwischen den künstlerischen Gattungen aufzulösen. Lissitzky selbst nannte die Proun-Werke „Umsteigestation von Malerei nach Architektur“ – sie waren Entwürfe für eine neue visuelle Welt.

Warum sind Konstruktivismus und Dadaismus wichtig?

Die Bedeutung von Konstruktivismus und Dadaismus für die Kunstgeschichte lässt sich kaum überschätzen – und zwar gerade weil beide Bewegungen so gegensätzliche Wege einschlugen. Gemeinsam deckten sie das gesamte Spektrum künstlerischer Möglichkeiten ab und schufen Denkräume, die bis in die Gegenwartskunst hinein wirksam sind.

Der Konstruktivismus hat die visuelle Gestaltung der modernen Welt grundlegend geprägt. Ohne Mondrian, Malewitsch und das Bauhaus wäre das zeitgenössische Grafikdesign, die Typografie, die Architektur und das Produktdesign undenkbar. Die klaren Linien und geometrischen Formen, die heute Smartphones, Websites und Unternehmenslogos prägen, gehen direkt auf die ästhetischen Prinzipien des Konstruktivismus zurück. Konstruktivismus Kunst hat die Grenze zwischen „freier“ und „angewandter“ Kunst aufgelöst und damit eine Entwicklung eingeleitet, die die gesamte Design-Kultur des 20. und 21. Jahrhunderts bestimmt.

Der Dadaismus wiederum hat die Frage „Was ist Kunst?“ auf eine Weise aufgeworfen, die nie wieder zur Ruhe gekommen ist. Duchamps Readymades, Schwitters’ MERZ-Kunst und die dadaistische Fotomontage haben sämtliche späteren Formen der Konzeptkunst, der Performance Art, der Installationskunst und der Appropriation Art ermöglicht. Ohne den Dadaismus – ohne den Mut, Unsinn als legitimes künstlerisches Mittel einzusetzen und die Institution Kunst selbst in Frage zu stellen – wäre die gesamte Gegenwartskunst von Andy Warhol über Joseph Beuys bis zu den Young British Artists kaum vorstellbar.

Entscheidend ist auch der Übergang vom Dadaismus zum Surrealismus. Als die dadaistische Energie ab Mitte der 1920er Jahre erschöpft war, führten ehemalige Dadaisten wie Max Ernst, Hans Arp und Man Ray die Bewegung in eine neue Richtung: Der Surrealismus übernahm vom Dadaismus die Wertschätzung des Irrationalen und des Zufälligen, kanalisierte sie aber in ein kohärenteres künstlerisches Programm, das sich auf Sigmund Freuds Psychoanalyse stützte. André Breton, der Begründer des Surrealismus, hatte selbst am Pariser Dada teilgenommen. Der Weg von Dada zum Traum war kürzer, als man vermuten könnte.

Betrachtet man Konstruktivismus und Dadaismus zusammen, so wird deutlich, dass beide Bewegungen auf je eigene Weise die zentrale Frage der Moderne bearbeiteten: Wie lässt sich nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs noch sinnvoll leben und Kunst schaffen? Die Konstruktivisten antworteten mit dem Entwurf einer rationalen, harmonischen Zukunft. Die Dadaisten antworteten mit der lustvollen Zerstörung einer Vergangenheit, die in den Krieg geführt hatte. Ordnung und Chaos – beide Antworten haben die Kunst und die Kultur des 20. Jahrhunderts auf ihre Weise geformt und sind bis heute lebendig. Wer durch ein Museum für moderne Kunst geht, begegnet auf Schritt und Tritt dem Erbe dieser beiden Bewegungen – in der geometrischen Strenge eines Donald Judd ebenso wie in der anarchischen Verspieltheit eines Banksy.

Weiterführende Literatur

  • Werner Haftmann: Malerei im 20. Jahrhundert. Prestel, München 2000. Standardwerk zur modernen Kunst mit ausführlichen Kapiteln zu beiden Bewegungen.
  • Hans Richter: DADA – Kunst und Antikunst. DuMont, Köln 1964. Augenzeugenbericht eines Beteiligten.
  • Christina Lodder: Russian Constructivism. Yale University Press, New Haven 1983. Maßgebliche Darstellung des russischen Konstruktivismus.
  • Magdalena Droste: Bauhaus 1919–1933. Taschen, Köln 2002. Umfassende Einführung in die Geschichte des Bauhauses.
  • Dietmar Elger: Dadaismus. Taschen, Köln 2004. Kompakter Überblick mit zahlreichen Abbildungen.
  • Carel Blotkamp: De Stijl – The Formative Years. MIT Press, Cambridge 1986. Detaillierte Studie der De-Stijl-Bewegung.

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