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Kunst

Dada-Collage – Wie Fotoschnipsel zur Kunst wurden

Am 12. Juni 1916 notierte Hugo Ball in sein Tagebuch einen Satz, der zum Leitmotiv einer ganzen Bewegung werden sollte:

Dada-Collage – Wie Fotoschnipsel zur Kunst wurden

„Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind.“

Hugo Ball, 12. Juni 1916

Dieses „Narrenspiel“ sollte die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts nachhaltig verändern. Denn aus dem vermeintlichen Nichts entstand eine der wirkungsmächtigsten künstlerischen Techniken der Moderne: die Dada-Collage. Was als Provokation begann, wurde zu einer eigenständigen Ausdrucksform, die Fotografie, Typografie und Alltagsgegenstände zu etwas völlig Neuem verschmolz – und dabei die Frage aufwarf, was Kunst überhaupt sein kann.

Was ist Dadaismus – und warum Anti-Kunst?

Im Jahr 1916 versammelten sich junge Künstlerinnen und Künstler aus ganz Europa in Zürich. Sie waren vor dem Ersten Weltkrieg geflohen, vor dem Grauen der Schützengräben und einer Zivilisation, die sich selbst zerstörte. In diesem Klima der Desillusion gründeten sie eine Bewegung, die sich mit bewusster Ironie einen kindlichen Namen gab: Dada. Das Wort – angeblich zufällig in einem französischen Wörterbuch gefunden – bedeutet nichts und alles zugleich. Genau das war die Absicht.

Die Dadaisten wollten keine neue Ästhetik schaffen. Ihr Ziel war radikaler: Sie wollten Anti-Kunst, eine Kunst also, die sich gegen den etablierten Kunstbegriff selbst richtete. Die bürgerliche Kultur, die den Krieg hervorgebracht hatte, sollte in ihren Grundfesten erschüttert werden. Provokation war kein Nebeneffekt – sie war das eigentliche Programm. Wer die Dadaismus-Kunst verstehen will, muss zuerst diese nihilistische Grundhaltung begreifen: Es ging nicht darum, Schönes zu schaffen, sondern darum, den Schönheitsbegriff selbst als Illusion zu entlarven.

Was die Bewegung von Anfang an auszeichnete, war ihre internationale Reichweite. Dada war nie auf Zürich beschränkt. Fast gleichzeitig entstanden Zentren in New York, Berlin, Hannover, Köln und Paris. Selbst in Japan fand die Bewegung Anhänger. Diese globale Ausbreitung zeigt, wie tief das Bedürfnis nach einem künstlerischen Neuanfang in der Nachkriegszeit verankert war.

Wo liegen die Ursprünge der Dada-Collage?

Die Collage als künstlerische Technik war keine Erfindung des Dadaismus. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatten Pablo Picasso und Georges Braque begonnen, Zeitungsausschnitte, Tapetenmuster und andere Materialien in ihre Gemälde einzufügen. Diese sogenannten papiers collés (französisch für „geklebte Papiere“) gelten als Geburtsstunde der Kubismus-Collage. Mit Werken wie Picassos Stillleben mit Rohrstuhlgeflecht von 1912 sprengten die Kubisten die Grenzen der traditionellen Malerei und brachten Fragmente der realen Welt auf die Leinwand.

Doch zwischen der kubistischen und der dadaistischen Collage besteht ein fundamentaler Unterschied, der über die reine Technik hinausgeht. Picasso und Braque verfolgten ein primär ästhetisches Interesse: Ihnen ging es um die Zerlegung und Neuordnung von Form und Raum, um eine andere Art des Sehens. Die Materialien dienten der kompositorischen Wirkung – sie waren Mittel zum künstlerischen Zweck.

Was unterscheidet die Dada-Collage von der Kubismus-Collage?

Die Dadaisten übernahmen die Grundidee des Klebens und Fügens, gaben ihr jedoch eine völlig neue Richtung. Ihre Collagen waren nicht ästhetisch motiviert, sondern sozio-politisch. Wo die Kubismus-Collage den Bildraum revolutionierte, wollte die Dadaismus-Collage die bürgerliche Gesellschaft als Kultur der Selbstzerstörung entlarven. Das Material war nicht Kompositionselement, sondern Waffe. Zeitungsfotos von Politikern, Werbesprüche, Kriegsbilder – all das wurde zerschnitten, rekombiniert und zu verstörenden Bildwelten zusammengefügt.

Besonders die Berliner Gruppe um Raoul Hausmann, Hannah Höch und John Heartfield trieb diese Entwicklung voran. Sie erkannten, dass die Fotografie ein ungleich mächtigeres Instrument der Irritation war als die Zeichnung. Fotografische Bilder trugen den Anschein von Wahrheit in sich – wurden sie zerschnitten und neu zusammengesetzt, zerstörten sie genau diesen Wahrheitsanspruch. So wurde die Fotocollage, auch Fotomontage genannt, zum zentralen Medium der Dada-Kunst.

Wer hat die Fotocollage erfunden?

Die Frage nach der Urheberschaft der dadaistischen Fotocollage ist bis heute umstritten und wurde von den Beteiligten selbst mit geradezu dadaistischem Eifer diskutiert. George Grosz und John Heartfield beanspruchten die Erfindung ebenso für sich wie Hannah Höch und Raoul Hausmann. Jede Seite hatte ihre eigene Entstehungsgeschichte.

Die vielleicht anschaulichste und am besten belegte Version geht auf einen Sommerurlaub an der Ostsee zurück. Im Sommer 1917 oder 1918 – die genaue Datierung ist unsicher – verbrachten Hannah Höch und Raoul Hausmann einige Wochen in einem kleinen Badeort. In der Stube ihres Vermieters entdeckten sie ein gerahmtes Bild: einen farbigen Militärdruck, der Kaiser Wilhelm II. in heroischer Pose zeigte. Doch der Vermieter hatte etwas Ungewöhnliches damit getan – er hatte den Kopf des Kaisers durch ein Foto seines eigenen Sohnes ersetzt, der als Soldat diente. Diese naive, rührende Geste eines einfachen Mannes elektrisierte die beiden Künstler.

Der Maler Hans Richter berichtete später, Hausmann habe in jenem Moment erkannt, welches Potenzial im „Kleben“ lag: Man konnte durch das Zusammenfügen disparater fotografischer Elemente völlig neue Bedeutungen erzeugen – Bedeutungen, die über die einzelnen Bilder hinausgingen und auf die Widersprüche der Gesellschaft verwiesen. Zurück in Berlin begannen Höch und Hausmann sofort mit ihren ersten Versuchen.

Welche Collagetechnik nutzten die Dadaisten?

Die frühesten Dada-Collagen waren noch relativ zurückhaltend: Federzeichnungen, in die ausgeschnittene Werbeslogans und einzelne Reportagefotos eingefügt wurden. Doch schnell radikalisierten die Dadaisten ihre Collagetechnik. Die Zeichnungen fielen weg, und an ihre Stelle traten ausschließlich fotografische Fragmente – Zeitungsfotos, die neben Alltagsgegenständen montiert wurden.

Je banaler und wertloser die verwendeten Materialien waren, desto besser entsprachen sie dem dadaistischen Credo: „Alles ist Kunst.“ Kurt Schwitters, der in Hannover seinen ganz eigenen Dada-Kosmos schuf, brachte dieses Prinzip auf den Punkt:

„Man kann auch mit Straßenbahnfahrscheinen, Garderobenmarken, Holzstückchen, Draht, Bindfaden, verbogenen Rädern, Seidenpapier, Blechdosen, Glassplittern usw. schreien, und das tat ich, indem ich sie klebte oder nagelte.“

Kurt Schwitters

Schwitters' Aussage verdeutlicht, wie weit sich die Dada-Collage vom traditionellen Kunstbegriff entfernt hatte. Das Material musste nicht edel sein – es musste sprechen. Die Collagetechnik der Dadaisten beruhte auf dem Prinzip der verfremdenden Kombination: Politikerporträts wurden neben Zootiere gesetzt, ausgeschnittene Köpfe auf antike Frauentorsos oder Wolkenkratzer montiert. Buchstaben und Sätze aus Zeitungsartikeln, Werbesprüche aus Illustrierten, Fragmente alter Briefe und Passagen aus dem Dada-Almanach ergänzten die Bilder zu spannungsgeladenen Text-Bild-Kompositionen.

Gerade diese Verbindung von Bild und Text machte die Dada-Collage so wirkungsvoll. Die Schriftfragmente fungierten nicht als Bildunterschriften oder Erläuterungen, sondern als eigenständige visuelle Elemente, die mit den fotografischen Fragmenten in einen Dialog traten – oder in Widerspruch. So entstanden Dadaismus-Bilder von einer Komplexität, die beim Betrachter ein aktives Lesen und Deuten erforderte.

Wer sind die wichtigsten Vertreter?

Die Geschichte der Dada-Collage ist untrennbar mit einer Reihe von Künstlerpersönlichkeiten verbunden, die das Medium auf jeweils eigene Weise prägten.

Hannah Höch (1889–1978) gilt als eine der bedeutendsten Collagekünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr Hauptwerk Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands (1919/20) ist eine monumentale Fotocollage, die auf einer Fläche von über einem Quadratmeter die gesamte politische und kulturelle Landschaft der jungen Weimarer Republik verarbeitet. Höch setzte sich zudem intensiv mit Geschlechterrollen und der Darstellung von Weiblichkeit in den Massenmedien auseinander.

Raoul Hausmann (1886–1971), der sich selbst als „Dadasoph“ bezeichnete, war theoretischer Kopf und praktischer Erneuerer zugleich. Seine Collagen verbanden typografische Elemente mit Fotografien zu dichten, überladenen Kompositionen, die das Chaos der modernen Großstadt spiegelten.

John Heartfield (1891–1968), geboren als Helmut Herzfeld, entwickelte die Fotomontage in den 1920er und 1930er Jahren zu einem scharfen politischen Instrument. Seine Arbeiten für die Arbeiter-Illustrierte Zeitung, in denen er die Nationalsozialisten mit beißender Schärfe karikierte, zählen zu den Meisterwerken der politischen Grafik.

George Grosz (1893–1959) nutzte die Collage als Ergänzung seiner satirischen Zeichnungen und entlarvte darin die Verlogenheit der Weimarer Gesellschaft – das Nebeneinander von Militarismus, Profitgier und sozialem Elend.

Kurt Schwitters (1887–1948) schließlich nahm innerhalb des Dadaismus eine Sonderstellung ein. Sein Merz-Konzept – benannt nach einem zufällig aus einer Anzeige der „Commerz- und Privatbank“ herausgerissenen Wortfragment – erhob das Prinzip der Collage zum universellen künstlerischen Prinzip. Schwitters klebte nicht nur Bilder, sondern baute ganze Räume aus Fundstücken: seinen berühmten Merzbau in Hannover.

Welche Wirkung hat die Dada-Collage bis heute?

Die Bedeutung der Dada-Collage reicht weit über ihren historischen Entstehungskontext hinaus. Was die Dadaisten in den Jahren nach 1916 entwickelten, wurde zum Fundament zahlreicher späterer Kunstbewegungen. Die Surrealisten übernahmen das Prinzip der überraschenden Kombination und wandten es auf die Welt des Traums und des Unbewussten an. Max Ernst, selbst ein ehemaliges Mitglied der Kölner Dada-Gruppe, schuf mit seinen Collage-Romanen ein völlig neues Genre.

In den 1950er und 1960er Jahren griffen die Künstler der Pop Art – allen voran Richard Hamilton und Robert Rauschenberg – auf die Techniken der Fotocollage zurück, um die Bilderwelt der Konsumgesellschaft zu reflektieren. Auch die Punk-Bewegung der 1970er Jahre bediente sich der Dada-Ästhetik: Die zerrissenen, zusammengeklebten Fanzine-Cover und Plattencover stehen in direkter Tradition der Berliner Dadaisten.

Im digitalen Zeitalter hat die Collage als künstlerisches Prinzip eine neue Dimension erreicht. Was Höch und Hausmann einst mit Schere und Kleister bewerkstelligten, geschieht heute mit Bildbearbeitungsprogrammen. Die Grundidee jedoch ist dieselbe geblieben: Durch das Zusammenfügen von Fragmenten aus unterschiedlichen Kontexten entsteht etwas Neues – etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile und das unsere Sehgewohnheiten herausfordert.

Die Dada-Collage hat damit eine Frage aufgeworfen, die auch über hundert Jahre später nichts von ihrer Dringlichkeit verloren hat: Wer bestimmt, was Kunst ist? Die Antwort der Dadaisten war ebenso radikal wie demokratisch – im Grunde kann alles Kunst sein, wenn man es nur kühn genug zusammenfügt.

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