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Kunst

Verschollene Kunst aus Schlesien – Joseph Langers wiederentdeckte Sammlung

Es gibt Entdeckungen, die sich ankündigen – durch jahrelange Recherche, durch systematische Suche in Archiven und Depots. Und es gibt jene anderen, die dem Zufall zu verdanken sind: einem falschen Weg, einer geöffneten Tür, einem Blick in den falschen Raum. Die Wiederentdeckung der Sammlung Langer gehört zu dieser zweiten Kategorie. In einem Heizkeller im niederschlesischen Ziębice – dem früheren Münsterberg – lagen jahrzehntelang Zeichnungen, Gemälde und Skizzen, die sich als kunsthistorische Sensation entpuppen sollten. Ihr Schöpfer und Sammler: Joseph Langer, ein Breslauer Maler und Denkmalpfleger, der zu Lebzeiten hoch geschätzt und nach seinem Tod 1918 beinahe vollständig vergessen wurde.

Kernpunkte

  • Joseph Langer (1865–1918) war schlesischer Maler, Zeichner und bedeutender Denkmalpfleger in Breslau.
  • Seine Kunstsammlung wurde um 1998 zufällig im Heizkeller des Museums für historischen Hausrat in Ziębice (Münsterberg) wiederentdeckt – beschädigt, aber zu retten.
  • Die Sammlung umfasst drei Werkgruppen: eigene künstlerische Arbeiten, Dokumentationen schlesischer Denkmäler und eine Privatkollektion von mittelalterlicher bis moderner Kunst.
  • Unter den Stücken befindet sich eine Zeichnung von Giuseppe Passeri, von der nur drei weitere Studien bekannt sind – in der Albertina Wien, der École des Beaux-Arts Paris und dem Metropolitan Museum New York.
  • Eine Ausstellung in Bielefeld machte die Sammlung 2002 erstmals öffentlich zugänglich.

Zur Sammlung

Sammler und Künstler: Joseph Langer (1865–1918)
Fundort: Museum für historischen Hausrat, Ziębice (Münsterberg), Niederschlesien
Wiederentdeckung: ca. 1998 durch Renata Kolega und Adam Organisty
Bestand: Eigene Arbeiten Langers, Denkmalschutz-Dokumentationen, private Kunstsammlung (Mittelalter bis Moderne)
Ausstellung: 25.05.–26.06.2002, Brackweder Kulisse, Bielefeld
Träger: KLEPSYDRA e.V. (Münster), Stadt Bielefeld, Bundesheimatgruppe Münsterberg

Verschollene Kunst aus Schlesien – Joseph Langers wiederentdeckte Sammlung

Ein Zufallsfund im Heizkeller

Die Geschichte beginnt mit einer Routinebegehung. Gegen Ende der 1990er Jahre durchsuchten Renata Kolega, Direktorin des Museums für historischen Hausrat in Ziębice, und der Krakauer Kunsthistoriker Adam Organisty die Räumlichkeiten des Museums – eines Hauses, das im früheren Münsterberg, einer kleinen Stadt in Niederschlesien, untergebracht war. Was sie dabei im Heizkeller fanden, war alles andere als alltäglich: dicht an den Heizöfen gelagert, ungeschützt gegen Hitze und Feuchtigkeit, lag ein umfangreicher Bestand an Zeichnungen, Skizzen, Gemälden und Dokumenten. Die meisten Exponate waren beschädigt – manche schwer –, doch sie konnten noch rechtzeitig geborgen werden.

Es dauerte Monate, bis die Tragweite des Fundes erkennbar wurde. Bei dem Material handelte es sich um den künstlerischen Nachlass und die private Kunstsammlung eines Mannes, dessen Name in der schlesischen Kulturgeschichte einst einen guten Klang gehabt hatte, der aber im Laufe des 20. Jahrhunderts – durch Krieg, Vertreibung und den Wandel der politischen Verhältnisse – in Vergessenheit geraten war: Joseph Langer, Breslauer Maler, Zeichner und Denkmalpfleger.

Joseph Langer – Maler und Denkmalpfleger

Joseph Langer wurde 1865 geboren und verbrachte den größten Teil seines Lebens in Breslau, der Hauptstadt Schlesiens. Er war eine doppelte Begabung: einerseits ein versierter Maler und Zeichner, andererseits ein gewissenhafter Denkmalpfleger, der sich der Erhaltung des schlesischen Kulturerbes widmete. In der Breslauer Kunstszene der Jahrhundertwende gehörte er zu den anerkannten Größen – ein Mann, der sowohl in der Praxis als auch in der Theorie der Denkmalerhaltung zu Hause war.

Langers bedeutendste Leistung auf dem Gebiet der Denkmalpflege war die Restaurierung der Aula Leopoldina der Universität Breslau, eines der prachtvollsten Barocksäle Europas. Er arbeitete dabei eng mit Hans Lutsch zusammen, dem damals führenden schlesischen Denkmalpfleger und Autor des monumentalen Inventarwerks der schlesischen Kunstdenkmäler. Die Qualität von Langers Restaurierungsarbeit wurde auf höchster Ebene gewürdigt: Kaiser Wilhelm I. verlieh ihm die Professorenwürde – eine Auszeichnung, die im Kaiserreich nur wenigen Praktikern zuteil wurde und die Langers Rang in der schlesischen Kulturlandschaft unterstreicht.

Als Langer 1918 starb, hinterließ er neben seinem künstlerischen Werk eine beträchtliche private Kunstsammlung, die er über Jahrzehnte aufgebaut hatte. Wie genau diese Sammlung nach Münsterberg gelangte und warum sie dort im Heizkeller eines Museums endete, lässt sich heute nicht mehr lückenlos rekonstruieren. Die Wirren des Zweiten Weltkriegs, die Vertreibung der deutschen Bevölkerung und die Neuordnung Schlesiens unter polnischer Verwaltung haben viele solcher Spuren verwischt. Fest steht, dass die Sammlung jahrzehntelang dort lag, ohne dass jemand ihren Wert erkannte – bis zum Zufallsfund gegen Ende der 1990er Jahre.

Drei Werkgruppen von unterschiedlichem Rang

Die wiederentdeckte Sammlung Langer lässt sich in drei klar voneinander abgrenzbare Werkgruppen gliedern, die jeweils einen anderen Aspekt von Langers Tätigkeit und seinen Interessen widerspiegeln.

Die erste Gruppe umfasst Langers eigene künstlerische Arbeiten: Zeichnungen, Skizzen und Gemälde, die einen Einblick in sein Schaffen als Maler geben. Sie zeigen einen technisch versierten Zeichner, der in der akademischen Tradition des späten 19. Jahrhunderts ausgebildet war und sowohl figuräliche Kompositionen als auch Landschaften und architektonische Studien beherrschte. Für die Forschung sind diese Blätter von besonderem Interesse, weil sie einen Künstler dokumentieren, der bislang nur durch wenige erhaltene Werke bekannt war.

Die zweite Gruppe ist kunsthistorisch von anderer, vielleicht sogar größerer Bedeutung: Sie besteht aus Dokumentationen der Denkmalpflege-Arbeiten, an denen Langer beteiligt war. Detailzeichnungen von Fassaden, Innenräumen, Stuck- und Dekorationselementen schlesischer Baudenkmäler geben Aufschluss über den Zustand dieser Gebäude zu einem Zeitpunkt, der inzwischen mehr als hundert Jahre zurückliegt. Da viele der dokumentierten Baudenkmäler im Zweiten Weltkrieg zerstört oder schwer beschädigt wurden, haben diese Zeichnungen einen unschätzbaren dokumentarischen Wert. Sie halten fest, was in vielen Fällen unwiederbringlich verloren ist.

Die dritte Gruppe schließlich ist Langers private Kunstsammlung – und sie ist es, die den Fund zur internationalen Sensation machte. Langer hatte über die Jahrzehnte eine Kollektion zusammengetragen, die vom Mittelalter bis in die Moderne reicht und Werke von erstaunlich hohem künstlerischen Rang enthält. Dass ein schlesischer Maler der Jahrhundertwende eine solche Sammlung zusammentragen konnte, wirft ein bezeichnendes Licht auf die kulturelle Blüte, die Breslau um 1900 erlebte – und auf das Netzwerk von Sammlern, Händlern und Kunstkennern, das in dieser Stadt existierte.

Passeri, griechische Ikonen und andere Entdeckungen

Unter den Stücken der privaten Sammlung Langer ragen zwei Objekte heraus, die auch außerhalb der schlesischen Regionalgeschichte Aufmerksamkeit verdienen.

Das erste ist eine Zeichnung des italienischen Barockmalers Giuseppe Passeri (1654–1714), die eine Vision der heiligen Hyazinthe Marescotti darstellt. Es handelt sich um eine Vorstudie zu einem größeren Gemälde – und hier liegt die eigentliche Sensation: Von dieser Komposition sind weltweit nur vier vorbereitende Zeichnungen bekannt. Die drei übrigen befinden sich in der Albertina in Wien, in der École des Beaux-Arts in Paris und im Metropolitan Museum of Art in New York. Dass die vierte Studie jahrzehntelang in einem Heizkeller in Münsterberg lag, unerkannt und bedroht, gehört zu jenen Geschichten, die man kaum erfinden könnte. Die Zeichnung ist damit nicht nur ein wertvolles Blatt für sich, sondern auch ein Schlüssel zum Verständnis von Passeris Arbeitsprozess und zur Rekonstruktion der Gesamtkomposition.

Das zweite herausragende Stück ist eine griechische Ikone aus dem 17. Jahrhundert, die den heiligen Johannes den Täufer als „Engel in der Wüste“ zeigt. Dieses ikonographische Motiv, bei dem der Täufer mit Flügeln dargestellt wird – als Bote Gottes im wörtlichen Sinne –, ist in der griechischen und russischen Ikonenmalerei zwar bekannt, aber relativ selten. Die Münsterberger Ikone zeichnet sich durch einen guten Erhaltungszustand und eine bemerkenswerte malerische Qualität aus, die sie zu einem wertvollen Zeugnis der nachmittelalterlichen orthodoxen Kunst macht.

Neben diesen Hauptwerken enthält die Sammlung zahlreiche weitere Zeichnungen, Druckgraphiken und Gemälde verschiedener Epochen und Schulen. Die Bandbreite – vom Mittelalter über die italienische und nordeuropäische Barockkunst bis hin zu Arbeiten des 19. Jahrhunderts – zeugt von einem Sammler mit breitem Horizont und geschultem Blick. Joseph Langer war nicht nur Maler und Restaurator, er war auch ein Kenner, der das Beste aus dem Kunsthandel seiner Zeit zu erwerben wusste.

Erstmals öffentlich: die Bielefelder Ausstellung

Im Frühjahr 2002 wurde die wiederentdeckte Sammlung Langer erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ausstellung fand vom 25. Mai bis zum 26. Juni 2002 in der Brackweder Kulisse in Bielefeld statt – einem Ausstellungsraum in der Germanetraße 22 – und wurde vom Verein KLEPSYDRA e.V. aus Münster organisiert. Unterstützt wurde das Projekt von der Stadt Bielefeld und der Bundesheimatgruppe Münsterberg, einer Vereinigung ehemaliger Bewohner der Stadt und ihrer Nachkommen.

Der Kurator Dominik Petruk, der die Ausstellung inhaltlich verantwortete, hatte die Aufgabe, aus dem umfangreichen und in Teilen noch beschädigten Bestand eine repräsentative Auswahl zusammenzustellen. Die Präsentation umfasste alle drei Werkgruppen: eigene Arbeiten Langers, seine Denkmalschutz-Dokumentationen und die Meisterwerke der Privatsammlung. Für viele Besucher dürfte die Konfrontation mit dem Material ein doppeltes Erlebnis gewesen sein – zum einen die Begegnung mit Kunstwerken von teils bemerkenswerter Qualität, zum anderen die Erkenntnis, wie fragil das kulturelle Erbe Schlesiens ist und wie nah es dem vollständigen Verschwinden war.

Dass die Ausstellung in Bielefeld stattfand und nicht etwa in Breslau oder Krakau, hat mit den Strukturen der deutsch-polnischen Kulturarbeit zu tun. Die Bundesheimatgruppe Münsterberg, die als Mitveranstalterin fungierte, unterhielt enge Verbindungen in die Region um Bielefeld, wo viele ehemalige Münsterberger nach der Vertreibung eine neue Heimat gefunden hatten. Die Ausstellung war somit auch ein Akt der Erinnerungskultur: Sie machte sichtbar, was unter den Verwerfungen der Geschichte begraben worden war, und knüpfte einen Faden zwischen der schlesischen Vergangenheit und der gegenwärtigen deutsch-polnischen Zusammenarbeit.

Ein kunsthistorisches Erdbeben

Die Wiederentdeckung der Sammlung Langer blieb in der Fachwelt nicht unbeachtet. Bei einer Konferenz zur schlesischen Kunstgeschichte an der Universität Breslau wurde der Fund als „kunsthistorisches Erdbeben“ bezeichnet – ein starkes Wort, das jedoch die Tragweite der Entdeckung angemessen beschreibt. Denn die Sammlung verändert nicht nur das Bild, das sich die Forschung von Joseph Langer als Künstler und Denkmalpfleger gemacht hat. Sie wirft auch ein neues Licht auf die Sammlungskultur im späten Kaiserreich, auf die verschlungenen Wege, die Kunstwerke im 20. Jahrhundert genommen haben, und auf die Frage, wie viel schlesisches Kulturerbe noch in polnischen Depots, Kellern und Dachböden auf seine Entdeckung wartet.

Besonders die Passeri-Zeichnung rückte die Sammlung in einen internationalen Kontext. Dass sich die vierte bekannte Vorstudie zu einer Komposition, deren übrige Blätter in drei der renommiertesten graphischen Sammlungen der Welt aufbewahrt werden, in einem niederschlesischen Heizkeller befand, ist eine Geschichte, die für die Unberechenbarkeit des Kunstmarkts und der historischen Überlieferung steht. Sie erinnert daran, dass die Kunstgeschichte nicht nur in Museen und Archiven geschrieben wird, sondern gelegentlich auch in jenen Räumen, die niemand einer Inspektion für würdig hält.

Die Zukunft der Sammlung Langer ist noch nicht endgültig entschieden. Der Bestand bedarf einer umfassenden konservatorischen Bearbeitung, viele Stücke müssen restauriert, katalogisiert und wissenschaftlich erschlossen werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Aufmerksamkeit, die der Bielefelder Ausstellung zuteil wurde, den Anstoß für eine dauerhafte Sicherung und Erforschung dieses außergewöhnlichen Bestandes gibt. Joseph Langer, der schlesische Maler und Denkmalpfleger, hat es verdient, dass sein Name und sein Vermächtnis nicht abermals in Vergessenheit geraten.

Weiterführende Literatur

  • Dominik Petruk (Hrsg.): Die Sammlung Langer – Wiederentdeckte Kunst aus Schlesien. Ausstellungskatalog, KLEPSYDRA e.V., Münster 2002.
  • Hans Lutsch: Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz Schlesien. Breslau 1886–1903.
  • Agnieszka Gaąsior / Michaela Marek (Hrsg.): Kunstgeschichte in den besetzten Gebieten 1939–1945. Böhlau Verlag, Köln 2012.
  • Beate Störtkuhl: Moderne Architektur in Schlesien 1900–1939. Oldenbourg Verlag, München 2013.

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