Es gibt Bücher, die man kennt, ohne sie gelesen zu haben. Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gehört zweifellos dazu. Sieben dicke Bände, die Pariser Gesellschaft von den 1870er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg, kolossale Satzgebäude, in denen man sich verlieren kann wie in den Straßen des Faubourg Saint-Germain – und ein Ruf, der selbst belesene Menschen einschüchtert. Alain de Botton hat mit Wie Proust Ihr Leben verändern kann ein Buch geschrieben, das diesen Ruf auf liebenswerte Weise unterläuft. Er nimmt Proust beim Wort und fragt: Was können wir von diesem exzentrischen Pariser tatsächlich für unser eigenes Leben lernen?
Das Monumentalwerk und seine Hürden
Beginnen wir mit den Fakten, die Proust-Neulinge zuverlässig abschrecken. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit umfasst sieben Bände, rund 4 000 Seiten und enthält Sätze von einer Länge, die jeden Deutschlehrer in den Wahnsinn treiben würde. Der längste Satz des Romans misst, auf Papier geschrieben, fast vier Meter. Proust selbst fand nichts dabei – er dachte in Perioden, nicht in Hauptwörtern.
Wer das Werk im französischen Original liest, hat es übrigens leichter. Die deutsche Übersetzung zwingt den Leser, auf das Verb zu warten, während sich Nebensatz an Nebensatz reiht – eine Geduldsprobe, die Proust so nicht beabsichtigt hatte. Im Französischen fließen seine Sätze natürlicher, beinahe musikalisch. Dennoch bleibt die Wahrheit: Es passiert nicht sonderlich viel in diesen sieben Bänden. Gesellschaftsempfänge, Eifersuchtsanfälle, Spaziergänge, Träumereien. Nur wenige Menschen haben alle sieben Bände tatsächlich gelesen – und noch weniger geben es offen zu.
Marcel Proust, 1871 in Auteuil bei Paris geboren und 1922 in Paris gestorben, war ein Mann von zarter Konstitution und unstillbarer Beobachtungsgabe. Asthmatiker seit der Kindheit, zog er sich in seinen letzten Lebensjahren in ein korkverkleidetes Zimmer zurück, um ungestört vom Lärm der Welt an seinem Mammutwerk zu arbeiten. Er schlief tagsüber und schrieb nachts, ernährte sich von Kaffee und Croissants und empfing Besucher nur, wenn er sich stark genug fühlte. Es war ein Leben im Dienst der Literatur – und der Erinnerung.
Denn darum geht es bei Proust im Kern: um die mémoire involontaire, die unwillkürliche Erinnerung. Jene berühmte Episode, in der der Erzähler eine Madeleine in Lindenblütentee taucht und plötzlich seine gesamte Kindheit in Combray vor sich auferstehen sieht, ist zum Inbegriff dieses Prinzips geworden. Ein Geschmack, ein Geruch, eine Berührung – und die Vergangenheit bricht mit einer Intensität herein, die kein bewusstes Erinnern je erreichen könnte. Proust machte aus dieser Beobachtung ein ästhetisches Programm und eines der einflussreichsten Werke der Moderne.
Wer den Einstieg wagen möchte, dem sei der erste Band empfohlen: Auf Swanns Seite (im Original: Du côté de chez Swann). Er erschien 1913 und enthält sowohl die Madeleine-Episode als auch die ergreifende Liebesgeschichte von Charles Swann und der Kokotte Odette – eine Geschichte, die man auch ohne Kenntnis der folgenden Bände genießen kann.
Dass es diesen ersten Band überhaupt gibt, grenzt an ein Wunder. Proust erntete zunächst nur Ablehnung. Alfred Humblot vom Verlag Ollendorff schrieb in seinem Ablehnungsbrief, er könne beim besten Willen nicht begreifen, wie ein Autor dreißig Seiten darauf verwenden könne zu beschreiben, wie er sich im Bett von einer Seite auf die andere dreht. Jacques Madeleine vom Verlag Fasquelle brachte es auf die ratlose Frage: „Wovon handelt das eigentlich alles?“ Proust ließ den Band schließlich auf eigene Kosten bei Grasset drucken. Der Rest ist Literaturgeschichte.
Alain de Bottons Zugang
Alain de Botton, 1969 in Zürich geboren und in England aufgewachsen, gehört zu jenen seltenen Autoren, die Philosophie und Literaturwissenschaft für ein breites Publikum aufbereiten können, ohne sie zu trivialisieren. Sein Buch Wie Proust Ihr Leben verändern kann, im englischen Original 1997 unter dem Titel How Proust Can Change Your Life erschienen und 2000 bei Fischer als Taschenbuch auf Deutsch herausgekommen, ist kein wissenschaftlicher Kommentar und keine Biografie. Es ist, wenn man so will, eine Gebrauchsanweisung.
De Botton nimmt Prousts Werk als Steinbruch praktischer Lebensweisheit und ordnet seine Funde in Kapitel, deren Überschriften wie die Rubriken eines Selbsthilfebuches klingen: „Wie man sich Zeit nimmt“, „Wie man erfolgreich leidet“, „Wie man in der Liebe glücklich wird“. Das ist natürlich augenzwinkernd gemeint. De Botton weiß genau, dass Proust kein Lebensberater war. Aber er zeigt überzeugend, dass in Prousts minutiƶsen Beobachtungen über Eifersucht, Gewohnheit, Langeweile und Schönheit mehr praktische Klugheit steckt als in manchem Ratgeber.
Der Ton des Buches ist heiter, geistreich und anekdotenreich. De Botton streut biografische Details über Proust ein, zitiert aus Briefen und Tagebucheinträgen, erzählt von Prousts Marotten – seinem obsessiven Briefeschreiben, seiner Großzügigkeit gegenüber Kellnern, seiner Neigung, Freundschaften durch überschwengliche Komplimente zu überfordern – und verknüpft all dies mit Einsichten aus dem Roman. Das Ergebnis ist ein Buch, das man an einem Nachmittag lesen kann und das einem Proust näherbringt, als es manches Seminar vermöchte.
Prousts Lehren für den Alltag
Was also lässt sich von Proust lernen? De Botton destilliert mehrere Lektionen heraus, die überraschend zeitgemäß wirken. Da ist zunächst die Kunst, genau hinzusehen. Proust war ein Meister der Aufmerksamkeit. Er konnte eine Hagedornhecke, einen Kirchturm oder das Lichtspiel auf einem Tischtuch so beschreiben, dass der Leser die Welt plötzlich mit neuen Augen sieht. De Botton argumentiert, dass wir im Alltag genau das verlernt haben: die Fähigkeit, das Gewöhnliche als etwas Bemerkenswertes wahrzunehmen.
Dann ist da die Frage des Leidens. Proust hielt Schmerz nicht für etwas, das man vermeiden sollte, sondern für eine Erkenntnisquelle. Wer nie gelitten hat, so seine Überzeugung, hat nie wirklich gelebt – und gewiss nie wirklich verstanden. De Botton erläutert diesen Gedanken am Beispiel der Eifersucht: Erst Swanns qualvolle Eifersucht auf Odette lässt ihn die Tiefe seiner Liebe begreifen. Ein Trost, der zugegebenermaßen nur mäßig tröstlich ist – aber Proust hat auch nie behauptet, das Leben sei einfach.
Besonders einleuchtend ist de Bottons Kapitel über die Gewohnheit. Proust erkannte, dass die Gewohnheit unser größter Feind ist – nicht weil sie uns bequem macht, sondern weil sie uns blind macht. Wir sehen unsere Wohnung nicht mehr, unseren Partner nicht mehr, unsere Stadt nicht mehr, weil wir sie jeden Tag sehen. Proust empfahl das Reisen als Gegenmittel, aber nicht um der Sehenswürdigkeiten willen, sondern weil der fremde Blick die Aufmerksamkeit schärft. Wenn Sie nach der Lektüre von de Bottons Buch Ihre Straße mit anderen Augen sehen, hat Proust seine Wirkung getan.
Wer nach der Lektüre dieses Buches Appetit auf mehr von Alain de Botton bekommt, sei auf seine weiteren Werke verwiesen: The Art of Travel (2002), das die Philosophie des Reisens erkundet, und Trost der Philosophie (The Consolations of Philosophy, 2000), in dem de Botton ähnlich wie im Proust-Buch große Denker nach ihrer Alltagstauglichkeit befragt. De Bottons Methode ist stets dieselbe: Er nimmt das Erhabene und zeigt, dass es uns etwas angeht.
Ein Buch für Proust-Neulinge und Kenner
Der größte Verdienst von Wie Proust Ihr Leben verändern kann besteht darin, dass es einen neuen Zugang zu einem Autor eröffnet, vor dem viele Leser zurückschrecken. De Botton beweist, dass man Proust nicht in voller Länge gelesen haben muss, um ihn zu schätzen. Er bietet Prousts Gedankenwelt in handlichen Portionen an – ohne sie zu verkürzen. Wer den Roman bereits kennt, wird in de Bottons Darstellung vertraute Szenen in neuem Licht sehen. Wer ihn nicht kennt, wird vielleicht zum ersten Mal den Wunsch verspüren, sich auf das Abenteuer einzulassen.
Und genau darin liegt der Wert solcher Bücher. Die großen Werke der Literatur brauchen Vermittler – Menschen, die die Angst vor dem Monumentalen nehmen und zeigen, dass hinter den tausenden von Seiten ein Autor steht, der über dieselben Dinge nachdachte wie wir: über Liebe und Verlust, über die Flucht der Zeit und die Frage, was ein gutes Leben ausmacht. Proust, dieser korkummauerte Nächtearbeiter, hatte auf viele dieser Fragen Antworten, die nichts von ihrer Frische verloren haben. Man muss nur jemanden finden, der sie einem in verständlicher Form zugänglich macht. Mit Alain de Botton hat Proust einen solchen Vermittler gefunden – charmant, klug und mit einer Leichtigkeit, die Proust selbst vermutlich genossen hätte.
Literatur
- Alain de Botton: Wie Proust Ihr Leben verändern kann. Aus dem Englischen von Helmut Frielinghaus. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2000.
- Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Übersetzt von Eva Rechel-Mertens, revidiert von Luzius Keller. 7 Bde. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1994–2002.
