„Können Sie mir fünf amerikanische Autoren seit Poe nennen, die nicht an Trunksucht gestorben sind?“ Diese Frage stellte Sinclair Lewis einmal einem Journalisten – und es war keine rhetorische Übertreibung. Lewis, selbst Nobelpreisträger und selbst Alkoholiker, wusste, wovon er sprach. Dass der Zusammenhang zwischen Alkohol und Literatur mehr ist als ein romantisches Klischee, zeigt Donald W. Goodwin in seinem Buch Alkohol & Autor, das im Suhrkamp Taschenbuch Verlag erschienen ist. Es ist ein Buch, das man mit Vergnügen liest – und mit einem leisen Unbehagen zurücklegt.
Goodwins Frage
Donald W. Goodwin ist Psychiater, Literaturwissenschaftler und Journalist – eine ungewöhnliche Dreifachbegabung, die ihn zum idealen Autor für dieses Thema macht. Seit seinem siebten Lebensjahr, so berichtet er, faszinierten ihn zwei Dinge gleichermaßen: Literatur und Alkohol. Als Kind las er Hemingway und beobachtete die Erwachsenen beim Trinken; als Erwachsener wurde er zum Fachmann für beides. Alkohol & Autor ist das Ergebnis dieser doppelten Leidenschaft: ein Buch, das die Frage stellt, warum so auffällig viele Schriftsteller dem Alkohol verfallen – und ob Alkoholismus und literarische Begabung möglicherweise dieselbe Wurzel haben.
Goodwin nähert sich seinem Gegenstand nicht mit der Strenge des Klinikers, sondern mit der Neugier des Erzählers. Er schreibt anekdotenreich, unterhaltsam, bisweilen mit jenem leicht ironischen Ton, den man von den besseren angelächsischen Sachbüchern kennt. Das macht die Lektüre zu einem Vergnügen – birgt aber auch die Gefahr, dass die Schwere des Themas gelegentlich hinter den guten Geschichten verschwindet.
Die Statistik der trinkenden Nobelpreisträger
Die Zahlen, die Goodwin zusammenträgt, sind eindrücklich. Unter allen Berufsgruppen sterben Schriftsteller am zweithäufigsten an Leberzirrhose – übertroffen nur von Barkeepern. Und unter den amerikanischen Literaturnobelpreisträgern waren sieben von zehn Alkoholiker. Goodwin geht die Liste systematisch durch: Sinclair Lewis, der erste amerikanische Nobelpreisträger für Literatur, war ein schwerer Trinker, der im römischen Exil einsam starb. Eugene O’Neill war ebenfalls ein starker Alkoholiker. Pearl Buck, die einzige Frau in der Reihe, trank wenig – verdiente den Preis nach Goodwins Urteil aber auch kaum. William Faulkner und Ernest Hemingway waren notorische Alkoholiker. John Steinbeck stand an der Grenze. Saul Bellow trank mäßig. T. S. Eliot war britischer Staatsbürger geworden. Isaac Bashevis Singer schrieb auf Jiddisch.
Was bleibt, ist eine Quote, die jedem Statistiker zu denken geben würde. Alkoholismus ist unter amerikanischen Schriftstellern nicht die Ausnahme, sondern beinahe die Regel. Goodwin fragt: Ist das Zufall? Oder gibt es eine tiefere Verbindung zwischen dem Trinken und dem Schreiben?
Parallelen zwischen Alkoholiker und Schriftsteller
Goodwin arbeitet eine Reihe von Parallelen heraus, die den Alkoholiker und den Schriftsteller verbinden. Beide sind Einzelgänger, die einen Weg gefunden haben, „nicht allein zu sein“. Der Autor erschafft sich seine Gesellschaft in der Fiktion; der Trinker findet sie am Tresen. Beide verfügen über eine ausgeprägte Einbildungskraft – der eine nutzt sie für die Literatur, der andere für die Selbsttäuschung. Beide suchen ein psychologisches Refugium, einen Ort jenseits der Alltagswirklichkeit. Und beide leben in einem prekären Verhältnis zur Welt: zu empfindlich für ihre Brutalität, zu hellsichtig für ihre Banalität.
Es sind bestechende Beobachtungen, auch wenn Goodwin selbst einräumt, dass Parallelen noch keine Erklärungen sind. Nicht jeder Einzelgänger wird Schriftsteller, und nicht jeder Trinker hat Phantasie. Doch die Koinzidenz ist so auffällig, dass sie nach Deutung verlangt. Goodwin liefert diese Deutung in acht biographischen Porträts, die das Kernstück seines Buches bilden.
Edgar Allan Poe: Der Ehrenvorsitzende
Den Anfang macht Edgar Allan Poe, den Goodwin zum „Ehrenvorsitzenden“ aller trinkenden Autoren ernennt. Poe, der Erfinder der Kriminalerzählung und Meister des literarischen Grauens, war zeitlebens vom Alkohol gezeichnet. Seine Trinkexzesse waren legendär und gingen weit über das gesellschaftlich Übliche hinaus. Schon geringe Mengen Alkohol konnten ihn in einen Zustand völliger Umnachtung versetzen – eine ungewöhnliche Empfindlichkeit, die Goodwin aus psychiatrischer Sicht analysiert. Poe starb 1849 unter ungeklärten Umständen; man fand ihn bewusstlos vor einer Kneipe in Baltimore. Er war vierzig Jahre alt.
Goodwins Porträt Poes ist eines der stärksten Kapitel des Buches, weil hier die doppelte Perspektive – medizinisch und literarisch – besonders gut gelingt. Er zeigt, wie Poes düstere Phantasie sich aus denselben Quellen speiste wie sein Alkoholismus: aus Angst, Einsamkeit und einem unstillbaren Verlangen nach dem Außergewöhnlichen.
Fitzgerald und Hemingway: Rivalität und Rausch
Das Kapitel über F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway liest sich wie ein Doppelporträt zweier Antipoden, die einander brauchten und zerstörten. Fitzgerald, der Chronist des Jazz Age, wurde früh vom Erfolg verwöhnt – Der große Gatsby machte ihn zum Starautor – und ebenso früh vom Alkohol ruiniert. Seine Frau Zelda versank im Wahnsinn, sein Talent versiegte, die Schreibblockaden wurden länger als die produktiven Phasen. Fitzgerald starb mit vierundvierzig Jahren an einem Herzinfarkt, ein gebrochener Mann.
Hemingway und Alkohol – das ist eine eigene Geschichte, die Goodwin mit besonderer Sorgfalt erzählt. Hemingways Trinken war kein heimliches Laster, sondern inszeniertes Ritual. In seiner Stammbar La Floridita in Havanna bestellte er sechzehn doppelte Frozen Daiquiris an einem Abend – eine Menge, die selbst hartgesottene Trinker fassungslos machte. Goodwin deutet Hemingways exzessiven Alkoholkonsum als Ausdruck einer „Kontraphobie“: Hemingway, der zeitlebens von Ängsten geplagt war, ging seinen Fürchtungen entgegen, statt vor ihnen zu fliehen. Er suchte den Krieg, die Stierkämpfe, die Großwildjagd – und den Alkohol. Das Trinken war Teil jener männlichen Selbstinszenierung, die sein Werk wie sein Leben durchzog.
Die Rivalität zwischen Fitzgerald und Hemingway, die Goodwin kenntnisreich nachzeichnet, war auch eine Rivalität des Trinkens. Hemingway verachtete Fitzgerald für dessen Schwäche im Umgang mit dem Alkohol – während er selbst dem Whiskey und Daiquiri nicht weniger verfallen war, es nur besser verbarg. Am Ende zerstörte der Alkohol beide: Fitzgerald früh und leise, Hemingway spät und laut.
Steinbeck, Simenon und Faulkner
John Steinbeck, der Autor der Früchte des Zorns, war nach Goodwins Einschätzung ein Grenzfall. Er trank viel, aber nicht unkontrolliert. Für die Nobelpreisverleihung in Stockholm blieb er nüchtern – eine Disziplinleistung, die Goodwin mit trockenem Humor vermerkt. Steinbeck war kein Alkoholiker im klinischen Sinne, aber ein Autor, dessen Leben ohne Alkohol kaum denkbar war.
Georges Simenon, der Schöpfer des Kommissars Maigret und einer der produktivsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, bietet Goodwin ein faszinierendes Fallbeispiel für die Rolle des kulturellen Kontextes. In Europa, wo Wein zum Essen gehörte und mäßiges Trinken die Norm war, blieb Simenon ein kontrollierter Trinker. In den Vereinigten Staaten, wohin er nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte, wurde er zum Alkoholiker. Die Isolation des amerikanischen Landlebens, das Fehlen der europäischen Trinkkultur und die Einsamkeit des Exils taten ihr Übriges.
William Faulkner, der große Erzähler des amerikanischen Südens, war ein Trinker von heroischem Ausmaß. Goodwin zitiert Faulkners berühmten Satz: „Lieber Kummer als gar nichts.“ Faulkner trank, um zu fühlen – und er trank, um nicht zu fühlen. In Hollywood, wohin er ging, um Drehbücher zu schreiben und Geld zu verdienen, trank er mit Humphrey Bogart und Clark Gable. Die Anekdoten, die Goodwin aus dieser Zeit berichtet, sind so komisch wie erschütternd.
O’Neill und Lowry: Schreiben im Rausch
Eugene O’Neill, Amerikas bedeutendster Dramatiker und Nobelpreisträger von 1936, stammte aus einer irischen Familie, in der das Trinken zum kulturellen Erbe gehörte. In seiner Jugend trank er hemmungslos; später wurde er abstinent – und verwandelte sich in einen Tyrannen. O’Neills Nüchternheit war nicht weniger destruktiv als sein Trinken: Er verstieß seine Kinder und brach mit fast allen Menschen, die ihm nahestanden. Seine Tochter Oona heiratete Charlie Chaplin – O’Neill sprach nie wieder mit ihr. Die autobiographischen Dramen, die er in seinen letzten Jahren schrieb – Eines langen Tages Reise in die Nacht vor allem –, sind die schonungsloseste Abrechnung mit einer trinkenden Familie, die die Literatur kennt.
Das letzte und vielleicht ergreifendste Porträt widmet Goodwin dem englischen Schriftsteller Malcolm Lowry, dessen Roman Unter dem Vulkan als eines der großen Meisterwerke der Moderne gilt. Lowry war ein Alkoholiker von solcher Schwere, dass sein ganzes Leben einer einzigen langen Trinkperiode glich, unterbrochen von kurzen Phasen erzwungener Nüchternheit. Er litt unter Syphilophobie – der wahnhaften Angst, an Syphilis erkrankt zu sein – und floh vor der Welt in eine Hütte an der Küste von British Columbia, wo er jahrelang in völliger Isolation lebte und trank und schrieb. Jean-Paul Sartre soll über Unter dem Vulkan gesagt haben, es sei das beste Buch, das er je gelesen habe. Lowry starb 1957 unter ungeklärten Umständen – offiziell an einer Überdosis Schlaftabletten, vielleicht in Verbindung mit Alkohol.
Keine einfache Antwort
Am Ende seines Buches liefert Goodwin keine einfache Antwort auf seine Ausgangsfrage. Haben Alkoholismus und literarische Begabung dieselbe Wurzel? Vielleicht, sagt er – aber der Zusammenhang ist komplexer, als jede Formel es fassen könnte. Die acht Schriftsteller, die er porträtiert, waren so verschieden wie ihre Werke. Poe trank aus Verzweiflung, Hemingway aus Trotz, Faulkner aus Melancholie, O’Neill aus Tradition. Was sie verband, war nicht der Alkohol selbst, sondern eine bestimmte Art, in der Welt zu stehen: verwundbar, wachsam, getrieben von dem Bedürfnis, das Leben in Sprache zu verwandeln – und von der Erfahrung, dass dieses Bedürfnis allein nicht genügt.
Goodwins Buch ist charmant, anekdotenreich und hervorragend geschrieben. Es verleitet dazu, die porträtierten Autoren zu lesen – und sich dabei ein Glas einzuschenken. Darin liegt seine Stärke und zugleich seine Schwäche: Gelegentlich geraten die Trinkgeschichten so unterhaltsam, dass der Alkoholismus als das verschwindet, was er ist – eine Krankheit, die Leben und Talente zerstört. Goodwin weiß das; er ist schließlich Psychiater. Aber der Erzähler in ihm siegt bisweilen über den Arzt. Was bleibt, ist ein Buch, das man mit Gewinn und Vergnügen liest – und das eine Frage aufwirft, die auch nach der letzten Seite nicht beantwortet ist.
Literatur
- Donald W. Goodwin: Alkohol & Autor. Einer trinkt mehr als der andere. Suhrkamp Taschenbuch 3087. Frankfurt a. M. 2000.
- Tom Dardis: The Thirsty Muse. Alcohol and the American Writer. New York 1989.
- Olivia Laing: The Trip to Echo Spring. Why Writers Drink. Edinburgh 2013.
- Malcolm Lowry: Unter dem Vulkan. Roman. Deutsch von S. Rademacher. Reinbek 1984.
- Ernest Hemingway: Paris – ein Fest fürs Leben. Deutsch von A. Horschitz-Horst. Reinbek 1999.
