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Von der Bananenplantage in den politischen Diskurs: Die Geschichte der Bananenrepublik

Die Banane in unserem Alltag

Bananen gehören zu den beliebtesten Früchten der Deutschen. Wir essen sie frisch, gebacken, mit Schokolade überzogen oder im Müsli. Kinder lieben sie, Sportler schwören auf ihre schnell verfügbaren Kohlenhydrate, und in der Küche finden sie sich in Smoothies, auf Pfannkuchen und in Kuchen aller Art. Was die wenigsten beim morgendlichen Griff zur gelben Frucht bedenken: Hinter der harmlosen Banane verbirgt sich eine der dunkelsten Geschichten des internationalen Handels – und ein Wort, das es im Jahr 1984 bis zum deutschen Wort des Jahres brachte.

Von der Bananenplantage in den politischen Diskurs: Die Geschichte der Bananenrepublik

Denn wer Bananenrepublik sagt, meint längst nicht mehr nur ein tropisches Land mit großen Plantagen. Der Begriff hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich: von der literarischen Erfindung eines amerikanischen Schriftstellers über die politische Realität Mittelamerikas bis hin zum Schlagwort in deutschen Parlamentsdebatten. Diese Geschichte verdient es, erzählt zu werden.

O. Henry und die Erfindung eines Begriffs

Die Bedeutung des Wortes Bananenrepublik lässt sich nicht verstehen, ohne einen Blick auf seinen Schöpfer zu werfen. Der amerikanische Schriftsteller William Sydney Porter, besser bekannt unter seinem Pseudonym O. Henry, veröffentlichte 1904 den Erzählband Cabbages and Kings („Kohl und Könige“). Darin beschrieb er ein fiktives Land namens Anchuria – ein kleiner mittelamerikanischer Staat, dessen gesamte Wirtschaft vom Bananenexport abhing und dessen Regierung nach Belieben von ausländischen Handelsgesellschaften ausgetauscht werden konnte.

O. Henry wusste, wovon er schrieb. Er hatte sich zwischen 1896 und 1897 in Honduras aufgehalten, wohin er vor einer Anklage wegen Unterschlagung in den Vereinigten Staaten geflohen war. In Honduras beobachtete er aus nächster Nähe, wie US-amerikanische Unternehmen das politische Leben des Landes kontrollierten. Aus diesen Erfahrungen formte er den Begriff banana republic – ein Ausdruck, der schnell über die Literatur hinaus Verwendung fand und zum festen Bestandteil des politischen Wortschatzes wurde.

Die United Fruit Company und ihre Macht

Was O. Henry in seinem Roman fiktionalisierte, war in der Realität vor allem das Werk eines einzigen Unternehmens: der United Fruit Company, gegründet 1899 in Boston. Dieses Unternehmen – von seinen Kritikern spöttisch „El Pulpo“ (der Krake) genannt – erwarb riesige Landflächen in Guatemala, Honduras, Costa Rica, Kolumbien und weiteren Ländern Lateinamerikas. Es kontrollierte nicht nur den Anbau und Export von Bananen, sondern auch Eisenbahnlinien, Häfen und Telegrafennetze. In manchen Staaten besaß die United Fruit Company mehr Land als die Regierung selbst.

Der Einfluss des Unternehmens ging weit über das Wirtschaftliche hinaus. Seit den 1950er Jahren ist dokumentiert, wie die Company gezielt in die Politik mittelamerikanischer Staaten eingriff. Regierungen, die ihren Interessen zuwiderliefen, wurden destabilisiert; genehme Politiker wurden gefördert. Der berüchtigtste Fall war der Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Jacobo Árbenz in Guatemala im Jahr 1954. Die CIA unterstützte den Staatsstreich auf Drängen der United Fruit Company, die durch eine geplante Landreform Enteignungen fürchtete. Solche Vorgänge machten den Begriff „Bananenrepublik“ zur politischen Realität: Länder, in denen ein Konzern mächtiger war als der Staat.

Katastrophale Zustände auf den Plantagen

Hinter der globalen Verfügbarkeit billiger Bananen standen und stehen menschliche Tragödien. Die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Plantagen Mittelamerikas lebten unter katastrophalen Bedingungen. Die Löhne waren minimal, die Arbeitszeiten lang, und die Unterkünfte erinnerten vielfach an Barackenlager. Besonders gefährlich war der Einsatz von Pestiziden, die oft ohne jeden Schutz auf die Felder gesprüht wurden – nicht selten, während die Arbeiter noch zwischen den Stauden standen.

Dibromchlorpropan (DBCP), ein Mittel gegen Fadenwurm-Befall, wurde jahrzehntelang auf Bananenplantagen eingesetzt, obwohl seine schädliche Wirkung auf die menschliche Gesundheit bekannt war. Tausende Plantagenarbeiter erlitten schwere gesundheitliche Schäden, von Unfruchtbarkeit bis zu Krebserkrankungen. Als die Substanz 1979 in den USA verboten wurde, gelangte sie über Exporte weiterhin nach Lateinamerika. Erst nach jahrelangen Prozessen erhielten einige der Betroffenen Entschädigungen – Beträge, die angesichts des erlittenen Leids kaum der Rede wert waren.

Wenn jemand heute also das Wort Bananenrepublik benutzt, schwingt – ob bewusst oder nicht – diese Geschichte mit: eine Geschichte von Ausbeutung, Abhängigkeit und der Rücksichtslosigkeit multinationaler Konzerne.

Wussten Sie?

„Bananenrepublik“ wurde im Jahr 1984 von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gewählt – im Zusammenhang mit der Flick-Affäre, dem bis dahin größten Parteispendenskandal der Bundesrepublik.

Vom Exportprodukt zum politischen Schlagwort

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Bedeutung des Wortes Bananenrepublik erheblich gewandelt. Ursprünglich bezeichnete es konkret jene mittelamerikanischen Staaten, deren Wirtschaft von einem einzigen Exportgut – der Banane – abhing und deren politische Souveränität durch den Einfluss ausländischer Konzerne untergraben war. Seit den 1960er und 1970er Jahren jedoch löste sich der Begriff von dieser geographischen Bindung.

Heute wird Bananenrepublik als allgemeines Schimpfwort für Staaten oder staatliche Institutionen verwendet, denen man Korruption, Misswirtschaft, Vetternwirtschaft oder mangelnde Rechtsstaatlichkeit vorwirft. Das Wort dient als rhetorische Keule: Wer einen Staat als Bananenrepublik bezeichnet, spricht ihm im Grunde die politische Reife ab. Es ist ein Ausdruck, der bewusst provoziert und vereinfacht – und gerade deshalb in politischen Debatten so beliebt ist.

„Bananenrepublik Deutschland“?

Die Abkürzung BRD – Bundesrepublik Deutschland – lässt sich bekanntlich auch anders auflösen: Bananenrepublik Deutschland. Diese sarkastische Umdeutung ist in der deutschen politischen Debatte seit Jahrzehnten geläufig, und sie taucht verlässlich immer dann auf, wenn Skandale die Republik erschüttern.

Den Höhepunkt erreichte diese Verwendung Anfang der 1980er Jahre. Die Flick-Affäre – ein Parteispendenskandal, in den Politiker aller großen Parteien verwickelt waren – erschien vielen Bürgern als Beleg dafür, dass Wirtschaftsinteressen und Politik in der Bundesrepublik unzulässig verflochten seien. Der Industriekonzern Flick hatte über Jahre hinweg verdeckte Zahlungen an CDU, CSU, FDP und SPD geleistet, um politische Entscheidungen zu beeinflussen. Als das Ausmaß der Zahlungen bekannt wurde, war die Empörung gewaltig. „Bananenrepublik“ wurde zum Schlachtruf der Kritiker – und 1984 zum Wort des Jahres gekürt.

Doch die Flick-Affäre blieb kein Einzelfall. Bei der CDU-Spendenaffäre Ende der 1990er Jahre, als Altbundeskanzler Helmut Kohl die Herkunft anonymer Parteispenden nicht offenlegen wollte, lebte der Vorwurf erneut auf. Und auch bei späteren Skandalen – von der Maskenaffäre bis zu Vorwürfen der Vetternwirtschaft auf Landes- und Kommunalebene – greifen Kommentatoren regelmäßig zum Begriff der Bananenrepublik.

Ein Wort in vielen Sprachen

Bemerkenswert ist, dass der Begriff in nahezu identischer Form in zahlreichen Sprachen existiert. Im Englischen spricht man von der banana republic, im Französischen von der république bananière, im Spanischen von der república bananera und im Italienischen von der repubblica bananiera. Die Universalität des Begriffs zeigt, dass das Phänomen, das er beschreibt – korrupte, von äußeren Interessen abhängige Staaten –, als weltweit bekannt gilt.

Auch in der Populärkultur hat die Bananenrepublik ihre Spuren hinterlassen. Der deutsche Rockmusiker Udo Lindenberg veröffentlichte 1981 den Song „Bananenrepublik“, in dem er die politischen Verhältnisse der Bundesrepublik satirisch aufs Korn nahm. Das Lied wurde zu einem seiner bekanntesten Stücke und trug dazu bei, den Begriff im deutschsprachigen Raum populär zu machen. Lindenbergs Version war dabei typisch für die deutsche Verwendung: Es ging nicht um Mittelamerika, sondern um die Zustände im eigenen Land.

Erwähnenswert ist zudem die 1978 in San Francisco gegründete Modemarke Banana Republic, die den Namen bewusst ironisch wählte und mit einer Kolonialästhetik warb. Was als Nischenunternehmen für Safari-Kleidung begann, entwickelte sich zu einer weltweit tätigen Modekette – eine bemerkenswerte Bedeutungsverschiebung von der politischen Anklage zum Lifestyle-Label.

Ist der Begriff noch zeitgemäß?

In jüngerer Zeit mehren sich die Stimmen, die den Begriff Bananenrepublik kritisch hinterfragen. Sprachwissenschaftler und Politologen weisen darauf hin, dass der Ausdruck eine problematische Hierarchie zwischen vermeintlich „reifen“ und „unreifen“ Demokratien aufbaut. Wenn ein europäischer Kommentator ein anderes Land als Bananenrepublik bezeichnet, schwingt darin eine koloniale Herablassung mit, die den tatsächlichen historischen Ursachen – nämlich der Einmischung westlicher Mächte – nicht gerecht wird.

Andere argumentieren, der Begriff habe sich längst so weit von seinem Ursprung gelöst, dass er als allgemeines politisches Schlagwort keinen spezifisch abwertenden Bezug zu Lateinamerika mehr trage. Wenn jemand heute „Bananenrepublik Deutschland“ sagt, denkt er kaum an Honduras oder Guatemala, sondern an Korruption und Staatsversagen im eigenen Land.

Wie auch immer man zu dieser Debatte steht – die Geschichte des Begriffs zeigt auf eindrückliche Weise, wie ein Wort durch die Jahrzehnte wandert und dabei seine Bedeutung verändert, ohne seine Schärfe zu verlieren. Von O. Henrys literarischer Erfindung über die reale Macht der United Fruit Company bis hin zur Flick-Affäre und den Schlagzeilen unserer Tage: Die Bananenrepublik bleibt ein Wort, das stets genau dann auftaucht, wenn Bürger das Vertrauen in ihre politischen Institutionen verlieren. Dass es bald aus dem Sprachgebrauch verschwinden könnte, erscheint – leider oder zum Glück – eher unwahrscheinlich.

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