Was bedeutet „es faustdick hinter den Ohren haben“?
Wer es faustdick hinter den Ohren hat, gibt sich nach außen harmlos, freundlich und unscheinbar – und ist in Wahrheit schlau, gerissen und nicht selten durchtrieben. Die Redewendung beschreibt einen Menschen, dem man seine Verschlagenheit nicht ansieht, der aber im entscheidenden Moment mit Überraschungen aufwartet, die sein Gegenüber nicht erwartet hätte. Es ist eine jener deutschen Wendungen, die Bewunderung und Warnung zugleich enthalten: Wer so charakterisiert wird, ist einerseits geschickt, andererseits nicht ganz zu trauen.
Die Bedeutung von faustdick hinter den Ohren hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Bereits in den frühesten Belegen meint der Ausdruck genau das, was er heute meint: verborgene Schlauheit, die hinter einer harmlosen Fassade lauert. Das Bild ist dabei überaus anschaulich – faustdick, also so dick wie eine Faust, sitzt die List gleichsam hinter den Ohren verborgen. Doch woher stammt diese eigenartige Vorstellung? Die Antwort führt tief in den mittelalterlichen Aberglauben und später in die Irrwege der frühneuzeitlichen Wissenschaft.
Faustdick hinter den Ohren – Bedeutung
Es faustdick hinter den Ohren haben bedeutet: äußerlich harmlos wirken, aber in Wahrheit schlau und gerissen sein. Die Wendung geht auf den alten Volksglauben zurück, dass Verschlagenheit als körperliche Schwellung hinter den Ohren sichtbar werde – bei besonders listigen Menschen angeblich faustdick.
Dämonen hinter dem Ohr: Der mittelalterliche Ursprung
Der Ursprung der Redewendung liegt in einem weitverbreiteten Volksglauben des Mittelalters. Die Menschen jener Zeit waren überzeugt, dass unsichtbare Wesen – Dämonen, Kobolde oder kleine Teufel – im menschlichen Körper hausen und dort bestimmte Eigenschaften hervorrufen konnten. Besonders die Region hinter den Ohren galt als bevorzugter Sitz dieser Geister. Man stellte sich vor, dass dort, hinter der knochigen Erhebung des Schädels, jene Wesen lauerten, die einem Menschen List, Tücke und Verschlagenheit einflüsterten.
Je listiger ein Mensch war, desto größer und zahlreicher mussten die Dämonen hinter seinen Ohren sein – so die Logik des Aberglaubens. Bei besonders gerissenen Zeitgenossen, so hieß es, seien die faustdicken Wülste hinter den Ohren geradezu zu spüren. Die Schwellung war natürlich nicht real, doch das Bild prägte sich so tief in die Volksvorstellung ein, dass es bis heute in der Sprache fortlebt.
Dieser Dämonenglaube war keineswegs auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. In vielen europäischen Kulturen galten bestimmte Körperstellen als Eintrittspforten für übernatürliche Wesen. Die Ohren spielten dabei eine besondere Rolle, denn sie galten als Organe der Versuchung: Durch das Ohr flüsterte der Teufel seine Eingebungen, durch das Ohr drangen die verführerischen Stimmen, die den Menschen auf Abwege brachten. In der mittelalterlichen Ikonografie findet sich dieses Motiv vielfach – auf Kirchenportalen und in Buchmalereien sieht man kleine Dämonen, die sich an die Ohren von Sündern schmiegen.
Phrenologie und Physiognomik – die vermessene Schlauheit
Was im Mittelalter noch reiner Aberglaube war, versuchte man in der Frühen Neuzeit wissenschaftlich zu untermauern. Die Physiognomik, also die Lehre, vom Äußeren eines Menschen auf seinen Charakter zu schließen, hat eine lange Geschichte, die bis in die Antike zurückreicht. Aristoteles befasste sich mit dem Zusammenhang von Körperform und Seelenleben, und im 18. Jahrhundert erlebte die Disziplin durch den Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater einen regelrechten Boom. Lavaters Physiognomische Fragmente (1775–1778) fanden in ganz Europa begeisterte Leser und prägten die Vorstellung, dass sich Charakter im Gesicht und am Schädel ablesen lasse.
Noch einen Schritt weiter ging die Phrenologie, die der Wiener Arzt Franz Joseph Gall um 1800 begründete. Gall behauptete, verschiedene geistige Fähigkeiten und Charaktereigenschaften seien in bestimmten Hirnregionen lokalisiert, und die Stärke dieser Eigenschaften lasse sich an der Form des Schädels ablesen. Wer also besonders verschlagen war, dessen Schädel müsse an der entsprechenden Stelle besonders ausgeprägt sein. Die Region hinter den Ohren – von Gall dem „Erwerbssinn“ und der „Schlauheit“ zugeordnet – rückte damit in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Die Phrenologie ist längst als Pseudowissenschaft entlarvt, doch sie lieferte der alten Redensart eine scheinbar rationale Grundlage. Wer es faust dick hinter den Ohren hatte, besaß demnach eine messbare anatomische Besonderheit. Dass sich die Wendung so zäh in der deutschen Sprache gehalten hat, dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass sie über Jahrhunderte hinweg von unterschiedlichen Erklärungsmodellen gestützt wurde – erst vom Dämonenglauben, dann von der Physiognomik, schließlich von der Phrenologie.
Martin Luther und die Sprache der Gerissenheit
Martin Luther, der Meister der volkstümlichen deutschen Sprache, prägte zahlreiche Redewendungen, die bis heute lebendig sind. Auch wenn sich die exakte Wendung „faustdick hinter den Ohren“ in Luthers Schriften nicht wörtlich nachweisen lässt, so verwendete der Reformator doch ähnliche Bilder für List und Verschlagenheit. Luther sprach vom Teufel, der den Menschen „hinter den Ohren sitze“, und warnte vor jenen, die „mehr hinter den Ohren haben, als man meint“.
In Luthers Welt war die Vorstellung, dass hinter den Ohren verborgene Eigenschaften lauern, Allgemeingut. Seine Tischreden und Streitschriften sind voller körperbezogener Metaphern, mit denen er geistige und moralische Eigenschaften veranschaulichte. Der Körper war für den Reformator eine Landschaft der Seele, und die Ohren bildeten darin einen besonders aussagekräftigen Bereich. Diese Tradition der bildhaften Körpersprache prägte die deutsche Schriftsprache nachhaltig und schuf den fruchtbaren Boden, auf dem sich Wendungen wie faustdick hinter den Ohren haben dauerhaft verankern konnten.
Bemerkenswert ist, dass Luther die Gerissenheit nicht ausschließlich negativ bewertete. In seinen Fabeln und Gleichnissen tauchen immer wieder Figuren auf, die durch Klugheit und List überleben – der Fuchs, der Bauer, der kleine Mann, der den Mächtigen überlistet. In diesen Erzählungen schwingt eine gewisse Sympathie für denjenigen mit, der es faustdick hinter den Ohren hat – sofern er seine Gerissenheit für die richtige Sache einsetzt.
Der Körper in der deutschen Idiomatik
Die Redewendung „faustdick hinter den Ohren“ reiht sich in eine lange Tradition körperbezogener Redensarten ein, die den menschlichen Körper als Spiegel innerer Eigenschaften begreifen. Die deutsche Sprache ist reich an solchen Wendungen: Wer „die Nase vorn hat“, ist seinem Wettbewerber voraus. Wer „ein Auge auf etwas wirft“, bekundet Interesse. Wer „auf großem Fuß lebt“, gibt mehr aus, als er sich leisten kann. Und wer „Haare auf den Zähnen hat“, ist streitlustig und durchsetzungsfähig.
Die Ohren selbst begegnen in zahlreichen deutschen Idiomen: „Jemandem einen Floh ins Ohr setzen“ bedeutet, einen hartnäckigen Gedanken einzupflanzen. „Ganz Ohr sein“ heißt aufmerksam zuhören. „Sich etwas hinter die Ohren schreiben“ meint, sich etwas gut zu merken. Und wer „noch grün hinter den Ohren“ ist, dem fehlt es an Erfahrung – auch hier ist die Region hinter den Ohren der Ort, an dem sich eine Eigenschaft, nämlich die Unreife, manifestiert. Die Verwandtschaft mit faustdick hinter den Ohren ist offensichtlich: In beiden Fällen verrät die Stelle hinter dem Ohr etwas über das wahre Wesen eines Menschen.
Diese Fülle an körperbezogenen Idiomen ist kein Zufall. Der Körper war jahrhundertelang das nächstliegende Bezugssystem, um abstrakte Eigenschaften anschaulich zu machen. In einer Welt, in der die meisten Menschen weder lesen noch schreiben konnten, boten körperliche Bilder eine unmittelbar verständliche Sprache – ein visuelles Vokabular, das keiner Erklärung bedurfte.
Moderne Verwendung im Alltag
Im heutigen Deutsch ist „es faustdick hinter den Ohren haben“ nach wie vor geläufig und verständlich. Die Wendung hat sich von ihrem ursprünglichen Hintergrund – Dämonen, Phrenologie, Schädelkunde – vollständig gelöst und lebt als rein bildhafte Formel weiter. Im Alltag wird sie häufig mit einem Schmunzeln verwendet, um jemandem eine gewisse bewundernswerte Schlauheit zuzuschreiben: „Die kleine Lena hat es aber faustdick hinter den Ohren!“ – so sagt man über ein Kind, das seine Eltern geschickt um den Finger wickelt.
In den Medien begegnet die Redewendung ebenfalls regelmäßig. Besonders in der Berichterstattung über Politik und Wirtschaft dient sie dazu, Personen zu charakterisieren, die hinter einer unauffälligen Fassade strategisch geschickt agieren. Ein Verhandlungspartner, der „es faustdick hinter den Ohren hat“, wird als jemand beschrieben, den man nicht unterschätzen sollte. Die Wendung ist dabei selten abwertend; sie transportiert eher eine Mischung aus Respekt und leiser Warnung.
Auch in anderen Sprachen finden sich vergleichbare Bilder, wenngleich sie nicht dieselbe anatomische Präzision aufweisen. Das Englische kennt die Wendung to have more than meets the eye – mehr sein, als man auf den ersten Blick sieht –, und das Französische spricht von ne pas être né de la dernière pluie, womörtlich: nicht beim letzten Regen geboren sein. Diese Übersetzungen treffen den Kern der Bedeutung, doch das eigentümliche Bild der faustdicken Wülste hinter den Ohren bleibt ein Alleinstellungsmerkmal der deutschen Sprache – ein sprachliches Fossil, das von Dämonenglauben, Schädelvermessung und jahrhundertealter Volkserzählung gleichermaßen zeugt.
Wenn Ihnen also das nächste Mal jemand begegnet, der allzu harmlos lächelt und dabei stets die richtige Karte im Ärmel hat, dann wissen Sie: Dieser Mensch hat es womöglich faustdick hinter den Ohren – und die Dämonen, die dort einst gehaust haben sollen, sind nichts weiter als seine ganz eigene, stille Klugheit.
