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Sprechen ohne Stimme – Die Deutsche Gebärdensprache und ihre verborgene Welt

Eine Sprache der Hände – und des ganzen Körpers

Wenn in Berlin ein tauber Mensch einem anderen begegnet und sich mit ihm unterhält, geschieht etwas, das Hörende oft fasziniert und zugleich verunsichert: Zwei Menschen führen ein Gespräch, ohne einen einzigen hörbaren Laut von sich zu geben. Ihre Hände zeichnen Formen in die Luft, ihre Gesichter wechseln den Ausdruck, die Körper neigen sich vor und zurück – und doch ist jedes Wort, jede Nuance, jede Ironie so präzise wie in jedem gesprochenen Gespräch. Was hier stattfindet, ist Kommunikation in der Deutschen Gebärdensprache, kurz DGS – einer vollständigen, natürlich gewachsenen Sprache mit eigener Grammatik, eigenem Wortschatz und eigener Geschichte.

Sprechen ohne Stimme – Die Deutsche Gebärdensprache und ihre verborgene Welt

Allein in Berlin nutzen rund 7.000 taube Menschen die DGS als ihre primäre Kommunikationsform. Bundesweit schätzen Experten die Zahl der DGS-Nutzer auf etwa 80.000 Gehörlose sowie eine wachsende Zahl Schwerhöriger und Hörender, die die Sprache erlernt haben. Und doch wissen die meisten Hörenden erstaunlich wenig über diese Gebärdensprache in Deutschland – darüber, wie sie funktioniert, woher sie kommt und warum sie so viel mehr ist als bloßes „Fuchteln mit den Händen“.

Gebärdensprache-Zeichen: Wie Bedeutung entsteht

Die Bausteine einer Gebärde

Jedes Gebärdensprache-Zeichen setzt sich aus mehreren gleichzeitig ausgeführten Komponenten zusammen: der Handform, der Handstellung, dem Ausführungsort, der Bewegung und dem sogenannten Mundbild. Letzteres ist ein stummer Lippenabdruck des gesprochenen Wortes oder ein bedeutungstragendes Mundbild, das die Gebärde präzisiert. Gerade das Mundbild spielt in der DGS eine Rolle, die Nichteingeweihte häufig überrascht: Es kann den Unterschied zwischen zwei völlig verschiedenen Bedeutungen ausmachen.

Ein Beispiel, das Lernende der DGS früh kennenlernen, ist das Gebärdensprache-Symbol für „deutsch“ und „Polizei“. Beide Wörter werden mit derselben Handgeste ausgeführt – einem aufgerichteten Zeigefinger, der an die Stirn geführt wird und an die preußische Pickelhaube erinnert. Erst das Mundbild unterscheidet die Bedeutungen: Wer „deutsch“ meint, formt mit den Lippen das Wort „deutsch“; wer „Polizei“ meint, bewegt die Lippen entsprechend zu „Polizei“. Dieses Prinzip – identische Handbewegung, unterschiedliches Mundbild – zeigt, dass die deutsche Zeichensprache ein mehrschichtiges System ist, in dem manuelle und nicht-manuelle Komponenten zusammenwirken.

Varianten und Nuancen

Ebenso aufschlussreich ist das Gebärdenzeichen für „trinken“. Während im gesprochenen Deutsch ein einziges Verb genügt, kennt die DGS zahlreiche Varianten: eine Gebärde für das Trinken aus einer Tasse, eine andere für das Trinken aus einem Glas, eine dritte für das Trinken mit einem Strohhalm, eine vierte für das Trinken aus der Flasche. Jede dieser Gebärden ahmt die entsprechende Handhaltung ikonisch nach – ein Merkmal, das in vielen Gebärdensprache-Zeichen zu finden ist, auch wenn der ikonische Zusammenhang für Außenstehende nicht immer sofort erkennbar ist. Die DGS unterscheidet in solchen Fällen präziser als das gesprochene Deutsch: Wo die Lautsprache abstrahiert, bleibt die Gebärdensprache häufig am konkreten Bild.

Die Grammatik der DGS – eine eigenständige Struktur

Subjekt – Objekt – Verb

Einer der verbreitetsten Irrtümer über die DGS-Sprache lautet, sie sei lediglich eine visuelle Übersetzung des gesprochenen Deutsch. Das Gegenteil ist der Fall. Die Deutsche Gebärdensprache verfügt über eine eigene Grammatik, die sich in wesentlichen Punkten von der Grammatik des gesprochenen Deutsch unterscheidet. Die grundlegende Satzstellung in der DGS folgt dem Muster Subjekt – Objekt – Verb (SOV), nicht dem im Deutschen üblichen Subjekt – Verb – Objekt. Der Satz „Ich kaufe ein Buch“ würde in der DGS als „Ich Buch kaufen“ gebärdet.

Darüber hinaus nutzt die DGS den dreidimensionalen Raum vor dem Körper des Sprechers – den sogenannten Gebärdenraum – als grammatisches Mittel. Personen und Gegenstände werden an bestimmten Stellen im Raum platziert, und spätere Verweise auf diese Personen erfolgen durch Zeigen auf die jeweilige Stelle. Dieses Verfahren, in der Linguistik als Raumreferenz bezeichnet, hat keine direkte Entsprechung in Lautsprachen und ist ein Beleg dafür, dass Gebärdensprachen eigenständige linguistische Systeme darstellen.

Mimik als Grammatik

Besonders faszinierend ist die grammatische Funktion der Mimik. In der DGS sind Gesichtsausdrücke keine bloße emotionale Beigabe, sondern tragen grammatische Bedeutung. Hochgezogene Augenbrauen signalisieren eine Ja-Nein-Frage, zusammengezogene Augenbrauen markieren eine W-Frage (wer, was, wo, wann). Eine Verneinung wird nicht nur durch eine Handgebärde ausgedrückt, sondern häufig zugleich durch ein Kopfschütteln, das den gesamten verneinten Satzteil begleitet. Wer in der DGS kommuniziert, muss also Augen, Mund, Brauen, Kopf und Hände gleichzeitig koordinieren – ein Vorgang, der in seiner Komplexität dem Sprechen einer Lautsprache in nichts nachsteht.

DGS – Das Wichtigste im Überblick

Bezeichnung: Deutsche Gebärdensprache (DGS)

Sprachtyp: Natürliche, visuell-gestische Sprache mit eigener Grammatik

Sprecher: ca. 80.000 Gehörlose in Deutschland; allein in Berlin rund 7.000

Gesetzliche Anerkennung: Seit 2002 durch das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG)

Satzstellung: Subjekt – Objekt – Verb (SOV)

Besonderheiten: Raumreferenz, grammatische Mimik, Mundbild als bedeutungsunterscheidendes Element

Forschung: Institut für Deutsche Gebärdensprache, Universität Hamburg

DGS und LBG – zwei grundverschiedene Systeme

Ein häufiges Missverständnis betrifft die Verwechslung von DGS und LBG, den Lautsprachbegleitenden Gebärden. Während die DGS eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik ist, handelt es sich bei LBG um ein künstlich geschaffenes System, das die Grammatik des gesprochenen Deutsch verwendet und lediglich jedes gesprochene Wort durch eine Gebärde begleitet. LBG folgt der deutschen Wortstellung, kennt keine Raumreferenz und nutzt die Mimik nicht als grammatisches Mittel. Es ist, vereinfacht gesagt, gesprochenes Deutsch in Gebärden übersetzt – während DGS eine Sprache ist, die unabhängig vom Deutschen entstanden ist.

In der Praxis bevorzugen die meisten tauben Menschen in Deutschland die DGS, da sie als natürliche Sprache schneller, ausdrucksstärker und nuancierter ist. LBG findet hingegen vor allem im schulischen Kontext Verwendung, insbesondere in Förderschulen, die einen lautsprachorientierten Ansatz verfolgen. Die Debatte darüber, welches System in der Bildung bevorzugt werden sollte, ist Teil einer umfassenderen Diskussion über den Stellenwert der Gebärdensprache in der deutschen Gesellschaft – eine Diskussion, die bis heute nicht abgeschlossen ist.

Warum Gebärdensprache nicht international ist

Nationale Gebärdensprachen

Zu den hartnäckigsten Mythen gehört die Annahme, Gebärdensprache sei eine universelle, weltweit einheitliche Sprache. Das ist sie nicht. So wie sich Lautsprachen über Jahrhunderte in verschiedenen Regionen und Gemeinschaften unterschiedlich entwickelt haben, sind auch Gebärdensprachen national und regional verschieden. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS), die American Sign Language (ASL), die British Sign Language (BSL) und die Langue des Signes Française (LSF) sind ebenso unterschiedliche Sprachen wie Deutsch, Englisch und Französisch.

Bemerkenswerterweise sind die Verwandtschaftsverhältnisse unter den Gebärdensprachen nicht deckungsgleich mit denen der jeweiligen Lautsprachen. Die ASL, also die amerikanische Gebärdensprache, ist der französischen LSF weit näher verwandt als der britischen BSL – obwohl die USA und Großbritannien dieselbe Lautsprache teilen. Der Grund liegt in der Entstehungsgeschichte der ASL, die unmittelbar mit einem Mann aus Frankreich zusammenhängt.

International Sign

Es gibt allerdings ein System namens International Sign (IS), das bei internationalen Veranstaltungen wie dem Weltkongress der Gehörlosen oder bei europäischen Treffen verwendet wird. IS ist jedoch keine natürliche Sprache, sondern ein Kontaktsystem, das Elemente verschiedener Gebärdensprachen kombiniert und stark auf ikonische, also bildhafte Gebärden zurückgreift. Es erfüllt eine ähnliche Funktion wie ein Pidgin in der Welt der Lautsprachen: Es ermöglicht eine grundlegende Verständigung, kann aber die Tiefe und Nuance einer natürlichen Gebärdensprache nicht ersetzen.

Laurent Clerc und die Reise einer Sprache nach Amerika

Die Geschichte der engen Verwandtschaft zwischen ASL und LSF hat einen Namen: Laurent Clerc (1786–1869). Clerc, selbst taub seit seiner Kindheit, wurde an der berühmten Pariser Taubstummenanstalt von Abbé Sicard ausgebildet und wurde dort später zum Lehrer. Im Jahr 1816 begegnete er dem amerikanischen Geistlichen Thomas Hopkins Gallaudet, der nach Europa gereist war, um Methoden für den Unterricht tauber Kinder zu studieren. Gallaudet überzeugte Clerc, ihn in die Vereinigten Staaten zu begleiten.

Gemeinsam gründeten die beiden 1817 in Hartford, Connecticut, die erste dauerhafte Schule für taube Kinder in Nordamerika – die American School for the Deaf. Clerc unterrichtete dort in der französischen Gebärdensprache, die sich im Kontakt mit den lokalen Gebärden der amerikanischen Schüler zur heutigen American Sign Language entwickelte. Dieser historische Transfer erklärt, warum die ASL und die LSF bis heute einen erheblichen Teil ihres Gebärdenwortschatzes teilen, während die BSL, die sich in Großbritannien unabhängig entwickelte, eine ganz andere Sprache ist. Die DGS wiederum hat ihre eigene Entwicklungsgeschichte und unterscheidet sich sowohl von der ASL als auch von der BSL erheblich.

Die gesetzliche Anerkennung von 2002

Das Behindertengleichstellungsgesetz

Ein Meilenstein in der Geschichte der Gebärdensprache in Deutschland war das Jahr 2002. Mit dem Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) am 1. Mai 2002 wurde die Deutsche Gebärdensprache erstmals als eigenständige Sprache gesetzlich anerkannt. Paragraph 6 des BGG formuliert es unmissverständlich: „Die Deutsche Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt.“

Diese Anerkennung war mehr als ein symbolischer Akt. Sie begründete ein Recht auf Gebärdensprachdolmetscher im Umgang mit Behörden, bei Gericht und in der medizinischen Versorgung. Sie verpflichtete Bundesbehörden, die Kommunikation in DGS zu ermöglichen. Und sie gab den taub geborenen und spät ertaubten Menschen in Deutschland ein juristisches Instrument an die Hand, um ihre sprachlichen Rechte einzufordern. Für die Gehörlosengemeinschaft war dies das Ergebnis jahrzehntelanger Lobbyarbeit – und zugleich der Beginn einer neuen Phase, in der es darum ging, die theoretische Anerkennung in eine praktische Gleichstellung zu überführen.

Vor der Anerkennung

Um die Bedeutung des Jahres 2002 zu ermessen, muss man wissen, dass Gebärdensprachen in Deutschland – wie in weiten Teilen Europas – über ein Jahrhundert lang unterdrückt wurden. Auf dem berüchtigten Mailaender Kongress von 1880 hatten hörende Pädagogen beschlossen, dass der Unterricht tauber Kinder ausschließlich in Lautsprache zu erfolgen habe. Die Gebärdensprache wurde aus den Schulen verbannt, Schülern, die gebärdeten, drohten Strafen. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann ein Umdenken, das in der gesetzlichen Anerkennung von 2002 seinen vorläufigen Höhepunkt fand.

Von der Tagesschau bis „Sehen statt Hören“

Gebärdensprache im Fernsehen

Für viele Hörende ist die sichtbarste Präsenz der Gebärdensprache im Alltag die Gebärdensprachdolmetschung im Fernsehen. Der Sender Phoenix überträgt die Tagesschau mit Gebärdensprache – ein Angebot, das für taube und schwerhörige Zuschauer von unschätzbarem Wert ist. Im kleinen Einblendfenster neben dem Nachrichtensprecher übersetzt ein Dolmetscher die Nachrichten simultan in DGS – eine Leistung, die höchste Konzentration und sprachliche Virtuosität erfordert.

Daneben existiert mit „Sehen statt Hören“ eine der ältesten und bekanntesten Fernsehsendungen für Gehörlose im deutschen Sprachraum. Die Sendung wird vom Bayerischen Rundfunk (BR) produziert und über verschiedene Regionalsender der ARD ausgestrahlt. Sie berichtet über Themen, die die Gehörlosengemeinschaft betreffen, von politischen Entwicklungen über kulturelle Veranstaltungen bis hin zu praktischen Alltagsfragen. „Sehen statt Hören“ ist mehr als eine Informationssendung – sie ist ein Stück Identität für die taube Gemeinschaft in Deutschland und ein Beleg dafür, dass mediale Teilhabe möglich ist, wenn der Wille dazu besteht.

Barrierefreiheit im digitalen Zeitalter

Mit der Verbreitung des Internets und der sozialen Medien haben sich die Möglichkeiten der Gebärdensprache erheblich erweitert. Videoplattformen ermöglichen es tauben Menschen erstmals, eigene Inhalte in DGS zu produzieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Zahlreiche Behörden und Unternehmen bieten mittlerweile Informationen in Gebärdensprache auf ihren Internetseiten an – eine Folge sowohl des Behindertengleichstellungsgesetzes als auch eines wachsenden gesellschaftlichen Bewusstseins für Barrierefreiheit.

Taubenkultur und Identität

Taub, nicht taubstumm

Wer sich mit der Gehörlosengemeinschaft in Deutschland beschäftigt, stößt rasch auf eine terminologische Frage, die weit mehr als bloße Wortklauberei ist. Innerhalb der Gemeinschaft wird die Bezeichnung „taub“ bevorzugt – nicht „taubstumm“, nicht „gehörlos“, nicht „hörbehindert“. Das Wort „taubstumm“ gilt als veraltet und wird von vielen als beleidigend empfunden, da es suggeriert, taube Menschen seien „stumm“ – also unfähig zur Kommunikation. Das Gegenteil ist der Fall: Die DGS ist eine vollwertige Sprache, und wer sie beherrscht, ist alles andere als sprachlos.

Der Begriff „gehörlos“ wird zwar in amtlichen Kontexten weiterhin verwendet, doch viele Betroffene empfinden ihn als defizitorientiert: Er betont, was fehlt (das Gehör), statt zu benennen, was ist. „Taub“ hingegen ist eine neutrale Zustandsbeschreibung, die zudem die Möglichkeit eröffnet, von Taubenkultur (englisch: Deaf Culture) zu sprechen – einer kulturellen Identität, die sich nicht über einen Mangel definiert, sondern über eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Erfahrungen und ein eigenes kulturelles Erbe.

Kulturtage und Gemeinschaft

Diese kulturelle Identität findet ihren Ausdruck in zahlreichen Veranstaltungen und Institutionen. Die Kulturtage der Gehörlosen, die regelmäßig in deutschen Städten stattfinden – München war ein früher und bedeutender Austragungsort –, bringen taube Künstler, Schriftsteller, Schauspieler und Wissenschaftler zusammen. Es gibt Theatergruppen, die ausschließlich in DGS auftreten, taube Comedians, die Pointen in Gebärdensprache setzen, und eine wachsende literarische Tradition, die Gebärdensprachpoesie als eigene Kunstform pflegt. Für Außenstehende mag es überraschend klingen, doch die Gehörlosengemeinschaft verfügt über ein reiches, vielfältiges Kulturleben, das in der hörenden Mehrheitsgesellschaft weitgehend unsichtbar bleibt.

Die Cochlea-Implantat-Debatte

Kaum ein Thema spaltet die Gehörlosengemeinschaft so sehr wie das Cochlea-Implantat (CI). Dieses elektronische Gerät, das operativ in das Innenohr eingesetzt wird, kann bestimmten tauben Menschen ein Hörvermögen ermöglichen – allerdings kein natürliches Hören, sondern eine elektronisch vermittelte Klangwahrnehmung, die intensives Training erfordert. Für viele hörende Eltern tauber Kinder erscheint das CI als Selbstverständlichkeit: eine medizinische Lösung für ein medizinisches Problem.

Innerhalb der Taubengemeinschaft sieht man dies häufig anders. Viele taube Menschen betrachten ihre Taubheit nicht als Defekt, der behoben werden muss, sondern als Teil ihrer Identität. Die Entscheidung, einem tauben Kind ein CI einzusetzen – eine Entscheidung, die in der Regel von hörenden Eltern getroffen wird –, wird mitunter als Versuch gewertet, das Kind der Gehörlosenkultur zu entreißen. Kritiker des CI betonen, dass implantierte Kinder häufig weder vollständig in der hörenden noch in der tauben Welt heimisch werden – ein Zustand, der zu Identitätskonflikten führen kann. Befürworter halten dagegen, dass das CI den Kindern Wahlfreiheit ermögliche und sie keineswegs daran hindere, zusätzlich DGS zu erlernen.

Die Debatte ist komplex und emotional, und es wäre verfehlt, sie auf eine einfache Formel zu reduzieren. Was sie deutlich macht, ist der Kern der Taubenkultur: Taubheit als Differenz, nicht als Defizit – und die Gebärdensprache als Herzstück einer Gemeinschaft, die sich über die gemeinsame visuelle Kommunikation definiert.

Bildung und Forschung – DGS an Schulen und Universitäten

Das Institut für Deutsche Gebärdensprache in Hamburg

Die wissenschaftliche Erforschung der DGS hat ihren Schwerpunkt an der Universität Hamburg. Dort wurde 1987 das Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser gegründet – die erste und bis heute bedeutendste Forschungseinrichtung dieser Art in Deutschland. Das Institut bietet einen eigenständigen Studiengang in DGS an und hat maßgeblich dazu beigetragen, die linguistische Erforschung der Gebärdensprache in Deutschland voranzutreiben. Seine Fachzeitschrift „DAS ZEICHEN“ ist das zentrale Publikationsorgan für Gebärdensprachforschung und Gehörlosenpädagogik im deutschsprachigen Raum.

Die Forschungsarbeit des Instituts erstreckt sich über zahlreiche Bereiche: von der Lexikographie der DGS über die Analyse ihrer Grammatik bis hin zu Fragen der bilingualen Erziehung und der Gebärdensprachdolmetschung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Dokumentation regionaler Varianten der DGS, denn ebenso wie das gesprochene Deutsch kennt auch die Gebärdensprache dialektale Unterschiede: Ein Berliner „gebärdet“ anders als ein Münchner.

DGS im Bildungssystem

Im deutschen Bildungssystem hat die DGS in den vergangenen Jahrzehnten langsam an Boden gewonnen, doch der Weg zu einer flächendeckenden bilingualen Bildung ist noch weit. In einigen Bundesländern können taube Kinder an Schulen unterrichtet werden, die DGS als Unterrichtssprache verwenden – ein Modell, das Forschungsergebnisse als überlegen gegenüber dem rein lautsprachlichen Ansatz bewerten. In anderen Bundesländern dominiert weiterhin die orale Methode, bei der taube Kinder vor allem im Lippenablesen und in der Lautsprache geschult werden, während die Gebärdensprache allenfalls eine ergänzende Rolle spielt.

Zugleich wächst das Interesse hörender Menschen an der Deutschen Gebärdensprache. An Volkshochschulen und Universitäten werden DGS-Kurse angeboten, die sich steigender Nachfrage erfreuen. Eltern hörender Kinder nutzen vereinfachte Gebärden, um mit ihren Säuglingen zu kommunizieren, bevor diese sprechen lernen – eine Praxis, die unter dem Namen Baby Sign Language bekannt geworden ist. Und in der inklusiven Pädagogik wird zunehmend erkannt, dass die Integration tauber Kinder in Regelschulen nur dann gelingen kann, wenn Gebärdensprachkompetenz nicht nur bei den Schülern, sondern auch bei den Lehrkräften vorhanden ist.

Literaturhinweise

Wer sich vertiefend mit der Gebärdensprache beschäftigen möchte, findet in einigen Standardwerken verlässliche Orientierung. Das Gebärden-Lexikon von Nora Maisch und Fritz Wisch bietet ein umfassendes Nachschlagewerk der DGS-Zeichen. Harlan Lane hat mit seinen Arbeiten über die Geschichte der Gehörlosen und die Unterdrückung der Gebärdensprache internationale Maßstäbe gesetzt. Und Oliver Sacks schildert in seinem Buch „Stumme Stimmen“ (Seeing Voices, 1989) auf ebenso einfühlsame wie kenntnisreiche Weise die Welt der Gehörlosen und die Faszination der Gebärdensprache. Allen drei Werken ist gemeinsam, dass sie den Leser dafür sensibilisieren, wie viel in einer Sprache steckt, die ohne Schall auskommt – und wie viel verloren geht, wenn man sie übersieht.

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